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Nr. 81, 12.07.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Ausgeklügelter Berganbau

Wer auf einer steilen Insel überleben will, muss sich mit Bergen arrangieren. Wie das gehen kann, zeigt die Geschichte der Atlantikinsel Madeira.


Blick ins Untersuchungsgebiet mit typischen Terrassen und wolkenverhangenen Berghängen. Foto: Kiesow

Madeira bietet kaum flaches Land: Zwei Drittel der Insel weisen ein Gefälle von mehr als 20 Prozent auf. »Dadurch sind die für Ackerbau und Viehzucht nutzbaren Flächen extrem rar«, weiß Sandra Kiesow. Sie schreibt ihre Doktorarbeit an der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« über den Wandel der landwirtschaftlichen Nutzung von Berghängen im besonders steilen Norden der Insel – durchschnittlich neigt sich das Gelände dort um 56 Prozent. Die einzige Möglichkeit, genügend Flächen für den Obst- und Gemüseanbau zu erhalten, war oftmals, Terrassen an den Hängen anzulegen.

»Dass dieser hohe Aufwand über Jahrhunderte betrieben wurde, zeigt, wie groß die Not der Bevölkerung war«, erläutert Sandra Kiesow. »Viele Terrassen sind nur über steile Wege erreichbar. Um Baumaterial hin- oder Ernteprodukte abzutransportieren, mussten die Menschen Menschen Seilsysteme, Lastenkabel oder sogar kleine Seilbahnen installieren.« Selbst die für den Anbau von Nutzpflanzen weniger geeigneten Flächen in über tausend Metern Höhe wurden bewirtschaftet: Die Menschen trugen Kälber hinauf und wenn die Tiere das Schlachtalter erreicht hatten, schafften sie das Fleisch in handlichen Stücken wieder bergab in ihre Siedlungen.

Bei den Untersuchungen auf Madeira ist das von Professor Hans-Rudolf Bork geleitete Kieler Team mit der jungen Wissenschaftlerin bereits zu ersten Erkenntnissen gelangt. »Die Erbauer haben eine aufwändige, aber wirkungsvolle Methode entwickelt, um die Terrassen zu stabilisieren«, sagt Kiesow. So haben sie nicht einfach nur Mauern quer zum Hang errichtet und den Raum dahinter komplett mit Erde verfüllt. Sie legten zusätzlich zwischen Mauer und Hang keilförmige Steinschüttungen als Drainagen an. Die Terrassen trugen damit eine dünnere Erdschicht, und überschüssiges Wasser konnte leichter abfließen. So wurde verhindert, dass die durch die häufigen Niederschläge schwere Erde die Mauern zum Einsturz bringen konnte.

Apropos Niederschläge: Der Süden Madeiras ist zwar ein beliebtes Ferienziel und touristisch gut erschlossen, doch das Gebiet, in dem Sandra Kiesow forscht, taugt nicht für einen Sonnen­urlaub. »Im Norden stauen sich die Wolken des Nordostpassatwindes an den hohen Bergen und regnen ab. Dadurch gibt es dort dreimal so viel Niederschlag wie in Kiel und außerdem an 230 Tagen im Jahr Nebel.« Trotzdem ist die studierte Agrarwissenschaftlerin gern auf der Insel: »Nach meinem Masterabschluss an der CAU wollte ich für ein Vierteljahr ins Ausland. Auf Madeira habe ich mich so wohlgefühlt, dass aus drei Monaten 18 wurden.«

Kiesow absolvierte eine Ausbildung zur Bergführerin und lernte Portugiesisch – nebenbei, wie sie sagt: »Manche Fachausdrücke kenne ich auf Deutsch gar nicht«, lacht sie. Durch ihre Masterarbeit kam sie auch in Kontakt mit ihrem Kieler Doktorvater Professor Hans-Rudolf Bork, der sich unter anderem mit Terrassenlandbau in Äthiopien beschäftigt. Gemeinsam entwickelten sie die Idee für das Promotionsprojekt auf Madeira.

»Im Norden stauen sich die Wolken des Nordostpassatwindes an den hohen Bergen und regnen ab. Dadurch gibt es dort dreimal so viel Niederschlag wie in Kiel und außerdem an 230 Tagen im Jahr Nebel.«


Ihre Orts- und Sprachkenntnisse kommen Sandra Kiesow bei der Dissertation zugute: »Die jüngere Generation im Norden der Insel kennt sich kaum mehr mit dem Terrassenfeldbau aus, doch viele Ältere haben noch genaues Wissen. Ich führe Interviews mit ihnen, um ergänzende Erkenntnisse zu unseren bodenkundlichen und geomorphologischen Untersuchungen zu erhalten.« Kiesow möchte auch nach Abschluss ihrer Doktorarbeit weiter im Norden Madeiras forschen: Besonders interessiert sie sich für den Lorbeerwald mit seinen zahlreichen seltenen Arten. Auch der wächst an steilen Berghängen – allerdings ohne Terrassen.

Jirka Niklas Menke
Geomorphologie-Tagung in Kiel
Sandra Kiesows Forschung berührt ein Teilgebiet der Physischen Geografie, die Geomorpho­lo­gie oder Landformenkunde. An der Kieler Uni sind besonders die Institute für Ökosystem­forschung und Geographie in diesem Feld tätig. Gemeinsam mit der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« richten sie vom 2. bis 4. Oktober die Jahrestagung des deutschen Arbeitskreises Geomorphologie aus.

Bevor die Expertinnen und Experten untereinander fachsimpeln, gibt der Kieler Geophysiker Professor Wolfgang Rabbel bei einem öffentlichen Abendvortrag am 1. Oktober um 19 Uhr im Klaus-Murmann-Hörsaal, Leibnizstraße 1, allgemeinverständliche Einblicke in das Forschungsgebiet. Der Eintritt ist frei. (jnm)
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