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Nr. 81, 12.07.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

»Freizeit ist wichtig!«

Immer mehr Menschen erkranken an »Burnout«. Doch was ist das eigentlich, und was kann man dagegen tun? Ein Gespräch mit Professor (em.) Josef Aldenhoff, langjähriger Leiter der Psychiatrischen Klinik, Professor an der Medizinischen Fakultät der CAU und Aufklärer in Sachen Burnout.


unizeit: Herr Professor Aldenhoff, was ist eigentlich Burnout?

Josef Aldenhoff: Medizinisch gesehen ist Burnout eine Vorstufe zur Depression, also einer psychiatrischen Erkrankung. Weil beide Erkrankungen fließende Übergänge haben, ist die Differenzialdiagnose schwierig. Sich eine psychiatrische Krankheit einzugestehen, ist immer schwer, aber ein Burnout ist in unserer heutigen Gesellschaft fast so etwas wie ein Gütesiegel, nach dem Motto »der hat nur zu viel gearbeitet«. Das ist leichter, als eine Depression zuzugeben. Daher kommen viele, die eigentlich depressiv sind oder eine andere psychiatrische Störung haben, mit dem Burnout-Etikett zur Beratung. Depression hat eine Lebenszeitprävalenz von 20 Prozent, in abgeschwächten Formen sogar bis zu 40 Prozent. Das heißt, fast jeder Zweite bekommt im Laufe seines Lebens eine abgeschwächte Form der Depression. Ich schätze, dass momentan vielleicht 10 bis 15 Prozent der deutschen Studierenden Depressionen oder Burnout haben.

Das erscheint mir sehr viel. Wie erklären Sie sich diese Häufigkeit?

Fehlende soziale Netze, Konkurrenzdenken und der lang andauernde Prüfungsstress können das Risiko erhöhen, an Burnout zu erkranken. Viele Studierende setzen sich auch selbst unter einen perfektionistischen Druck, alles schaffen zu wollen. Seit der Bologna-Reform sicherlich noch mehr als früher. Das Studium ist ja heute kein Idyll mehr.

Wie äußert sich Burnout?

Was früher Spaß gemacht hat, tut das auf einmal nicht mehr. Außerdem isoliert man sich von seiner sozialen Umwelt. Man fühlt sich niedergeschlagen, hat Schlafstörungen und die Gedächtnisleistung nimmt ab. Wenn ein Burnout unbehandelt bleibt, kann es schwere physische oder psychische Auswirkungen haben, wie Bluthochdruck oder eben die »ausgewachsene« Depression. Es gibt aber Vorzeichen: Sie merken es, wenn Sie darauf achten, wie das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit ist. Ist das sehr einseitig? Haben Sie noch Freizeit? Haben Sie noch ein soziales Leben?

Also sollte man zur Vorbeugung mehr Wert auf Hobbies legen?

Freizeit und Alternativen zur Arbeit sind wichtig! Ich frage Patienten oft, ob sie Sport treiben. Und dann kommt die Antwort: »Ja, habe ich gemacht, aber ich hatte keine Zeit mehr dafür.« Das ist in doppelter Hinsicht ein Problem. Denn der Sport trägt ja wesentlich zum Wohlbefinden bei. Allein durch das Reduzieren der sportlichen Tätigkeit geht es einem deutlich schlechter, möglicherweise weil die Glückshormone fehlen. Dass die Balance zwischen Leben und Freizeit in die Schieflage gerät, kommt dann erschwerend hinzu. Zeitmanagement und -bewertung sind wichtig: Wofür nehmen Sie sich Zeit? Wie viel ist es Ihnen wert, Freizeit zu haben? Oder sich wohl zu fühlen? Oder gut zu schlafen?

Das Theaterstück »BurnOut – Dope In« im Sportforum der Kieler uni zeigte eindrücklich die Folgen von Erfolgsdruck im Leistungs­sport. Doch auch immer mehr Studierende und Forschende erkranken an Burnout oder Depressionen. Foto: Sebastian Maas

Kann man das lernen?

Klar, Sie können zum Therapeuten oder Coach gehen. Aber letzten Endes kommt es auf Sie selbst an. Beobachten Sie sich selbst ein bisschen, dann brauchen Sie keinen Coach. Für einen guten Schlaf brauchen Sie zum Beispiel vor allem ein geregeltes Leben. Auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht langweilig erscheint, ist ein geregeltes Leben, das nicht nur aus Arbeit besteht, schon eine gute Sache.

Wo gibt es in Kiel Hilfe und Beratung?

Eine wichtige erste Anlaufstelle für Studierende ist die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks (siehe Kasten). Das Besondere ist dort, dass die Beratung anonym erfolgt und keine Informationen an die Krankenkassen weitergegeben werden. Auch in der Notfallambulanz des Zentrums für integrative Psychiatrie am Uniklinikum können Sie sich Beratung und Hilfe holen. Und die Uni veranstaltet in regelmäßigen Abständen Informationsveranstaltungen und Vorlesungen zu dem Thema, bei denen ich auch vortrage.

Sollten Kolleginnen und Kollegen besser aufeinander aufpassen, oder sollten Studie­rende sich gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn sie zu viel arbeiten?

Selbstverständlich. Aber jedem sollte selbst klar sein, dass er nicht beliebig viel arbeiten kann! Im Zuge des gestiegenen finanziellen Drucks geht die Einschätzung völlig verloren, wie viel Arbeit noch normal ist. Hier sind vor allem die Chefs in der Pflicht. Oder die Geldgeber. Wenn wir Wissenschaftler bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt beantragen und nur ein halbes oder dreiviertel Projekt genehmigt bekommen, lehnen wir das ja nicht ab, sondern versuchen es trotzdem zu machen. Und unter dem Druck und den Zwängen, es um jeden Preis schaffen zu wollen, gehen Sie dann unter Umständen »kaputt«. Darüber sollten all jene nachdenken, die wissenschaftliche Arbeit organisieren.

Das Interview führte Sebastian Maas
Die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks
Zur Lösung von persönlichen Konflikten und Problemen bietet das Studentenwerk Schleswig-Holstein ratsuchenden Studierenden psychologische Hilfe und Unterstützung in den Beratungsstellen an. Die Psychologische Beratung hat ihren Sitz im Gebäude der Wohn­heimverwaltung im Steenbeker Weg 20. Terminabsprachen sind telefonisch unter 0431/8816325 möglich. Persönlich erreichbar sind die Beraterinnen und Berater montags und mittwochs von 14 bis 15 Uhr, während der Beratungen läuft ein Anrufbeantworter. (sma)
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