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Nr. 84, 10.10.2015  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Suche nach dem dritten Weg

Öko-Fraktion und industrielle Landwirtschaft scheinen sich unversöhnlich gegenüberzustehen, wenn es um die Ernährung der Weltbevölkerung geht. Die Uni Kiel sucht in einem neuen Schwerpunkt nach einem Mittelweg.


Getreide kann ökologisch oder auf Masse produziert werden. Oder vielleicht am besten auf einem Mittelweg.

Landwirtschaft und Umweltschutz besser in Einklang zu bringen, ohne dabei kritiklos Glaubens­sätze der einen oder der anderen Fraktion nachzubeten: Darum geht es in dem neuen Promo­tionsschwerpunkt »Ein dritter Weg zur Ernährung der einen Welt«. Gemeinsam mit dem Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst vergibt die Uni Kiel innerhalb der kommenden sieben Jahre 20 Forschungsstipendien mit einer Fördersumme von zwei Millionen Euro. Der neue Schwer­punkt gilt zugleich als erstes großes Projekt des Gustav-Radbruch-Netzwerks für Philosophie und Ethik der Umwelt.

»Wir bringen Agrarwissenschaften, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften zusam­men«, beschreibt Professor Rainer Horn, Prodekan der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät, den interdisziplinären Charakter dieser Initiative. Und betont dabei, dass dies im Grunde nichts anderes sei als die Fortführung eines längst eingeschlagenen Weges. Bereits seit fünf Jahren hat die Fakultät das Thema Agrar- und Umweltethik ins Vorlesungsprogramm aufgenommen. Denn ohne vertieftes Nachdenken über die Folgen des Umgangs mit Tieren und Feldern geht es nicht, sagt der Bodenkundler und nennt ein Beispiel aus seinem eigenen Fachgebiet:

»Jeden Tag werden weltweit 300 Quadratkilometer Fläche versiegelt.
So kann das nicht weitergehen.«


Stolz sind die Verantwortlichen der Uni Kiel, dass sie sich im Rennen um den Forsch­ungs­schwerpunkt gegen acht Uni-Konsortien aus Deutschland durchgesetzt haben. Den Zuschlag habe man »mit Freude erteilt«, sagt dazu Oberkirchenrätin Birgit Sendler- Koschel, die im Vorstand des Evangelischen Studienwerks Villigst sitzt. Promotionsschwerpunkte unterstützt das Studienwerk bereits seit 1986. Stets geht es darum, wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn möglichst effektiv auf die Praxis zu übertragen. Dies sei ein sehr christliches Anliegen, betont Landesbischof Gerhard Ulrich:

»Immer noch sind 805 Millionen Menschen chronisch unterernährt,
da kann die Kirche nicht tatenlos zusehen.«


Ähnlich wird das in der Wissenschaft betrachtet. Professor Friedhelm Taube, der Sprecher des Forschungsschwerpunktes, verortet das Projekt gewissermaßen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite stehe der agrarindustrielle Komplex, der es nach Taubes Darstellung geradezu als moralische Pflicht ansieht, »das Letzte aus jedem Hektar rauszuholen«. Auf der anderen Seite sieht der Agrarwissenschaftler eine bunte Palette von Nichtregierungsorganisationen, die das Hohelied nachhaltiger Öko-Landwirtschaft singen, aber nicht wirklich befriedigend erklären können, wie damit das globale Ernährungsproblem gelöst werden kann.

Unter dem im Promotionsschwerpunkt propagierten dritten Weg verstehen Taube, der Agrar­öko­nom Professor Christian Henning und der Umweltethiker Professor Konrad Ott genau­genommen »mehrere dritte Wege«. Wege, die umweltschonende und leistungsfähige Landnutzungen in Afrika und Südamerika aufzeigen, diese vor Ort in kluge Politik umsetzen und schließlich sicherstellen, dass eine ethische Akzeptanz gegeben ist. Statt Produktionssteigerung um jeden Preis oder Bio- Landwirtschaft als Selbstzweck soll die Frage im Mittelpunkt stehen, wie zu möglichst geringen ökologischen Kosten möglichst viele gute Lebensmittel erzeugt werden können.

Ein konkretes Promotionsthema wird der Landnutzungswandel in Südamerika sein. Und auch hier soll es ganz ohne Scheuklappen ans Werk gehen.

So gilt es zwar grundsätzlich als klimaschädlich, wenn Savannen in Ackerland umgewandelt werden. Denkbar ist aber nach Einschätzung von Taube, dass es zu einer Win-win-Situation kommt, wenn vormals überweidetes Grasland für einen nachhaltigen Pflanzenbau umgenutzt wird. Ob das zutrifft, können Promovierende bald praktisch in Uruguay überprüfen.

Aus anderer Warte werden sich Promovierende nach den Worten von Christian Henning damit befassen, wie innovative Konzepte zur Landwirtschaft politisch umgesetzt werden können. Oftmals, davon ist er überzeugt, mangelt es nicht am Willen, sondern am Wissen über die Instrumente, mit denen gute Ideen zu guten Taten werden. Dies gelte für die Agrar- und Umweltpolitik in Afrika ebenso wie der EU.

Unterdessen steht Umweltethiker Professor Konrad Ott für übergreifende Themen. Gibt es ein Recht auf Nichthungern? Und wenn ja, wer hat dann welche Pflichten? Schon diese beiden Fragen deuten an, dass derartige Themen zwar übergreifend ausgelegt sein mögen, aber keines­wegs abgehoben daherkommen. Pflichten sind schließlich sehr konkrete Angelegenheiten.

Martin Geist
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