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Nr. 80, 12.04.2014  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Lehren aus der Umweltvergangenheit

Aus dem, was Menschen in der Vergangenheit mit der Umwelt und umgekehrt, was Naturereignisse mit der Bevölkerung angestellt haben, können wir eine Menge für die Zukunft lernen.


Wer die Laki-Vulkanspalte friedlich unter Moos bedeckt liegen sieht, mag kaum glauben, dass ihr Ausbruch 1783/84 allein auf Island etwa 10.000 Menschenleben forderte. Foto: Wikimedia

Professor Hans-Rudolf Bork ist Direktor des Instituts für Ökosystemforschung, das an der Kieler Uni ein Zentrum der Umweltgeschichte bildet. Gemeinsam mit der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« ist hier eine Juniorprofessur für Umweltgeschichte und Umweltarchive eingerichtet worden. Doch warum soll diese noch junge Disziplin – erst seit den 1960er Jahren gilt sie als eigenständiger Forschungsbereich – so relevant sein? Hans-Rudolf Bork beantwortet die Frage mit einer Definition des Fachs: »Umweltgeschichte befasst sich mit den Mensch-Umwelt-Beziehungen in der Vergangenheit für die Zukunft.«

Dabei, so Bork, gehe es sowohl darum, aus früher gemachten Fehlern zu lernen und diese nicht zu wiederholen, als auch darum, gelungene Beispiele für verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt in der Vergangenheit in künftige Projekte mit einzubeziehen. Die Umweltgeschichte untersucht von vielen Seiten aus die Einflüsse des Menschen auf seine Umwelt, etwa durch Ackerbau, Staudämme und Rohstoffabbau.

»Auch natürliche Prozesse stehen im Fokus, etwa die Wirkungen von Erdbeben, Sturmfluten und Vulkanausbrüchen«, betont Bork. Wie die Natur unseren Alltag gehörig durcheinanderbringen kann, hat der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010 deutlich gemacht.

»Die meisten Flüsse in Mitteleuropa sind begradigt, ihre Auen bebaut und stark versiegelt. Es fehlen Überschwemmungsbereiche. Deshalb könnte ein vergleichbares Hochwasser trotz besserer Schutzmaßnahmen wie Deichbauten und Sperrwerken auch in unserer Zeit schlimm wüten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Vulkanausbruch kommt.«


Doch auch wenn zehntausende Reisende in Europa unter den Folgen dieses Naturereignisses zu leiden hatten, war es doch vergleichsweise harmlos. »Viel heftiger waren die Auswirkungen der Ausbrüche an der Laki-Spalte im Süden der Nordatlantikinsel von Juni 1783 bis Februar 1784«, erzählt Hans- Rudolf Bork. Der Aschestaub lässt sich mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden in Seeablagerungen nachweisen, die Lavaströme sind bis heute als Gesteins­formationen klar zu erkennen.

»Aus schriftlichen Überlieferungen wissen wir, dass auf Island ein Viertel der Bevölkerung, etwa 10.000 Menschen, durch die direkten oder indirekten Folgen der Eruption ums Leben kam.« Sie starben an Atemwegserkrankungen oder verhungerten, weil Asche und schwefelreicher Regen die Weiden unbrauchbar machten, wodurch rund drei Viertel aller Schafe und Pferde verendeten, wie unter anderem die Aufzeichnungen eines isländischen Pastors verdeutlichen.

Doch damit nicht genug: Auch in Europa hatten die Ausbrüche des Laki verheerende Folgen, wie andere Quellen belegen. Monatelang drang die Sonne kaum durch die Aschewolken, der Winter 1783/84 war außergewöhnlich kalt und schneereich. Als im Februar 1784 wärmere Luft und Regen die Schnee- und Eismassen zum Schmelzen brachten und die Pegel vieler Flüsse dramatisch anstiegen, kam es zu einer der schlimmsten Überschwemmungskatastrophen der Neuzeit. Von Köln bis Prag rissen die Eisschollen tragenden Fluten hunderte Brücken und Gebäude fort – letztlich, weil auf Island ein Vulkan ausgebrochen war. Würden eine solch große Eruption und ihre klimatischen Auswirkungen heute weniger verheerende Folgen haben? »Vermutlich nicht«, sagt Ökosystemforscher Bork. »Die meisten Flüsse in Mitteleuropa sind begradigt, ihre Auen bebaut und stark versiegelt. Es fehlen Überschwemmungsbereiche. Deshalb könnte ein vergleichbares Hochwasser trotz besserer Schutzmaßnahmen wie Deichbauten und Sperrwerken auch in unserer Zeit schlimm wüten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Vulkanausbruch kommt.«

Das Beispiel Laki zeigt nach Hans- Rudolf Borks Untersuchungen, warum die Umweltgeschichte so wichtig ist. Um ein solches Ereignis zu erforschen und Handlungsempfehlungen für die Zukunft zu formulieren, bedürfe es einer interdisziplinären Herangehensweise sowie eines geistes- und naturwissenschaftlichen Methodenmixes. »Das können einzelne Fächer wie Geschichte oder Geologie nicht leisten «, schlussfolgert Bork und ergänzt: »Da Menschen und Gesellschaften nicht nach den Gesetzen der Mechanik begriffen werden können, ist nicht die modellierte Prognose der sichere Wegweiser in die Zukunft, sondern die Lehre aus der Vergangenheit.«

Jirka Niklas Menke
Zeitreiseführer
Zusammen mit seiner Kollegin Professorin Verena Winiwarter von der Alpen-Adria-Universität im österreichischen Klagenfurt hat Hans-Rudolf Bork in dem kürzlich erschienenen Buch »Geschichte unserer Umwelt« 60 Beispiele für menschliche Eingriffe in die Natur und für Aus­wirkungen von Naturereignissen auf menschliche Gesellschaften zusammengetragen. Die verständlich aufbereiteten Geschichten gehen auf Störfälle Atomkraftwerken ebenso ein wie auf umweltschonende Landnutzung in Spanien seit der Jungsteinzeit, Sturmfluten an der Nordsee oder das empfindliche Ökosystem der Galapagosinseln.

In der Einleitung zeigen Winiwarter und Bork auf, warum das ökonomische System für viele »Beziehungsprobleme« zwischen Mensch und Umwelt verantwortlich ist: Es sei auf stetiges Wachstum zur Steigerung der Wohlfahrt ausgerichtet, die Erde und die meisten Ressourcen aber wüchsen nicht mit. Die Umweltgeschichte sei daher immer auch eine Geschichte von Macht über Ressourcen und von Nutzungskonflikten. (jnm)

Zum Weiterlesen:
Verena Winiwarter, Hans-Rudolf Bork: Geschichte unserer Umwelt. Darmstadt 2014.
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