CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 81Seite 4
Nr. 81, 12.07.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Im Tumor unerwünscht

Makrophagen zählen zu den Fresszellen des Immunsystems und sind uner­lässlich bei der Abwehr von Krankheitserregern. Sie kommen aber auch in Tumoren der Bauchspeicheldrüse in großer Zahl vor und fördern dort die »Bösartigkeit«.


Gewebeschnitt eines Pankreaskarzinoms. Im Bild dominieren die braun gefärbten Makropha­gen. Blau sind die Zellkerne aller Zellen. Foto: Helm

Den Einfluss von entzündlichen Prozessen auf die Krebsentstehung untersucht die Arbeitsgruppe »In­flammatorische Karzinogenese«, die Professorin Su­sanne Sebens vom Exzellenzcluster Entzün­dungs­forschung leitet. Im Zentrum ihrer Forschung stehen bösartige Tumore der Bauchspeicheldrüse (Pankre­askarzinome), die sich aus einer chronischen Ent­zündung entwickeln können. Diese Tumore bestehen nicht nur aus Krebszellen, sondern enthalten auch nicht-bösartige Zellen, unter anderem Zellen des Immunsystems, insbesondere Makrophagen (Fress­zellen). »Beim Pankreaskarzinom ist der Anteil von Makrophagen im Tumorstroma, also dem Gewebe, das den Tumor umgibt, sehr hoch«, erklärt Ole Helm, der diese Immunzellen und ihre Rolle bei der Krebsentstehung in seiner Promotion am Institut für Experimentelle Medizin analysiert hat.

Makrophagen findet man überall dort, wo Entzündungen ablaufen. Sie beseitigen eindringende Erreger und körperfremde Stoffe und sind damit Bestandteil von Entzündungsreaktionen. »Eigentlich ist deren Arbeit sehr wichtig«, erläutert Sebens. »Das Problem ist, wenn die Entzündung dauerhaft anhält, also eine chronische Entzündung vorliegt, dann tragen Makrophagen offenbar dazu bei, dass das Gewebe entartet.«

Dies untermauerte die Arbeit von Ole Helm. Er wollte vor allem herausfinden, ob die verschiedenen Typen von Makrophagen – M1- und M2-Makrophagen – unterschiedliche Effekte haben. Bisher ging man davon aus, dass M1-Makrophagen Entzündungen fördern und das Tumorwachstum unterdrücken, während die eher anti-entzündlichen M2-Makrophagen als tumorfördernd galten. Die Annahme war, dass im Tumor nur die »bösen« M2-Makrophagen vorkommen. In seiner Arbeit konnte Helm dieses Bild von den »guten« und »bösen« Makrophagen nicht bestätigen.

»Wir suchen also weiter nach den Faktoren, die aus halbwegs gesunden Zellen in der Entzündung Krebszellen machen.«



Um den Einfluss der Makrophagen zu untersuchen, brachte er sie in Zellkultur mit Epithelzellen der Bauchspeicheldrüse zusammen. Dabei verwendete er zum einen die aus Krebsgewebe isolierten Makrophagen, die sogenannten tumor-assoziierten Makrophagen. Zum anderen generierte er »reine« M1- und M2-Makrophagen aus Zellen von gesunden Spenderinnen und Spendern und setzte diese ebenfalls in Zellkultur mit Epithelzellen. Das Ergebnis: Sowohl die Anwesenheit von M1- als auch von M2-Makrophagen verleiht den Epithelzellen tumorfördernde Eigenschaften.

»Außerdem haben wir festgestellt, dass auch die Makrophagen, die aus dem Tumor stammen, Eigenschaften beider Makrophagentypen besitzen«, sagt Helm. Beide Zelltypen tragen also dazu bei, dass sich die Epithelzellen verändern. Das befähigt sie dazu, den Gewebeverband zu verlassen, ins Blut überzugehen und Metastasen zu bilden. Und auch ein weiteres Charakteristikum des Pankreaskarzinoms, die Unempfindlichkeit gegenüber körpereigenen Signalen, die den Zelltod von Tumorzellen einleiten, werde durch beide Makrophagentypen begünstigt. Mit dieser Erkenntnis sollten Therapiestrategien, die »basierend auf dem Bild von guten und bösen Makrophagen entwickelt werden«, kritisch hinterfragt werden. So werde mittels medikamentöser Therapie versucht, M2-Makrophagen in Richtung M1 umzuwandeln, in der Hoffnung, dass diese den Tumor bekämpfen. »Das steht aber im Gegensatz zu dem, was wir gefunden haben«, verdeutlicht Helm. Die Therapie sollte sich stattdessen gegen alle Makrophagen-Typen richten.

Bislang ist noch zu wenig verstanden, über welche Botenstoffe diese Immunzellen zur Entartung der Epithelzellen beitragen. »Wir suchen also weiter nach den Faktoren, die aus halbwegs gesunden Zellen in der Entzündung Krebszellen machen«, sagt Helm.

Kerstin Nees
Stichwort Pankreaskarzinom
Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Pankreaskarzinom gehört zu den zehn häufigsten Tumorarten in Deutschland. Rauchen und Passivrauchen, sowie starkes Übergewicht begünstigen die Entstehung der Erkrankung. Aber auch chronische Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, häufig verursacht durch langjährigen Alkoholkonsum, und Vorerkrankungen wie Diabetes TypII gelten als Risikofaktoren. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 71 Jahren für Männer und bei 75 Jahren für Frauen.
Bei vielen Betroffenen bleibt jedoch unklar, was das Tumorwachstum ausgelöst hat. Da die Erkrankung in frühen Stadien kaum Beschwerden macht, wird der Tumor häufig erst erkannt, wenn er weit fortgeschritten ist. Aufgrund seiner späten Diagnose und ausgeprägten Resistenz gegen Chemotherapien gehört er zu den bösartigsten Tumorerkrankungen. (ne)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de