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Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Sorge um Tiere und Fleisch

Werden Rinder auf der Weide krank, wenn diese stark mit Jakobs-Kreuzkraut bewachsen ist? Theoretisch besteht diese Möglichkeit. Aber die Datenlage dazu ist dürftig. Ein Projekt an der Kieler Universität will Klarheit schaffen.


Normalerweise meiden Rinder das giftige Jakobs-Kreuzkraut, da es bitter schmeckt. Schwierig wird es, wenn nichts anderes zum Fressen da ist oder die Tiere unerfahren sind. Foto: Thinkstock

Für das Auge ist es eine wahre Freude: schwarze Galloway-Rinder inmitten leuchtend gelb blühendem Jakobs-Kreuzkraut (JKK). Doch die Tiere stehen nicht fürs Foto auf der Weide, sondern um sich satt zu fressen, und dafür ist die gelbe Pflanze keine gute Wahl. JKK ist giftig und kann, wenn es in größeren Mengen gefressen wird, auch zum Tod führen. Glücklicherweise sind die Rinder wählerisch und meiden die Giftpflanze.

»Das schmeckt ein bisschen bitter ab einer gewissen Blütephase, und die Tiere mögen das nicht. Wenn sie genügend Auswahl haben, fressen sie andere Gräser. Aber es gibt auch Situa­tionen, wo sie das nicht meiden können«, sagt Professorin Steffi Wiedemann vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung der CAU. So könne es passieren, dass Tiere ohne Weideerfahrung oder Jungtiere die giftige Pflanze fressen, wenn sie auf eine Weide mit sehr starkem JKK-Befall kommen. Problematisch sei außerdem, wenn die Tiere zu früh auf eine frisch gemähte Fläche kommen oder das Heu einer solchen Weide vorgelegt bekommen.

Abgemähte JKK-Pflanzen enthalten weniger oder keine Bitterstoffe mehr und die Tiere können die abgemähten Pflanzen nicht mehr meiden.

So viel zur Theorie. Wie groß die Gefahr für weidende Rinder tatsächlich ist, und ob die in der Pflanze enthaltenen giftigen Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) ins Lebensmittel Fleisch übergehen, untersucht Steffi Wiedemann in Zusammenarbeit mit der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Dazu vergleicht sie Rinder, die vor der Schlachtung auf Weiden mit massivem JKK-Bewuchs standen, mit Rindern von unbelasteten Weiden. »Bei den geschlachteten Rindern überprüfen wir zum einen, inwiefern die Pflanzengifte in Leber, Muskel und Fettgewebe nachweisbar sind. Dafür haben wir Proben genommen, die momentan analysiert werden.« Zudem werden in Blutproben die klassischen Leberenzyme bestimmt, die auf eine Leberschädigung hinweisen, und das Lebergewebe wird histologisch untersucht, um etwaige Veränderungen der feingeweblichen Struktur zu entdecken.

Zur Abgrenzung von Veränderungen, die durch Parasiten wie Magen-Darm- Würmer oder Leberegel verursacht werden, wird der Parasitenbefall anhand von Kotproben erfasst. »Das ist bei Tieren, die auf der Weide stehen relativ häufig der Fall«, berichtet die Tierärztin, die bei der Schlachtung der Rinder dabei war. »Wir haben uns vor Ort den Schlachtkörper angeguckt und keine Hinweise dafür gefunden, dass die Tiere einer chronischer Vergiftung unterlegen waren. Mikroskopisch war jedoch ein gering- bis mittelgradiger Befall mit Endoparasiten nachweisbar, genau wie wir das erwartet hatten«, sagt Wiedemann, die mittlerweile an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve forscht und lehrt.

Dass die Pflanzengifte ins Fleisch übergegangen sind, hält sie für sehr unwahrscheinlich. Denn dazu hätten die Tiere sehr große Mengen des Jakobs-Kreuzkrauts fressen müssen. Ob das Fleisch tatsächlich unbelastet ist und wie es um die Gesundheit der Tiere bestellt ist, werden die Laborergebnisse zeigen.

Kerstin Nees
Gift für die Leber
Der Gehalt an Pyrrolizidin-Alkaloiden (PA) beträgt bis zu 0,9 Prozent in den Blüten von Jakobs-Kreuzkraut; Stengel und Blätter enthalten weniger. Es gibt mehr als 500 verschiedene PA, die in über 6.000 Pflanzenspezies vorkommen. In hoher Dosierung können diese Stoffe zu töd­lichen Leberfunktionsstörungen führen. Auch mutagene und krebsfördernde Wirkungen wurden in Tierversuchen nachgewiesen.

Theoretisch könnten PA über landwirtschaftliche Nutztiere in die Nahrungskette eingetragen werden (Fleisch, Milch). »Es gibt jedoch zurzeit keine Hinweise, dass in Lebensmitteln von landwirtschaftlichen Nutztieren PA-Konzentrationen auftreten, die ein gesundheitliches Risiko für den Verbraucher darstellen«, berichtet Professor Edmund Maser vom Kieler Institut für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler am UKSH.

Durch PA-Belastung von Kräutertees, Sommerhonig oder Salat (Verwechslung mit Ruccola) können die Giftstoffe auch mit der Nahrung aufgenommen werden. Eine gesundheitliche Gefährdung ist aber nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) unwahrscheinlich. Aus Vorsorgegründen haben BfR und EFSA (europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) eine Höchstmenge für die tägliche Aufnahme von PA (7 Nanogramm pro kg Körpergewicht und Tag) festgelegt. Bei einem 60 kg schweren Menschen wären das 0,420 Mikrogramm PA pro Tag. (ne)

www.bfr.bund.de
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