CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 85Seite 3
Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Das gelbe Problem im Grünland

Vor allem auf Naturschutzflächen hat sich das giftige Jakobs-Kreuzkraut in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet. Wie es sich umweltverträglich ein­dämmen lässt, ist Gegenstand aktueller Forschung an der Kieler Universität.


Jakobs-Kreuzkraut wächst vor allem an Straßenböschungen, Bahndämmen und ökologisch bewirtschaftetem Grünland. Wenn Bienen auf die gelben Blüten fliegen, kann deren Gift in den Honig gelangen. Foto: Möhler

Mit Mitteln der konventionellen Landwirtschaft – wie dem Einsatz von Herbiziden – ließen sich Massenbestände von Jakobs-Kreuzkraut (JKK) schnell beseitigen. Es geht aber vor allem um extensiv genutzte Weideflächen, die aus Naturschutzgründen wertvoll sind. Sie sind Rückzugs­gebiete für seltene Tiere und Pflanzen und damit ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt in Schleswig-Holstein.

»Wenn man da mit Spritzmitteln drangeht, vermehrt düngt oder häufiger mäht, verliert man einer­seits die Begleitpflanzenarten, und andererseits ist es auch für die gesamte Fauna problema­tisch«, erklärt der Landschaftsökologe Dr. Tobias Donath vom Institut für Natur- und Ressour­censchutz der CAU. Nichts zu tun, ist aber auch keine Lösung. Denn die gelben Blüten dienen als Bienenweide und die enthaltenen Pflanzengifte können in den Honig übergehen. Auch eine Gefährdung von Weidetieren oder der Übergang ins Fleisch kann nicht ausgeschlossen werden (siehe Beitrag unten).

»Ich schreibe auf, wo die Pflanze steht, und ob es sich um einen Keimling, eine vegetative oder eine blühende Pflanze handelt. Außerdem messe ich jeweils das längste Blatt. Das mache ich für jede einzelne Pflanze des Jakobs- Kreuzkrauts in dem Quadrat.«


Welche naturschutzverträglichen Maßnahmen das JKK über fünf Jahre am wirksamsten zurück­drängen können, untersucht die Abteilung Landschaftsökologie (Leitung: Professor Tim Diekötter) auf acht Versuchsflächen zwischen Flensburg und Lauenburg. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. »Wir untersuchen unter anderem, was ein guter Zeit­punkt wäre, um die Flächen zu mähen«, sagt Donath. So gehe es zum Beispiel darum, das Auf­wachsen der Pflanzen durch das Mähen zu vermindern. Insgesamt sechs verschiedene Verfahren sowie Kontrollflächen ohne Bearbeitung stehen zum Vergleich.

Neben dem zweimaligen Mähen vor der ersten und zum Ende der zweiten Blüte sowie dem ein­maligen Mähen gegen Ende der ersten Blüte (vor der Samenreife) werden Maßnahmen zur Grün­landerneuerung mit und ohne Umpflügen der Flächen untersucht. Dazu gehört zum Beispiel auch das Ausbringen von kräuterreichem regionalem Saatgut oder das Übertragen von Grasschnitt einer JKK-freien Spenderfläche auf zuvor umgepflügte Flächen. Henrike Möhler betreut die Feld­versuche und dokumentiert Vegetation und JKK-Population. Auf den Versuchs­flächen hat die Doktorandin sieben Quadrate angelegt, die mit den unterschiedlichen Maßnahmen behandelt werden.

