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Nr. 87, 16.07.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Warum lügen wir?

Nichts mit Religion am Hut? Jugendliche, die sich aufs Theolo­gisieren ein­lassen, sind immer wieder selbst überrascht, welch religiöse Dimensionen die Themen haben, die sie bewegen.


Religiöse Themen haben mehr Alltagsbezug als viele glauben. Foto: Thinkstock

Philosophieren mit Kindern, das war in den 1980er Jahren eine Bewegung, die darauf zielte, mit den Kleinen über die großen Fragen des Seins ins Gespräch zu kommen. Bald schon verbreitete sich dieses Prinzip auch im Bereich der Religion, erläutert Professorin Uta Pohl-Patalong vom Fachbereich für Praktische Theologie und Didaktik des Religionsunterrichts. Erst wurde in Gemeindehäusern oder Schulen mit Kindern theologisiert, später mit Jugendlichen, und oft zeigte sich laut Pohl-Patalong, »dass großes Interesse vorhanden ist«.

Was aber nur dann gilt, wenn die Erwachsenen den Nachwuchs richtig heranführen. »Zu Jugend­lichen zu sagen, stellt mal dar, was ihr theologisch über Jesus denkt, das ist nicht produktiv«, nennt die Kieler Hochschullehrerin ein alles andere als zur Nachahmung empfohlenes Beispiel.

Wie es besser geht, das erforscht und erprobt derzeit Saskia Eisenhardt. »Theologisieren mit religionsfernen Jugendlichen« lautet ihr Promotionsthema, das anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch sehr bedeutsam für die Praxis ist. Kaum jemand weiß das besser als die 26-Jährige. Sie ist in Mecklenburg- Vorpommern aufgewachsen und hat immer wieder erfahren, wie weit in Ostdeutschland viele Familien von Religion und Kirche entfernt sind. »Im Religionsunterricht saßen kaum Leute mit kirchlicher Bindung«, erinnert sie sich und betont, dass es nur logisch sei, solche Jugendlichen mit Fragen und Methoden anzusprechen, die ihnen etwas bedeuten.

»Das ist eine echte Forschungslücke«, weiß Professorin Pohl-Patalong, die dieses Thema schon lange im Blick hat und nun in Saskia Eisenhardt eine Nachwuchswissenschaftlerin gefunden hat, die dank ihrer Neigungen und Erfahrungen wie geschaffen dafür ist. Hinzu kommt das im Sommer 2015 von der Uni Kiel aufgelegte Programm »Lehramt in Bewegung«, das derzeit 15 Projekte fördert, um die Zusammenarbeit zwischen Fächern, Fachdidaktiken und den Bildungswissenschaften am Standort zu fördern und zu verbessern. Neben 13 weiteren Lehr­amts­fächern kommt mit Saskia Eisenhardts Arbeit auch die Theologie zum Zuge.

Wohin das Projekt führen soll, ist trotz des frühen Stadiums schon ein Stück weit klar. »Subjekt­orientierung« heißt für Eisenhardt ein Schlüsselwort. Was nichts anderes bedeutet, als dass den Lehrkräften klar sein muss, mit wem sie es zu tun haben und welche didaktischen Schlüsse sie daraus ziehen sollten. »Was fällt euch zum achten Gebot ein?«, das kann eine schöne Frage für Angehörige einer kirchlichen Jugendgruppe sein. »Warum lügen wir?«, ist hingegen eine Frage, die auch junge Leute anspricht, die mit diesem Milieu nicht verbunden sind. Genauso ist es, wenn über Wunder gesprochen werden soll und die Jugendlichen gebeten werden, zu erzählen, was für sie ganz persönlich ein solches ist.

»Man kann mit Jugendlichen sehr, sehr tief in solche Gespräche einsteigen«, versichert Saskia Eisenhardt. Und stellt zugleich klar, dass es in ihrem Projekt nicht allein um das Darüberreden geht, sondern um den theologischen Diskurs. Altersgemäß und ohne missionarische Absichten soll vermittelt werden, was solche Lebensfragen für das Verständnis von Religion bedeuten und damit am Ende vielleicht doch wieder für das eigene Dasein.

Das ist gar nicht so kompliziert, wie es klingt. Korrekt theologisierend, so erklärt Uta Pohl-Patalong, kann ein »Wunder« schlicht als Alternative zum erwartbaren Gang betrachtet werden. Jeder und jede wäre dann in der Lage, durch eigenes Tun kleine Wunder zu bewirken, will heißen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Den methodischen Ansatz des Theologisierens vermittelt Saskia Eisenhardt seit Beginn des Sommersemesters fortgeschrittenen Studierenden. Im weiteren Verlauf werden sie dann eigene Unterrichtseinheiten im Theologisieren entwickeln und diese auch in realen Klassenzimmern erproben. Änderungen und Verbesserungen sollen in einen zweiten Durchlauf einfließen, der ebenfalls ein Jahr dauert. Im dritten Jahr ihres Projekts will die Doktorandin dann die Ergebnisse wissenschaftlich auswerten. Und nicht zuletzt einen Beitrag dazu leisten, dass Lehrkräfte einen gut bestückten Werkzeugkasten für das Theologisieren im Religionsunterricht zur Verfügung haben.

Martin Geist
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