CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 85Seite 2
Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Die Macht der Mikroben

Bakterien spielen eine wichtigere Rolle für Mensch, Tier und Pflanze als bisher angenommen: Sie bestimmen über deren Gesundheit und Lebensverlauf mit. Wie und warum das geschieht, erforscht der neue Kieler Sonder­forsch­ungs­bereich 1182.


Thomas Bosch ist Sprecher des neuen Sonderforschungsbereiches über Metaorganismen. Foto: Eulitz

Was haben Fettleibigkeit, Autismus und sterbende Korallen gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig. Eine neue Sichtweise in Biologie und Medizin geht allerdings davon aus, dass viele verschiedene Krank­heitsbilder eine gemeinsame Ursache haben könn­ten: Die Störung des Zusammenspiels von Lebe­wesen und Mikroorganismen, die sie besiedeln. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben begonnen, das Leben als Interaktion von Lebewesen mit ihren Bakterien aufzufassen und zu erforschen.

Diesen Ansatz nennen sie das Metaorganismus-Konzept. Es definiert Organismus und Bakterien als Einheit, die über die Grenzen von Individuen und Arten hinweg die Funktion und die Entwicklung von Lebewesen bestimmt. Immer mehr spricht dafür, dass dieser Metaorganismus nicht nur über Gesundheit und Krankheit mitentscheidet, sondern auch tierisches und menschliches Verhalten beeinflusst und letztendlich nach einer neuen Definition des Begriffes »Individuum« verlangt.

Das Metaorganismus-Prinzip läutet eine neue wissenschaftliche Ära ein. Es stellt klassische Sichtweisen in Biologie und Medizin und die Grenzen zwischen den Disziplinen infrage. Neue interdisziplinäre Konzepte sind daher erforderlich. Der Sonderforschungsbereich (SFB) 1182 »Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen« trägt diesem Bedarf Rechnung: Forschende aus fünf Instituten der Universität Kiel, vom Geomar und von den Max Planck-Instituten für Evolutionsbiologie und Marine Mikrobiologie in Plön und Bremen werden das Thema fach­über­greifend aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dafür gibt es rund 10 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Gemeinsam wollen die beteiligten Arbeitsgruppen heraus­finden, warum und wie mikrobielle Gemeinschaften langfristige Verbindungen mit ihren Wirts­organismen eingehen, und welche Konsequenzen diese Wechselwirkungen haben.

»Wir wollen verstehen, wie ein Organismus und seine ihn besiedelnden Mikroben eine funktionale Einheit, den Metaorganismus, bilden. Das Funktionieren dieser multiorganismischen Einheit hat evolutionäre und ökologische Auswirkungen und beeinflusst so Lebenszyklus und Fitness aller Lebewesen. Nur über ein Verständnis der Prozesse und Interaktionen, die im Metaorganismus ablaufen, können wir uns dem Verstehen von komplexen Erkrankungen und dem Erhalt der Gesundheit nähern«, fasst SFB-1182-Sprecher Professor Thomas Bosch die Aufgabe zusam­men, die vor den Forschenden liegt.

Es wird zum Beispiel erforscht, welchen Einfluss wechselnde Umweltbedingungen auf die Interaktion von Wirt und Mikroben haben, welche mikrobiellen Signalwege die Zusammensetzung und Stabilität der Bakteriengemeinschaften steuern oder wie die Mikroorganismen die Abwehr des Körpers gegen Krankheitserreger unterstützen.

Während im 20. Jahrhundert Infektionskrankheiten weitgehend ausgerottet wurden, haben sich gleichzeitig viele neue Krankheitsbilder entwickelt, die mit dem Lebensstil zusammenhängen, sogenannte Umwelterkrankungen. In diesem Zusammenhang hoffen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass die Erforschung des Metaorganismus-Konzepts große Fortschritte in Gesundheitsvorsorge und Therapie ermöglichen wird. Experimentell kann man schon heute nachweisen, dass Krankheiten entstehen, wenn die Balance von Organismus und Bakterien gestört wird. Ein langfristiges Ziel ist daher, diese Balance künftig therapeutisch wiederherstellen zu können. Der SFB 1182 will nun die wissenschaftlichen Grundlagen schaffen, um die vielfältigen Potenziale des neuen Forschungsgebietes zu erschließen.

Christian Urban
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de