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Nr. 81, 12.07.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Toxikologisch unbedenkliche Zahnpflege

Wer seine Zähne vor Karies schützen möchte, sollte zum Putzen fluoridhaltige Zahncreme verwenden. Solange diese nicht dauerhaft und in größeren Mengen verspeist wird, drohen keine Gefahren, versichert der Kieler Toxikologe Professor Edmund Maser.


Zähne putzen schützt vor Karies – das liegt vor allem am Fluorid in der Zahncreme.

unizeit: Immer wieder kursieren Warnungen vor Flu­orid im Internet, es sei schädlich und der angebliche Nutzen sei eine große Lüge. Wie bewerten Sie diese Behauptungen?

Edmund Maser: Das ist eine unnötige Panikmache, für die es keine Belege gibt. Fluorid ist ein Spurenelement, das überall in unserer Umwelt vorkommt, auch im Wasser und in Lebensmitteln, zum Beispiel in Nüssen und schwarzem oder grünem Tee. Erst bei extremer Überdosierung über einen langen Zeitraum kann es zu unerwünschten Wirkun­gen kommen. Im Gegensatz zum Fluorid ist Fluor giftig. Das aggressive Gas ist hochreaktiv und frisst sich durch viele Materialien. Der chemische Unterschied zwischen Fluor und Fluorid ist vergleichbar mit dem zwischen Chlor und Chlorid. Chlor ist ein giftiges Gas, das zum Beispiel zum Desinfizieren von Schwimmbädern benutzt wird, während Chlorid Bestandteil unseres Kochsalzes ist.

Ab welcher Menge ist Fluorid bedenklich und wie äußert sich eine Überdosierung?

Bei ordnungsgemäßem Gebrauch von Zahnpasta, also Putzen der Zähne und anschließendem Ausspucken, besteht kein Risiko Fluorid überzudosieren.
Man schätzt, dass bei Erwachsenen täglich bis zu 0,72 mg Fluorid über die Zahnpasta im Körper landen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit betrachtet eine Zufuhr­menge von 0,05 mg pro Kilogramm Körpergewicht als günstig und unbedenklich. Das wären für Kinder zirka 1 mg Fluorid pro Tag, für Frauen ca. 3,1 mg und für Männer 3,8 mg pro Tag. Weiße Flecken oder Streifen auf den Zähnen, eine sogenannte Zahnfluorose, tritt bei langfristiger Überschreitung dieser Höchstmengen auf und kann die Folge einer zu reichlichen Pflege mit fluoridhaltigen Produkten und zum Beispiel der zusätzlichen Einnahme von Fluoridtabletten sein. Das sieht zwar nicht so schön aus, ist aber gesundheitlich unbedenklich.
Um der Gesundheit von Knochen und Zähnen ernsthaft zu schaden, muss Fluorid über 10 Jahre und mehr extrem überdosiert werden. Eine akute Toxizität besteht für Kinder, wenn sie den Inhalt von 20 Tuben Kinderzahnpasta bzw. 10 Tuben Erwachsenenzahnpasta auf einmal verspeisen.

Wie gut ist der Nutzen von Fluorid zur Kariesvorsorge belegt?

Viele wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass fluoridhaltige Zahnpasta die Zähne vor Karies schützt. Neben der Beschränkung der Zuckeraufnahme und der gründlichen Entfernung der Zahnbeläge trägt der Einsatz von Fluoriden wesentlich dazu bei, Karies zu verhindern. Fluorid lagert sich in der oberen Schicht des Zahnschmelzes ein und verhindert, dass Säuren zum Schmelz durchdringen und diesen angreifen. Rund 40 Prozent der Kariesfälle werden durch Fluorid verhindert.

Was ist besser, die Anwendung von Fluoriden über Zahncreme oder Spülung direkt in der Mundhöhle oder über die Nahrung und das Trinkwasser?

Systemisch aufgenommenes Fluorid, zum Beispiel über fluoridiertes Speisesalz oder Trink­wasser wird erst durch den Speichel an die Zahnoberfläche herangeführt. Es entfaltet seine Wirkung vorwiegend in der wässrigen Phase an der Oberfläche des Zahnes und hat somit keinen Vorteil gegenüber äußerlich angewendetem Fluorid von Zahnpflegeprodukten. Auch Fluorid­tabletten, die Kleinkinder während der Zahnentwicklung bekommen, haben eine vergleichsweise geringe Wirkung auf kariöse Prozesse. Dies ist ein Argument für Fluorid in Zahnpasta oder in Mundwässern und gegen die Einnahme von Fluorid-Tabletten. Wer fluoridiertes Speisesalz verwendet, kann auf zusätzliche Fluorid-Tabletten verzichten.

Das Interview führte Kerstin Nees
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