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Nr. 84, 10.10.2015  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Aus großer Technologie folgt große Verantwortung

An der Technischen Fakultät befassen sich ein Physiker und ein Philosoph seit rund fünf Jahren mit der Frage, welche Verantwortung Wissenschaft trägt. Die Seminare erfreuen sich großer Beliebtheit. In diesem Jahr geht es um Forschungsethik


Durch Forschung werden neue Technologien entwickelt, die sowohl hilfreich als auch schädlich für die Menschheit sein können - wie 3D-Drucker. Forschende brauchen deswegen ein ethisches Grundverständnis. Foto: Thinkstock

»Technologie ist das Schaffen von Möglichkeiten«, sagt Rainer Adelung, Professor für Funktionale Nanomaterialien an der Technischen Fakultät. »Die Frage ist, darf ich diese anwenden, und darf ich Forschung im Zweifelsfall unterlassen?« Die Entwicklung von neuen Technologien, Wirkstoffen oder Systemen schafft ebendiese Verantwortung – davon sind die Professoren Werner Theobald und Rainer Adelung überzeugt. Der Philosoph und der Physiker haben bereits vor über fünf Jahren eine gemeinsame, interdisziplinäre Seminarreihe mit dem Titel »Technologie und Gesellschaft« ins Leben gerufen.

Durch Forschung werden ständig Erkenntnisse geschaffen, die sowohl Nutzen bringend als auch schädlich sein können, postulieren die Professoren. Deswegen brauchten Forscherinnen und Forscher eine ethische Flankierung – eine Art Marschrichtung, wie die Leitlinien zur Embryonenforschung.

»Ich befasse mich mit Nanotechnologie. Da kam sehr früh die Fragestellung auf, ob ethische Aspekte zu berücksichtigen sind«, erläutert Adelung. Zusammen mit Theobald, der am damaligen Zentrum für Ethik der CAU arbeitete, bot er 2010 an der Technischen Fakultät erstmals ein Seminar mit dem Titel »Nanotechnologie und Ethik« an. Es war ein Erfolg. Studierende der Philosophie, Informatik, Materialwissenschaften und Biologie und sogar ein angehender Jurist nahmen teil. »Nachdem wir festgestellt haben, dass für eine solche Veranstaltung großes Interesse bestand, haben wir die Thematik weiter vertieft«, sagt Theobald.

Seitdem stellen sie die Seminarreihe jedes Semester unter ein neues Motto. Im Wintersemester geht es um die Grundlagen der Forschungsethik, Problemfelder und Anwendungsgebiete. Dazu gehören beispielsweise Embryonen- und Hirnforschung, Enhancement – also Technologie zur »Verbesserung« des Menschen – sowie Nanotechnologie. Zudem vermitteln die Wissenschaftler in dem Seminar Methoden, wie Forscherinnen und Forscher bei konkreten ethischen Problemstellungen vorgehen können.

»Die Frage ist grundsätzlich: In welcher welcher Welt wollen wir leben? Und ist diese Vorstellung aufgrund der Strukturen der wirklichen Welt überhaupt umsetzbar? Zum Beispiel kann man die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen«, erklärt Theobald. »Ich muss für etwas Verständnis haben, um es bewerten zu können«, ergänzt Adelung. »Bei einer komplexen Technik habe ich als Wissenschaftler auch die gesellschaftliche Verantwortung für diesen Forschungs­gegen­stand.« So sollten Forscherinnen und Forscher etwa auch langfristige Folgen ihrer Arbeit im Blick haben.

Im vergangenen Semester gab es zum ersten Mal die Situation, dass sich nur vier Personen für das Seminar angemeldet hatten. »Das war wie Cambridge in Kiel«, schmunzelt Theobald, »ein optimaler Betreuungsschlüssel.« Aus diesem Grund entwickelte sich das Seminar auch völlig anders als geplant. Den Studierenden wurde freigestellt, welches Thema sie angehen wollten – jeder konnte sich ein Fachgebiet aussuchen, das ihm oder ihr am Herzen lag. So entstanden vier völlig unterschiedliche Themen: Chancen und Risiken von 3-D-Druckern, Nanopartikel in der Medizin, Brain-Computer- Interfaces sowie Automatisierte Automobile.

»Dabei haben auch wir noch etwas dazugelernt«, resümiert der Physiker. Auch das spontane Einbringen eines Themas war möglich. So wurde der absichtlich durch den Piloten herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine behandelt. Die Fragen waren, ob das System versagt hatte und ob sich der Absturz hätte verhindern lassen. Sie luden einen ehemaligen Flight Safety Officer und Ausbildungs-Piloten der Lufthansa ein. »Es war spannend«, sagt Theobald, der sich selbst für das Thema Flugsicherheit einsetzt. »Allerdings kam heraus, dass das vorhandene System nur sehr schwer zu optimieren ist.«

Ann-Christin Wimber

Seminar »Technologie und Gesellschaft«.
25.10.2015 bis 10.02.2016, jeweils mittwochs, 16:15 bis 17:45 Uhr,
Technische Fakultät, Kaiserstraße 2
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