CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 85Seite 1
Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Wir müssen über Sex reden

Was antwortet man als Pädagogin oder Pädagoge auf die Frage, wie lange Liebeskummer dauert? Oder wie man seiner Freundin sagt, dass man noch nicht mit ihr schlafen will? Und wie reagiert man, wenn eine Zehnjährige von ihren Klassenkameraden als »Lesbe« beschimpft wird?


Schule, Kindertagesstätten und andere pädagogische Einrichtungen sind zentrale Punkte im Leben von Kindern und Jugendlichen. Antworten auf die drängenden Fragen und Probleme bekommen junge Menschen aber meist eher von Freunden oder aus dem Internet, noch seltener aus der Familie. Pädagoginnen und Pädagogen sind zwar wichtige Bezugs- und Ansprech­personen, aber beim Thema Sexualität meist unzureichend vorbereitet. »Das Thema Sexualität stand bei der Ausbildung von pädagogischem Fachpersonal leider lange nicht auf den Lehr­plänen«, sagt Professorin Anja Henningsen, »und daraus resultiert eine Sprachlosigkeit, die einen Nährboden für sexuelle Gewalt bieten kann.«

»Wir wollen herausfinden, wie man sexuelle Gewalt in Schulen und Kindergärten verhindern kann. Dafür untersuchen wir die Sexual- und Kommunikationskultur in Bildungseinrichtungen und führen Fortbildungen für Lehrkräfte durch.«


Zwar gab es immer Forschende und Lehrende, die die Themen »Sexualität« und »sexuelle Gewalt« in Lehrveranstaltungen diskutiert haben, jedoch fehlte zumeist eine strukturelle Verankerung. Nach dem Bekanntwerden von etlichen Missbrauchsfällen in pädagogischen Ein­richtungen, etwa an der Odenwaldschule oder dem katholischen Canisius-Kolleg in Berlin, wird noch immer nach Erklärungen und Ursachen für die Übergriffe gesucht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert dafür den Aufbau einer flächendeckenden Forschungs­landschaft zu diesem Thema mit der Forschungslinie »Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten«. Anja Henningsen hat seit 2013 an der Kieler Uni­versität eine der bundesweit fünf hierfür geschaffenen Professuren inne. Sie untersucht das Thema als bundesweit Einzige mit einem sexualpädagogischen Schwerpunkt.

Professorin Anja Henningsen hilft Pädagoginnen und Pädagogen dabei, sexuelle Gewalt in päda­gogischen Einrichtungen zu erken­nen und zu verhindern. Doch Res­sentiments stören die Aufklä­rungs­arbeit. Foto: Maas/CAU

»Wir wollen herausfinden, wie man sexuelle Gewalt in Schulen und Kindergärten verhindern kann. Dafür untersuchen wir die Sexual- und Kommunikationskultur in Bildungseinrichtungen und führen Fortbildungen für Lehrkräfte durch. Kinder und Jugend­liche befragen wir, wenn die Eltern dem zugestimmt haben, nach partnerschaftlichen und sexuellen Erfahrungen. Und auch, wie sie mit den dazugehörigen Krisen umgehen«, sagt Henningsen.

Mit ihren vier Kolleginnen und Kollegen der Forschungslinie hat sie außerdem ein Curriculum für Lehramtsstudierende ent­wickelt. Die Möglichkeit, sich bereits im Studium intensiv mit Sexualpädagogik zu befassen, wird von Studierenden begeis­tert angenommen und erleichtert ihnen den späteren Umgang mit Kinderfragen, unsicheren Eltern oder konkreten Verdachten auf Missbrauch. »Der Kern des Problems ist die Befangenheit. Kinder und Jugendliche merken schnell, wenn Erwachsenen ein Thema unangenehm ist. Empirisch betrachtet sind sie gut über das Faktenwissen aufgeklärt, aber mit vielen Fragen über Freundschaft, sexuelle Lebens- und Liebesweisen alleingelassen.«

Schulen seien hier oft konzeptionslos, Aufklärungsthemen würden nur von wenigen motivierten Lehrkräften freiwillig übernommen. Hinzu kommen aufgebrachte Eltern und rechtskonservative politische Gruppierungen, die der Schule die Aufklärung verbieten wollen, aus Angst, ihre Kinder würden dadurch auf dumme Ideen gebracht. Doch nur, weil Sexualität für manche Erwachsene ein unangenehmes Thema ist, dürften sie davor nicht die Augen verschließen: »Gerade dieses peinlich berührte Wegschauen und Ignorieren im Kollegium sorgte dafür, dass der Missbrauch in den durch die Medien bekannten Einrichtungen so lange funktioniert hat. Den Kindern und Jugendlichen fehlten die Sprache und Handlungskompetenz, um sich zu wehren«, sagt Henningsen.Was muss also passieren, um so etwas in der Zukunft zu vermeiden?

»Es muss mehr über Sexualität gesprochen werden. Wenn erwachsene Bezugspersonen mit Kindern und Jugendlichen über Vorstellungen von Liebe, Partnerschaft, Krisen oder Safer Sex reden, bekommen sie einen Kompass dafür, was sie sich wünschen, was ihnen guttut – oder eventuell auch nicht. Und erst, wenn man ihnen dieses Verständnis und die dazugehörige Sprache an die Hand gibt, bekommen sie die Möglichkeit zur sexuellen Selbstbestimmung und können sich gegen Missbrauch oder Mobbing wehren.«

Vor diesem Hintergrund ist es äußerst schädlich, dass die Sexualpädagogik von homophoben und rechtskonservativen Gruppen wie den »Besorgten Eltern« oder Teilen von politischen Par­teien so scharf angegriffen wird: »Der Vorwurf lautet, Kinder würden ›sexualisiert‹, indem man mit ihnen über ihre Gefühle und Wünsche spricht. Oder sie würden homosexuell, wenn man ihre Fragen zu alternativen Lebensentwürfen beantwortet. Das ist nicht nur falsch, sondern auch noch kontraproduktiv. Wenn Gesprächsangebote über Sexualität stigmatisiert werden, verunsichert dies die Pädagoginnen und Pädagogen noch mehr und schadet so denen, die Hilfe und Antworten suchen«, mahnt Henningsen.

Damit Lehrkräfte und pädagogisches Personal auch jenseits der Universität die richtige Sprache und Methodik erlangen, bietet Henningsen gemeinsam mit dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) Fortbildungen an. Da diese freiwillig sind, erreichen sie aber keine Lehrkräfte, die das Thema strikt ablehnen. Henningsen: »Zwingen können und wollen wir niemanden. Ich kann nur betonen, wie dankbar die Teilnehmenden der Weiterbildungen sind. Vielleicht ist das ja ein Anreiz, die eigene Position zu überdenken. Denn bis sexuelle Diskri­minierungen und Gewalt aus der pädagogischen Praxis weichen, ist es noch ein weiter Weg.«

Sebastian Maas

www.sexualpaedagogik.uni-kiel.de
www.präventionskompetenz.de
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de