Auf den Versuchsflächen wurden mittels Rahmen Quadrate ausgewählt, in denen der Standort jeder einzelnen Pflanze von Jakobs-Kreuzkraut erfasst ist. Dadurch lassen sich Veränderungen über mehrere Jahre detailliert dokumentieren. Foto: Möhler

»Innerhalb dieser Flächen mache ich Vege­tationsaufnahmen. Das heißt, ich erfasse alle Pflanzen, die da sind, und schätze ihre Deckung.«
Die genaue Aufnahme der JKK-Population erfolgt auf einer Fläche von einem Quadrat­meter. Dazu wird ein Rahmen mit einem Raster eingesetzt, sodass der Standort jeder einzelnen Pflanze dokumentiert und im nächsten Jahr wiedergefunden werden kann. Der Rahmen ist mit Magneten verankert, die in den Boden eingelassen und eingemessen wurden. Er kann fürs Mähen abgenommen und passgenau wieder eingesetzt werden. Möhler: »Ich schreibe auf, wo die Pflanze steht, und ob es sich um einen Keimling, eine vegetative oder eine blühende Pflanze handelt. Außerdem messe ich jeweils das längste Blatt. Das mache ich für jede einzelne Pflanze des Jakobs-Kreuzkrauts in dem Quadrat.«

Anhand dieser genauen Populationsaufnahme kann der Effekt der Maßnahmen beurteilt werden. Dabei ist nicht allein ein Rückgang der Pflanzenzahl entscheidend, sondern auch, ob sie kleiner werden oder ob es insgesamt weniger blühende Exemplare auf der Fläche gibt. Neben dem Vergleich der Management­maßnahmen interessiert sich die Arbeitsgruppe auch für Land­schafts­elemente und Strukturen in der Landschaft, die dem JKK gute Standortbedingungen bieten.

Mit den biologischen und ökologischen Aspekten der Ausbreitung von JKK befasst sich die Abteilung Geobotanik am Institut für Ökosystemforschung. »Wir engagieren uns im Moment vor allem im Bereich der Grundlagenforschung und des Monitorings und bringen diese Themen in die Lehre ein«, sagt Professorin Alexandra Erfmeier. »Wir haben auf Feldern der Stiftung Natur­schutz Flächen dauerhaft markiert, die wir langfristig im Rahmen von Master-Kursen auf jährlicher Basis überwachen wollen. Hier können wir das Einwandern von JKK beobachten und analysieren, in welchen Flächen es sich besonders ausbreitet, welche Dichten sich daraus ergeben und warum manche Bestände dichter sind als andere.«

Darüber hinaus möchte die Geobotanikerin mit ihrem Team experimentell untersuchen, welche funktionellen Merkmale von JKK im Zusammenspiel mit welchen Umweltfaktoren vor Ort treibende Kräfte für die massive Ausbreitung der Pflanzen sind.

Kerstin Nees
Gelb und giftig
Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea) ist eine heimische Wildpflanze, die wie Löwenzahn und Margerite aus der Familie der Korbblütler stammt. Sein Vorkommen ist innerhalb der letzten 20 Jahre stark angestiegen. Es wächst vor allem an Straßenböschungen, Bahndämmen und Weg­rändern, aber auch auf brachliegenden Flächen, extensiv genutztem Grünland und kurzge­fressenen Pferdekoppeln.
Problematisch sind die bis zu 1,50 Meter großen, gelb blühenden Pflanzen, da sie für Tier und Mensch schädliche Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) enthalten. Diese dienen der Pflanze zur Abwehr von Fressfeinden und kommen auch in anderen Pflanzen wie Huflattich, Vergissmeinnicht und dem Küchenkraut Borretsch vor. Im Fokus der Öffentlichkeit steht Jakobs-Kreuzkraut, seit in Sommerhonigen PA-Belastungen gefunden wurden. Die Bienen selbst nehmen von der Pflanze keinen Schaden. (ne)
Strategie gegen Jakobs-Kreuzkraut
Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein hat ein Kompetenzzentrum zum Jakobs-Kreuz­kraut (JKK) eingerichtet. Kern der zweigleisigen Strategie sind konsequente Akutmaßnahmen, um die Ausbreitung von JKK sowie den Eintrag der darin enthaltenen Giftstoffe in die Sommer­tracht zu vermeiden. Das Kompetenzzentrum setzt aber auch auf den langfristigen Wissens­gewinn und forscht in Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der CAU zum Themenkomplex JKK; zudem werden Erkenntnisse aus anderen Bundes- und EU-Ländern gebündelt und ausgewertet. (ne)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de