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Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Ein Freund der Politik

Der Briefwechsel zwischen dem ehemaligen Kieler Oberbürger­meister Andreas Gayk und dem späteren CAU-Politikprofessor Michael Freund offenbart viel über Kiel und die Universität der Nachkriegszeit. Eine kommentierte Version des Schrift­wechsels lädt nun zum Nachforschen ein.


Wilhelm Knelangen, Birte Meinschien und Jürgen Jensen (Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte) im Foyer des Audimax. Foto: Maas/CAU

Im Jahr 1944 beginnt die Korrespondenz zwischen Andreas Gayk und Michael Freund. Über zehn spannende Jahre, bis zum Tode Gayks im Jahr 1954, schreiben sie sich Briefe über den Wiederaufbau, die politische Lage im Vier-Zonen-Deutschland, die SPD oder die Situation der Kieler Universität. Gayk ist gelernter Journalist, aber zur Zeit des Briefwechsels auch mal Mitglied des parlamentarischen Rates, des Landtages, des SPD-Parteivorstandes und Kieler Oberbürgermeister. Mit seinen Kontakten hilft er dem Historiker Freund bei der Jobsuche und vermittelt ihm eine Stelle als eine Art »heimlicher Chefredakteur« bei der SPD-nahen Kieler Volkszeitung.

»Mit seinem politischen Einfluss als Landtagsmitglied und Oberbürgermeister hat Gayk sich von außen auch dafür eingesetzt, einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Uni zu schaffen«, erklärt der Kieler Politikwissenschaftler Dr. Wilhelm Knelangen. Gayk forderte eine solche Professur auch mit Blick auf die im Nationalsozialismus belastete Kieler Universität, die in seinen Worten aus dem Januar 1946 »ein politischer Saustall ist«, in dem »tüchtige Dozenten sehr not täten«. Michael Freund sah er als geeigneten Mann, diese Professur zu übernehmen. Ende der 50er Jahre gehört Freund dann tatsächlich zu den bundesweit nur 20 Professoren, die Politikwissenschaften lehren.

Zusammen mit Birte Meinschien von der Universität Frankfurt hat Knelangen den Briefwechsel gesichtet, kommentiert und als Buch herausgebracht. Durch die Kommentierung wird deutlich, wie sehr Gayk seinen Freund protegierte: Etwa indem er ihm ein entlastendes Leumundszeugnis für die Entnazifizierung ausstellte. »Das ist bemerkenswert, denn Michael Freund hatte sich in den Kriegsjahren auf das Regime eingelassen«, sagt Knelangen. »Nachdem seine Habilitation 1938 von der NSDAP verhindert wurde, hatte er dem Druck im Dritten Reich nachgegeben und einige sich an den Nationalsozialismus anbiedernde Schriften veröffentlicht. Das ist ein Bruch in seinem Lebenslauf«, ordnet Knelangen ein. Freund selbst beschrieb es mit den Worten: »da ich zum Helden nicht geboren bin, habe ich nun einiges an Belastung«.

Noch in der Weimarer Zeit hatte Freund gegen die Nazis gekämpft, in den frühen Jahren der NS-Herrschaft mit Andreas Gayk an einem oppositionellen Zeitungsprojekt mitgewirkt, das Widersprüche in der Nazipropaganda aufdeckte. »Die beiden kannten sich bereits seit 1933. In Berlin hatten sie zu der Zeit gemeinsam und konspirativ an der Presseschau ›Blick in die Zeit‹ mitgewirkt, die 1935 dann von der Gestapo verboten wurde«, so Knelangen.

Hervorgegangen ist das Buch über den Briefwechsel aus dem Forschungsprojekt »Kontinuität und Kontroverse« zur Geschichte der Kieler Politikwissenschaft, in dem Freund als erstem nach dem Krieg berufenen Professor eine besondere Bedeutung zukam. Die Briefe wiederum stammen aus dem Nachlass Freunds, der im Bundesarchiv insgesamt 31 Regalmeter füllt. Ein Glücksfall: »Zu Gayk selbst gibt es leider keinen gesammelten Nachlass, beide Söhne fielen im Krieg. Die Briefe bieten daher einen seltenen Einblick in die Gedankenwelt eines der Väter der heutigen SPD«, sagt Knelangen. Und sie zeigen, dass im Nachkriegs-Kiel vieles im Fluss war. In der Besatzungszeit, aber auch nach der Gründung der Bundesrepublik, gab es viele Ungewissheiten, wenig Schwarz und Weiß, aber viele politische Grauzonen.

Sebastian Maas

Wilhelm Knelangen, Birte Meinschien, Jürgen Jensen (Hrsg.): »Lieber Gayk! Lieber Freund« Der Briefwechsel von Andreas Gayk und Michael Freund von 1944 bis 1954. Verlag Ludwig, Kiel 2015
Die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte
Kieler Bürger gründeten am 10. Dezember 1875 die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte e.V. Mit circa 1.400 Mitgliedern zählt sie heute zu den größten stadtgeschichtlichen Vereinigungen Deutschlands. Ihr Ziel ist, Forschung über die Stadtgeschichte zu fördern, Bewusstsein für die eigene Geschichte zu wecken und einen Beitrag zum Kulturleben zu leisten. Das Buch wurde von der Gesellschaft als Sonderveröffentlichung herausgegeben. (sma)
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