CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 84Seite 16
Nr. 84, 10.10.2015  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Lesebuch der Aufmüpfigkeit

Studieren und protestieren. Das scheint irgendwie zusammenzugehören. Mal mehr, mal weniger.


Studentische Demonstration gegen Studiengebühren im Jahr 2006. Immer wieder geht es bei Protestaktionen auch um ureigene Anliegen der Studierenden. Foto: Martin Geist

18 Masterstudierende am Seminar für Europäische Ethnologie und Volkskunde haben sich unter Leitung von Professor Markus Tauschek zwei Semester lang damit beschäftigt, auf welche Weise, aus welchen Gründen und in welchen Formen der akademische Nachwuchs seinem Ärger Luft gemacht hat. Obwohl lediglich die Ära von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart hinein ins Visier genommen wurde, war das Pensum gewaltig, sagt Tauschek, der begeistert darüber ist, wie viel »Ehrenamt« seine Gruppe in das Projekt gesteckt hat. Gelohnt hat es sich allemal. Die Studierenden trugen so viel zusammen, dass ein umfangreiches Lesebuch der Aufmüpfigkeit zustande gekommen ist.

So hat sich Tim Uekert mit den 1950er- Jahren beschäftigt, die anscheinend doch nicht ganz so bieder waren, wie ihnen nachgesagt wird. Jedenfalls zeigten sich an der Uni Kiel durchaus erste Pflänzlein der Widerborstigkeit. Beispielsweise in Form eines Mensa-Boykotts wegen des offenbar zu schlechten Essens. Überdies, so vermutet Professor Tauschek, ist gerade aus dieser Zeit vieles nicht überliefert. »Von den damals gewiss nicht überwältigenden baulichen Zuständen bis zu den hohen Studiengebühren hätte es jedenfalls genug Anlässe für Unmut gegeben«, glaubt er.

Ausschließlich auf das Jahr 1965 hat Jörn Borowski seinen Blick fokussiert. Nicht nur weil die Uni damals ihr 300. Jubiläum feierte, sondern weil dieses Jahr einen Umbruch markierte. Letztmals sollte die Professorenschaft zu diesem Anlass mit Talar und Barrett in die Nikolaikirche ziehen. Und irgendwie lag dabei der Wandel in der Luft. »Es gab zwar wenig performativen Protest, aber viel Kritik auf textueller Ebene«, hat Borowski herausgefunden. Demonstrationen und andere Aktionen wurden gemieden, in Studierenden- Blättern wie »Res Nostra« oder »Skizze« machte man sich aber auf sehr ironische Weise lustig über die verstaubten Rituale der Uni-Oberen. »Kritisch sein, ohne zu kritisch zu sein«, beschreibt Jörn Borowski diese Art Protest.

Zumindest als Bundespräsident Heinrich Lübke zum Jubiläum gratulierte, gab der kritische Nachwuchs diese Zurückhaltung aber auf. Nun wurden Transparente gezeigt, und die Rede war begleitet von Zwischenrufen, die beispielsweise zum Thema hatten, dass viel zu wenige Arbeiterkinder Zugang zur Universität fanden.

Empörung, aber auch großes Aufsehen riefen die Studierenden hervor, als sie im Mai 1968 eine Rektoratsfeier im Kieler Schloss unterliefen. Wieder einmal wollten die Lehrenden und andere Gäste mit Amt und Würden unter sich sein, der Nachwuchs freilich verschaffte sich mit 400 gefälschten Tickets Einlass und nahm das Establishment durch persiflierte Segnungen mit Klobürsten auf die Schippe. »Wer ist eigentlich Universität?«, lautete nach den Worten von Professor Tauschek die Frage hinter dieser Aktion.

Nach Erkenntnissen der Gruppe mischten sich auch sonst häufig Fragen der großen Politik mit dezidiert universitären Anliegen. Kritik am Kapitalismus und am Vietnamkrieg auf der einen Seite, Blockaden von Klausuren und Aktionen gegen unbeliebte Lehrende auf der anderen Seite. Karoline Liebler befasste sich exemplarisch mit dem Fall Werner Kaltefleiter. Gegen den Politik- Professor richtete sich von seiner Berufung im Jahr 1970 bis in die 1990er- Jahre hinein immer wieder massiver Widerstand. Seine Gegner sahen ihn als kalten Krieger, als Sprachrohr des militärisch-industriellen Komplexes und in seiner Zeit als Vizepräsident als autoritären Durchpeitscher. Trotz aller Anfeindungen blieb Kaltefleiter. Andere Professoren und Dozenten, besonders Lehrende mit Nazi-Vergangenheit, mussten dagegen gehen.

Solche großen Aufreger-Themen scheint es heute kaum noch zu geben. In den 1980-er Jahren hinterließen noch Frauen- und Friedensbewegung einigermaßen spektakuläre Spuren des Protestes. Danach waren es dann die das Leben der Studierenden oder die Universität direkt betreffenden Themen, die Proteste auslösten. Widerstand gegen Studiengebühren, gegen den Bologna-Prozess und immer wieder gegen die Unterfinanzierung der Hochschulen bestimmen seit geraumer Zeit die Tagesordnung. Der Protest bekommt dabei nach Auffassung der Volkskunde-Studierenden immer mehr Event-Charakter. 1997 gab es einen »Lucky Streik« gegen die Unterfinanzierung, 2006 campierten die »Uni- Schläfer« gegen Studiengebühren. Und längst – so eine kaum überraschende Erkenntnis – kommt der Protest heutzutage per Facebook, Twitter, Blogs und Co. auch digital daher.

Das Projekt und das Buch zu Formen des studentischen Protestes an der Uni Kiel wird am 17. Dezember um 19:00 Uhr im Audimax, Hörsaal A, öffentlich präsentiert.

Martin Geist
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de