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Nr. 88, 22.10.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Der Pflanzenflüsterer

Pflanzenschutzmittel können Ernteverluste mindern. Dabei kommt es aber auf den genauen Zeitpunkt an. Professor Joseph-Alexander Verreet vom Institut für Phytopathologie forscht an genauen Vorhersagen für einen durchdachten Einsatz der Chemie.


»Echter Mehltau« schädigt nicht nur Zucchini-Pflanzen, sondern gehört auch zu den bedeutendsten Krankheits­erregern im Weizen Schleswig-Holsteins. Foto: picture alliance

Kühl und nass, so bleibt dieser Sommer in Erinnerung. Trotzdem können Landwirtinnen und Land­wirte aufatmen. »Wir hatten einen sehr regenreichen Sommer, sodass bestimmte pilzliche Krankheitserreger in allen Kulturen nachzuweisen sind, aber es ist kein extremes Epidemiejahr«, sagt Professor Joseph-Alexander Verreet.

Als Phytopathologe weiß er genau, wie es um die Gesundheit von Weizen, Gerste, Raps und anderen Nutzpflanzen steht. Jeder Krankheitserreger ist genetisch so programmiert, dass es bei einer bestimmten Witterung zu einer Massenerkrankungen der Pflanzen kommt. »Unsere Aufgabe ist es, die Kriterien herauszufinden und darauf basierend Prognosemodelle zu erstellen.« Diese zeigen den optimalen Bekämpfungszeitpunkt für verschiedene Pilzarten. Nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Verbraucherinnen und Verbraucher und die Umwelt profitieren davon, dass weniger Chemie eingesetzt wird.

Seit 22 Jahren arbeitet die Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät mit der Landwirt­schaftskammer Schleswig-Holstein zusammen. Gemeinsam entwickeln sie integrierte Pflanzen­schutzmodelle (IPS-Modelle). Dafür werden viele Daten benötigt. 30 bis 40 Studierende sammeln wöchentlich detaillierte Pflanzenproben an zehn Standorten aus dem ganzen Bundesland ein. Anhand der Pilzstrukturen wird die Anzahl der Erreger bestimmt. Zusätzlich befindet sich an jedem Standort eine Messstation, die das Klima genau aufzeichnet. Damit können auch die Einflüsse von Temperatur, Niederschlag, Blattnässe und Luftfeuchtigkeit auf den Pilzbefall verfolgt werden.

»Das ist ein enormer biologischer und meteorologischer Datenpool«, ordnet Verreet ein. Schließ­lich werden alle Daten wechselseitig verglichen und die mathematisch basierten basierten Prognosemodelle erstellt. Im Dreiminutentakt werden die Modelle vom Rechenzentrum der Uni Kiel online aktualisiert.

Joseph-Alexander Verreet Foto: Maas

Auch die Geographie der CAU ist an dem Projekt beteiligt, erklärt Verreet. »Das Geographische Informationssystem liefert uns Winddaten für Mehltau und Rost beim Getreide. Mit 80-prozentiger Sicherheit können sie vorhersagen, wann die durch Pilze verursachten Krankheiten auftreten.« Bei einer anderen hochgiftigen Pilzart der Gattung Fusarium ist sogar eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent gegeben. »Die von diesen Pilzen produzierten Stoffe sind teilweise krebserregend. Ein befallenes Weizenkorn würde in der Nahrungskette Menschen oder bei der Fütterung Tiere gefährden. Wir können genau die Gefahr vorhersagen und die Landwirtschaft auffordern, etwas zu tun.«

Während der Blütezeit etwa sechs bis vier Wochen vor der Ernte erhalten die Bäuerinnen und Bauern dann einen Hinweis, wie hoch die Belastung mit Mykotoxinen (Pilzgiften) ist und wann welches Fungizid am effektivsten eingesetzt werden kann. Bei Rosten sollten beispielsweise 30 Pflanzen zufällig dem Bestand entnommen und auf Pusteln untersucht werden. Wenn davon neun Pflanzen auffällig sind, ist eine Gegenmaßnahme erforderlich. Dies muss regelmäßig auf den Feldern kontrolliert werden. Doch auch die Wahl resistenter Sorten, Saatzeit, Fruchtfolge und Bodenbearbeitung sowie eine angepasste Stickstoffdüngung beeinflussen Epidemien. Auch darüber klärt das IPS-Modell auf, so Verreet: »Mit einem Minimum an Input kann man ein Optimum an Qualität erreichen.«

Gerade beim Pflanzenschutz müsse nach aktuellen Prognosemodellen gezielt behandelt werden. »Der Wissenstransfer über das Internet oder über das Bauernblatt an die Zielgruppe läuft wunderbar. Wie in allen Branchen gibt es natürlich auch solche, die es Pi mal Daumen machen«, sagt Verreet. Doch die genaueren Vorhersagen und dementsprechend höhere Erträge überzeugen. »Schleswig-Holstein gehört zu den besten Anbauregionen der Welt. Doch die Witterung hier fördert den Pilzbefall.

Ohne Pflanzenschutz könnten 40 Prozent der Ernten verloren gehen und die Qualität würde leiden.« Und wer das Getreide nach einem Konzept gezielt untersucht, braucht auch weniger Pestizide auf Verdacht zu spritzen. Verreet ist sich sicher: »Pflanzenschutz kann einen großen Beitrag leisten. Mein Plädoyer wäre, den chemischen Einsatz auf das notwendige Maß zu reduzieren und wenn die Landwirtschaft es anwendet, dann nur nach modernen Methoden.«

Raissa Nickel

www.ips-modelle.de
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