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Nr. 85, 23.01.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Windkraft aus Möwensicht

Die Offshore-Windkraft wächst und wächst. Ob damit auch die Gefahr für Vögel und Meeressäuger steigt, untersuchen Teams des Forschungs- und Techno­logiezentrums (FTZ) Westküste.


Offshore-Windkraft und Meeresvögel können durchaus miteinander klarkommen.

Noch bis Ende 2017 versucht das Projekt HELBIRD mit ausgeklügelten und teils völlig neuartigen Methoden dem komplexen Zusammenspiel zwischen der Natur und den Windkraftanlagen vor der Insel Helgoland näherzukommen. Seit dem Start im Herbst 2014 haben Projektleiter Professor Stefan Garthe und die drei Wissenschaftlerinnen Dr. Ulrike Kubetzki, Dr. Bettina Mendel und Verena Peschko bereits interessante Erkenntnisse gewonnen.

Das gelang ihnen etwa, indem sie mehrere Silbermöwen und Basstölpel mit GPS-Sendern versahen, die Tag und Nacht alle drei bis fünf Minuten Signale sendeten. Damit ließen sich nahezu lückenlose Profile über das Flugverhalten der gefiederten Probanden erstellen. Und entsprechend wertvolle Informationen gewinnen.

»Die Windparks haben einen Effekt auf die Tiere«, fasst Garthe den bisherigen Stand zusammen. Zugleich betont er aber, dass keineswegs alle Arten und noch nicht einmal alle Tiere derselben Art identisch reagieren. So meiden offenbar die meisten Basstölpel die Windparks und suchen sich andere Futterreviere, einige wenige Artgenossen fliegen diese Anlagen aber »sehr intensiv« an, berichtet der Wissenschaftler.

Ganz anders verhalten sich dagegen Silber- und Heringsmöwen, die sich häufig in der Nähe der Windparks aufhalten. »Das ist nicht sehr überraschend, weil sich Möwen als Nahrungsopportunisten für alles interessieren, was Futter versprechen könnte«, sagt Garthe. Aus Möwensicht ist das nach aller Erfahrung immer dann der Fall, wenn sich Menschen auf dem Wasser bewegen oder auch auf Offshore-Stationen aufhalten.

Daraus folgt zunächst, dass es für einzelne Vogelarten durchaus sinnvoll ist – wie vor Helgoland geschehen –, die einzelnen Windparks durch frei befliegbare Korridore voneinander zu trennen. Wobei es die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des FTZ Westküste, einer Außenstelle der Uni Kiel, natürlich genauer wissen wollen. So sollen im Laufe des Projekts möglichst alle anderen Vogelarten ebenfalls mit Sendern ausgestattet werden, um ein differenzierteres Bild zu erhalten. Außerdem wird es nach der Brutzeit im Mai 2016 ein weltweit völlig neuartiges Experiment geben. Möwen und Tölpel, die bereits für einige Wochen mit GPS flogen, sollen erneut besendert werden, um herauszufinden, ob Lerneffekte einsetzen, ob also etwa die Tölpel ihre Scheu vor den Windparks verlieren. Umsetzbar ist dieser Versuch, weil die Vögel beringt sind und gewöhnlich ihr ganzes Leben lang an ein und derselben Stelle brüten.

»So können wir sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederfinden«, sagt Garthe. Einiges spricht dafür, dass sich Meeresvögel durchaus auf neue Gegebenheiten einstellen können. Besonders Möwen verfügen nach Erkenntnissen der Fachleute über ein beachtliches Lernverhalten, während der Basstölpel als weniger flexibel gilt. Dafür verfügt er zumindest über ein gewisses Erinnerungsvermögen und fliegt gern Reviere an, in denen er bei der Futtersuche schon einmal erfolgreich war.

Einfluss haben Windparks darüber hinaus auch auf schwimmende Meerestiere. Kegelrobben und Seehunde sind häufig in der Nähe von Pfeilern und Kabeln zu finden, weil sie auf elektromagnetische Signale reagieren und weil in der Nähe dieser Signale wie auch an den Pfeilern wirbellose Futtertiere zu finden sind.

Wie viele Vögel in die Rotoren der Windmühlen geraten und zu Tode kommen, darüber kann einstweilen nur spekuliert werden. Die vom FTZ beobachteten 18 Tiere haben zwar alle überlebt, aber wegen der bisher sehr kleinen Versuchsgruppe können daraus kaum Schlüsse gezogen werden.

Aus Sicht der Forschenden zeichnet sich jedenfalls deutlich ab, dass es eine gute Idee war, Windparks weit weg vom Festland zu bauen und sie durch Korridore zu trennen. Hinweise auf massive negative Auswirkungen hat das FTZ aus Garthes Sicht bisher nicht entdecken können, möglicherweise nicht zuletzt wegen dieser Vorsichtsmaßnahmen. Anlass zu allgemeiner Entwarnung ist das aber auch wieder nicht. Wenn immer mehr Windanlagen entstehen und zugleich die verbleibende Meeresfläche in der Deutschen Bucht intensiv von Schiffen befahren wird, könnte es bald selbst für die anpassungsfähigsten Meerestiere knapp werden mit dem Lebensraum, warnen Garthe und seine Kolleginnen. Fest steht für den Forscher eines: »Wenn alle geplanten Anlagen genehmigt werden, wird das mit Sicherheit zu viel für diesen Lebensraum.«

Martin Geist
Bewährter Rat von der Westküste
Bereits seit 15 Jahren ist das Forschungs- und Technologiezentrum (FTZ) Westküste in Deutschland eine der gefragtesten Adressen, wenn es um den Zusammenhang zwischen Offshore-Windkraft und dem Meer als schützenswertem Lebensraum geht. Ein halbes Dutzend Forschungsprojekte wurden bereits abgeschlossen, weitere vier mit Laufzeiten teils bis zum Jahr 2018 sind derzeit in Arbeit.

In dem vor etwa einem Jahr beendeten Projekt WINDBIRD ging es unter anderem darum, die typischen Flughöhen verschiedener Vogelarten zu ermitteln. Mit dem Ergebnis, dass sich etwa die Heringsmöwe vielfach in Höhen von 30 bis 150 Metern bewegt, dem Bereich, in dem sich die meisten Rotoren drehen. Neu hinzugekommen ist ein bis Ende 2016 bewilligtes Projekt zur digitalen Erfassung von Seevögeln in der Nord- und Ostsee. Zur Datenerhebung werden per Flugzeug Erkundungen in größerer Höhe vorgenommen und dabei hochauflösende Kameras eingesetzt. Weitere Forschungsvorhaben widmen sich Problemen, die nur auf den ersten Blick nichts mit Offshore-Windparks zu tun haben: etwa dem Plastikmüll im Meer oder dem Einfluss von Schiffsverkehr auf rastende Meeresvögel. Dahinter steht die Erkenntnis, dass der Lebensraum Meer nicht nur durch Windanlagen beeinflusst wird, sondern im Zusammenspiel mit vielen anderen menschlich herbeigeführten Veränderungen.

Dass die mit den Projekten betrauten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am FTZ den Ruf genießen, mit äußerster Motivation zu Werke zu gehen, kommt nicht von ungefähr. Oft fließen die Ergebnisse ihrer Arbeit unmittelbar in die Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen ein. »Es wird sehr, sehr genau zugehört«, beschreibt Professor Stefan Garthe die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Umweltministerium, Wirtschaftsministerium, Bundesamt für Naturschutz, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie anderen Behörden. (mag)
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