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Nr. 86, 09.04.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Das Gedächtnis der Universität

Einen Kilometer Verwaltungsakten umfasst die 350-jährige Geschichte der CAU im Schleswiger Landesarchiv. Dr. Dagmar Bickelmann entscheidet, welche Schrif­ten archivwürdig sind, und sichert damit auch Universitätsgeschichte(n).


In den vielen Akten im Landesarchiv findet sich auch die Entwicklung der CAU seit dem Zweiten Weltkrieg. Universitätsarchivarin Dagmar Bickelmann muss hier viele Rückstände aufarbeiten. Foto: Raissa Nickel / CAU

Wer herausfinden möchte, wie der Alltag der Studenten im 18. Jahrhundert aussah oder wer die ersten Frauen an der Kieler Universi­tät waren, kann im Landesarchiv Schleswig-Hol­stein, genauer in Schleswig, fündig wer­den. Aneinandergereiht umfassen alle Regale knapp 40 Kilometer, ein Kilometer davon be­schäftigt sich ausschließlich mit der Kieler Universität. »Die Unterlagen geben Auskunft über die Entwicklung der CAU, ihre Orga­nisation, über Krisen und Höhepunkte, das Leben und Wirken ihrer Mitglieder. Das Archiv stellt das Gedächtnis der Universität dar«, fasst Dr. Dagmar Bickelmann zusammen.

Seit 2008 rettet sie als Universitätsarchivarin Dokumente vor dem Vergessen. Anders als in einer Bibliothek werden im Prinzenpalais in Schles­wig vor allem Einzelstücke verwahrt. Und genau das ist die Achillesferse: Die Archivalien sind Unikate und daher unersetzbar. Dazu zählen Unterlagen aller Art, von der Gründungsurkunde der Universität über Akten der Hochschul­verwaltung und Schriftwechseln zwischen Professoren bis zu Karten des Unigeländes, Bau­plänen und auch Bildern und Filmen.

Bis 1945 lag die Universität am Kieler Schlossgarten und damit gegenüber von den Werften, einem Hauptangriffsziel im Zweiten Weltkrieg. Bei Bombenangriffen wurden auch etliche Gebäude der CAU zerstört. »Viele Akten sind verbrannt, darunter fast alle Personalakten aus der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches sowie viele Rektoratsakten und der größte Teil der Fakultätsakten«, erzählt Bickelmann. Die Folgen sind schwerwiegend für Forschende, die die Rolle von Dozentinnen und Dozenten im Nationalsozialismus untersuchen. »Die Erforschung der Universitätsgeschichte im Dritten Reich ist durch die Verluste sehr mühsam«, so Bickelmann weiter, »und sie erfordert die Findigkeit der Wissenschaftler.«

In einer noch bis November laufenden Ausstellung im Landesarchiv zeugen Fotografien von der Zerstörung der Hochschule und dem Wiederaufbau am heutigen Standort.

Nach Kriegsende kam das Universitätsarchiv zusammen mit dem Landesarchiv in das Schloss Gottorf, 1991 wurde es wegen Platzmangels in das restaurierte Prinzenpalais verlegt. Der Umgang mit alten Akten ist auch im prunkvollen Prinzenpalais nicht glamourös, dennoch merkt man der Archivarin viel Freude bei ihrer Tätigkeit an:

»Ich arbeite oft im Staub. Aber das Archiv selbst ist
nicht staubig, sondern spannend.«


Natürlich interessieren sich viele für die offensichtlichen Schätze wie das Privileg von Kaiser Ferdinand III. von 1652 mit Goldbulle, das dem Gottorfer Herzog die Gründung einer Universität gestattete, oder den 351 Jahre alten silbernen Siegelstempel.

Dennoch sei »Schatz« ein relativer Begriff, meint Bickelmann: »Für den Forscher kann auch ein unscheinbar aussehendes Schreiben einen hohen Wert haben, weil es genau die Antwort auf seine Fragestellung enthält.« Nur, dafür müssen die Dokumente erst einmal in das Archiv gelangen. Damit nicht versehentlich Schriftgut vernichtet wird, das für das Verständnis von Geschichte und Gegenwart, für die Wissenschaft oder rechtliche Zwecke wichtig ist, pflegt Bickelmann engen persönlichen Kontakt. Regelmäßig besucht sie die Universitätsverwaltung, Fakultäten, Seminare und Institute, um sich einen Überblick zu verschaffen und Aufklärung zu betreiben. »Laut Archivgesetz dürfte eigentlich kein Blatt weggeworfen werden, ohne uns zu fragen. Dieses Wissen möchte ich vermitteln, ich stehe der Verwaltung beratend zur Seite und sorge für eine sichere Aufbewahrung.«

In diebstahl- und feuergesicherten Magazinen und bei gleichbleibender Temperatur und Luft­feuchtigkeit lagern die Akten für die Ewigkeit. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann das Archivgut nutzen – zehn Jahre nach der Entstehung beziehungsweise bei personenbezogenen Unterlagen frühestens zehn Jahre nach dem Tod der oder des Betroffenen. »Für die Forschung ist das Archiv unverzichtbar, doch auch bei Fragen zur eigenen Familie können Antworten gefunden werden«, weiß Bickelmann.

Raissa Nickel

Landesarchiv Schleswig-Holstein, Prinzenpalais, Schleswig
Öffnungszeiten der Ausstellung »350 Jahre Christiana Albertina – Die Universität Kiel im Wandel«: montags bis freitags 8:30 bis 17 Uhr
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