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Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Probleme der Gegenwart in der Jungsteinzeit

Moderne Megastädte kämpfen mit sozialen Spannungen, Ressourcenhunger und Umweltverschmutzung. Vergleichbare Probleme gab es offenbar schon vor 5.700 Jahren. Führten sie zum Niedergang einer Großsiedlung in der heutigen Ukraine?


Der Archäologe René Ohlrau wirkt selbst fast ein bisschen erstaunt, wenn er die Zahlen zu seinem Forschungsobjekt referiert. Zwar beschäftigt sich der Doktorand der Graduiertenschule „Human Development in Landscapes« bereits seit mehreren Jahren mit den Überresten der kupferzeitlichen Siedlung Maidanetske, gelegen an einem Zufluss des Südlichen Bug in der Ukraine, doch für damalige Verhältnisse sind die Ausmaße wirklich außergewöhnlich. Während die Menschen im heutigen Norddeutschland noch in kleinen Weilern mit zehn bis 50 Personen zusammenlebten, schätzen Ohlrau und sein Doktorvater Professor Johannes Müller die Ein­wohnerzahl von Maidanetske auf mindestens 11.000 – und das vor 5.700 Jahren.

»Mich interessiert, ob diese Siedlungen zeitgleich existierten oder nacheinander errichtet wurden. Letzteres könnte bedeuten, dass die Menschen zwar prinzipiell bereits sesshaft waren, ihre Siedlungen aber bei Bedarf verlegten.«


Bis zu 3.000 teils zweistöckige Häuser verteilten sich auf einer Fläche so groß wie 200 Fußball­felder – nicht zufällig angeordnet, sondern konzentrisch um einen offenbar unbebauten Platz.

Das Geomagnetik-Bild verdeutlicht die Ausmaße und die konzentrische Struktur der kupferzeitlichen Siedlung Maidanetske. Jedes Rechteck stellt die im Boden verborgenen Reste eines abgebrannten Gebäudes dar. Das kleine Bild zeigt das Modell eines Tripolje-Hauses, wie es bei Ausgrabungen gefunden wurde.

Doch nicht nur die Größe, auch der errechnete Rohstoffhunger der Siedlung ist beachtlich: So muss allein der Hausbau 60.000 laufende Meter Holz und 48.000 Tonnen Lehm verschlungen haben; um sich zu ernähren, hielten die Einwohnerinnen und Einwohner geschätzte 2.300 Rinder und 1.000 Kleintiere wie Schweine oder Ziegen auf 235 Quadratkilometern Weideland. Zum Vergleich: Die Grundfläche der Stadt Kiel beträgt gerade mal die Hälfte. Hinzu kamen 3.500 Hektar Ackerfläche und ein Wasserverbrauch von 80.000 Litern am Tag.

Hierin sieht René Ohlrau einen möglichen Grund dafür, dass die Menschen Maidanetske schon bald wieder aufgaben. »Wir haben deutliche Belege, dass die Siedlung weniger als 150 Jahre bewohnt war. Gerade in Anbetracht des enormen Arbeitsaufwands Bau der zahlreichen Gebäude, die zudem offenbar in großer Zahl bei Aufgabe der Siedlung absichtlich niedergebrannt wurden, eine über raschend kurze Zeitspanne«, findet der Archäo loge. Und das sei kein Einzelphänomen: »In der zentralukrainischen Waldsteppe gab es zwischen 4.100 und 3.700 vor unserer Zeitrechnung eine ganze Reihe solcher Großsiedlungen, teils im Abstand von nur acht bis zehn Kilometern, die alle vergleichbar kurzlebig waren«, erläutert Ohlrau.

Er stützt sich dabei auch auf Erkenntnisse mehrerer Kooperationspartner, etwa von der Ukrai­nischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Durham. »Mich interessiert, ob diese Siedlungen zeitgleich existierten oder nacheinander errichtet wurden. Letzteres könnte bedeuten, dass die Menschen zwar prinzipiell bereits sesshaft waren, ihre Siedlungen aber bei Bedarf verlegten.«

Dieser Bedarf könnte dann entstanden sein, wenn die natürlichen Ressourcen wie Weide- und Ackerland, Holz und Frischwasser in einem so großen Umkreis erschöpft waren, dass eine Großsiedlung nicht mehr mit vertretbarem Aufwand zu versorgen war. Selbst bei Flusswasser konnten solche Probleme auftreten: »Wenn über 10.000 Personen in einer Siedlung ohne Kanalisation oder Klärwerk direkt an einem Fließgewässer leben, dann möchte ich nicht zu denen gehören, die ihr Trinkwasser am unteren Dorfende entnehmen müssen«, sagt René Ohlrau.

Es gibt aber noch eine weitere Theorie, warum die Großsiedlung so bald wieder aufgegeben wurde: Die Gemeinschaft funktionierte nicht. Ohlrau erklärt: »Möglicherweise gab es verschie­dene Gruppen innerhalb der Einwohnerschaft und daraus resultierend eine wachsende soziale Ungleichheit.« Als Hinweis darauf werden die Größenunterschiede zwischen den Gebäuden inter­pretiert, außerdem bildeten sich offenbar mehrere Nachbarschaften oder Viertel innerhalb der Siedlung heraus.

Auch ein Zusammenwirken sozialer, ökonomischer und ökologischer Faktoren schließt Ohlrau zum jetzigen Zeitpunkt nicht aus: »Dafür wissen wir noch zu wenig über den Niedergang der Siedlung«. Neben einem spannenden Blick in die Vergangenheit sieht er seine Forschung jeden­falls auch als kleinen Beitrag zur Bewältigung großer Probleme, welche die Menschen in neuzeit­lichen Slums und Megastädten ebenso beschäftigen wie im kupferzeitlichen Maidanetske.

Jirka Niklas Menke

Bilder von den Ausgrabungen in Maidanetske und Talianka, wo ein britisches Team arbeitet, zeigt bis zum 15. Februar eine kleine Ausstellung in der Leibnizstraße 3, Foyer. Öffnungszeiten: montags bis freitags 8 bis 18 Uhr
Ukraine – Forschung in Gefahr?
Nach dem Ausbruch des bewaffneten Konflikts zwischen Regierungstruppen und Rebellen im Osten der Ukraine wurden viele archäologische Kampagnen im Land abgesagt und zum Teil bis heute nicht wieder aufgenommen. Das Kieler Forschungsteam aus Archäologen und Umwelt­archäologinnen, zu dem auch René Ohlrau gehört, entschloss sich dagegen bereits im vergan­genen Jahr, dort weiterzuarbeiten. »Unsere Grabung liegt 500 Kilometer vom Krisengebiet entfernt in einer ländlichen Gegend. Die einzigen Auswirkungen, die wir dort von den Ausein­andersetzungen mitbekamen, waren zahlreiche ukrainische Nationalflaggen«, berichtet Ohlrau. »Außerdem mussten wir auf einige örtliche Grabungshelfer verzichten, weil sie zum Militär eingezogen worden waren. (jnm)
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