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Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Selbst warm gemacht

Mit Fertiggerichten und anderen Convenience-Lebensmitteln lässt sich schnell »etwas Anständiges« zu essen zaubern. Die ernährungsphysiologische Qualität vieler Produkte lässt jedoch zu wünschen übrig.


Tiefkühlkost, Konserven und all die anderen industriell vorverarbeiteten Produkte landen oft im Einkaufskorb. 70 Prozent der Lebensmittelausgaben verwenden deutsche Haus-halte für Convenience-Produkte. Foto: Thinkstock

Was zu Hause gekocht wird, ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch eine Frage von Zeit, Geld und Koch­kennt­nissen. Offensichtlich fehlen vielen Deutschen Zeit, Lust oder Knowhow fürs Kochen. Diesen Schluss legt die hohe Nachfrage nach vor­verarbeiteten Lebensmitteln, sogenannten Con­venience-Produkten, nahe.
2011 entfielen rund 70 Prozent der Lebens­mittelausgaben von deutschen Haushalten auf Convenience-Produkte. Das hat Jonas Peltner vom Institut für Ernährungswirtschaft und Verbrauchslehre auf der Grundlage von Haus­haltsdaten der Gesellschaft für Konsum­forschung ausgerechnet.

Für seine Doktorarbeit in der Arbeitsgruppe »Haushalts- und verbraucherorientierte Gesund­heitsökonomie« (Leitung: Privatdozentin Dr. Silke Thiele) analysiert Peltner die Einkaufsdaten von 13.138 deutschen Haushalten, die ein Jahr lang ihre Lebensmitteleinkäufe detailliert dokumentiert haben. Vor allem interessiert er sich dafür, wer Fertiggerichte kauft und wie sich der Konsum solcher Produkte auf die ernährungsphysiologische Qualität auswirkt. Für die Auswertung der Daten wurden die Lebensmitteleinkäufe in verschiedene Einkaufsmuster eingeteilt.

»Wir haben geschaut, welche Lebensmittel werden häufig zusammen gekauft«, erklärt die habili­tierte Ernährungsökonomin Dr. Silke Thiele. Ein typischer Warenkorb umfasste zum Beispiel hauptsächlich unverarbeitete Lebensmittel wie rohes Obst und Gemüse, Fleisch sowie Brot, Käse und Wurst. Ein anderer enthielt dagegen vor allem hoch verarbeitete Lebensmittel wie tiefgefrorenes Gemüse mit Sauce, Tiefkühl-Gemüse oder -Pommes und Fertigdesserts. Und der dritte beinhaltete vor allem Fertiggerichte sowie Brot, Wurst und Käse.

Erste Ergebnisse zu den Käufergruppen liegen vor. Beliebt sind Fertiggerichte erwartungsgemäß bei Single-Haushalten beiderlei Geschlechts sowie bei Haushalten, in denen die haushalts­füh­rende Person in Vollzeit oder Teilzeit arbeitet. Auch ein etwas höheres Einkommen war statis­tisch mit dem häufigeren Einkauf von Fertiggerichten verknüpft.

»Es gibt die Theorie, dass höhere Preise für hoch verarbeitete Produkte eher akzeptiert werden, weil man dadurch Zeit einsparen kann.


Ebenfalls wenig überraschend ist der Befund zur Qualität der Produkte im Hinblick auf Energie- und Nährstoffversorgung. Peltner: »Wir konnten sehen, dass Personen, die viele Fertiggerichte kaufen, gleichzeitig auch eine schlechtere ernährungsphysiologische Qualität in ihrem Waren­korb haben.« Als Maßstab für die ernährungsphysiologische Qualität wurden Energiedichte (kcal pro 100 g Lebensmittel) und Nährstoffdichte (Nährstoffgehalt pro 100 kcal) herangezogen. Ungünstig sind eine hohe Energiedichte und eine geringe Nährstoffdichte. Das passt zu den Ergebnissen von Studien aus anderen Ländern, in denen festgestellt wurde, so Peltner: »Je höher der Verarbeitungsgrad, desto ungünstiger ist die ernährungsphysiologische Qualität der Lebensmittel.«

Für Silke Thiele ist das Ergebnis zur ernährungsphysiologischen Qualität zwar keine Über­raschung, es hätte aber auch etwas anderes herauskommen können. »Man könnte sich auch vorstellen, dass das die Haushalte sind, die sich trotz knapper Zeit gesund ernähren wollen und zum Beispiel Fertiggerichte mit viel Salat und Obst kombinieren. Ist aber nicht so.« Stattdessen interessierten sich die typischen Convenience-Käuferinnen und -Käufer eher weniger für Empfehlungen zu gesunder Ernährung und waren offen für Vitaminzusätze oder angereicherte Lebensmittel, so ein weiteres Ergebnis der Auswertung.

Jonas Peltner ist mit der Analyse der Einkaufs- und Haushaltsdaten noch lange nicht am Ende. So möchte er zum Beispiel herausfinden, wie sich die Nachfrage nach Obst, Gemüse, Fertig­gerichten oder Menükomponenten ändert, wenn sich der Preis für die jeweilige Warengruppe ändert. »Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren deutlich auf Preise«, erklärt Peltner. »Wenn der Milchpreis steigt oder sinkt, dann kaufen sie weniger oder mehr Milch. Und je geringer das Einkommen, desto mehr reagieren die Menschen auf die Preise.« Interessant wäre herauszufinden, ob Haushalte bei Preisänderungen von Fertiggerichten weniger stark reagieren als bei Preisänderungen von anderen Lebensmitteln. »Es gibt die Theorie, dass höhere Preise für hoch verarbeitete Produkte eher akzeptiert werden, weil man dadurch Zeit einsparen kann. Man kauft sich quasi Zeit.«

Kerstin Nees
Stichwort Convenience-Produkte
Convenience heißt Bequemlichkeit, und genau das verschaffen Lebensmittel wie Fisch­stäbchen und Tiefkühlpizza, Konserven oder Komplettmenüs für die Mikrowelle: die schnelle und bequeme Zubereitung einer warmen Mahlzeit. Die Warengruppe ist ausgesprochen vielfältig und unterscheidet je nach Grad der Vorverarbeitung fünf verschiedene Kategorien:

•   küchenfertig (Tiefkühlgemüse ohne Zusätze, Fischfilet, Mischsalat, Backmischung)
•   garfertig (Nudeln, Tiefkühlpommes, paniertes Schnitzel)
•   anrührfertig (Tütensuppe, Kartoffelpüreepulver)
•   zubereitungsfertig (Tiefkühl-Fertiggerichte, Mikrowellengerichte, Tiefkühltorte)
•   verzehrfertig (Fischkonserven, Backwaren, fertige Salate) (ne)
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