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Nr. 88, 22.10.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Abgründe in der Apokalypse

Wandelnde Tote verfolgen die Hauptfiguren von »The Walking Dead«. Anspruchs­volle Comics und ihre Verfilmungen sind schwer angesagt. Der Faszination für »lebende Leichen« in anspruchsvollen Comics und ihren Verfilmungen widmet sich ein Vortrag an der Kieler Uni.


In einem Termin der Ringvorlesung vom Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien vergleicht Kai U. Jürgens die Fernsehserie und den Comic von »The Walking Dead«. Foto: Nickel

Die Welt ist zerstört. Überall lauert die Bedrohung. Hinter jeder Ecke könnten die Untoten lauern. Eine kleine Gruppe hat die Zombie-Apokalypse überlebt und gerät auf der Suche nach Zuflucht an ihre Grenzen. In der Fernsehserie »The Walking Dead« (TWD) beobachten Zuschauerinnen und Zuschauer den emotionalen Ausnahmezustand.

»Die Figuren werden vor schwerwiegende Ent­schei­dungen gestellt. Sie sind als Charaktere ambivalent. Alle haben ihre Abgründe und Schattenseiten«, beschreibt Dr. Kai U. Jürgens die Faszination für die Serie. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist das Spezialgebiet des Lehrbeauftragten am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, doch die USamerikanische Serie hat es ihm besonders angetan: »Die erste Staffel habe ich mir nicht nur gleich gekauft, sondern auch direkt dreimal hintereinander angeschaut. Ich hatte das Gefühl, hier passiert etwas Neues.«

Drastische Szenen einer Zombiewelt habe es zwar schon früher gegeben, beispielsweise in »Die Nacht der lebenden Toten«. Doch in TWD sind nicht nur die verwesenden Körper zerrissen. Verfilmungen widmet sich Immer wieder begegnen den Hauptfiguren und den anderen Über­lebenden moralische Zwickmühlen. »Niemand fungiert durchweg als positive Identifikationsfigur. Und es gibt auch Charaktere, die sich weiterentwickeln und über sich hinauswachsen.«

Sechs Staffeln der erfolgreichen und vielfach ausgezeichneten Serie gibt es inzwischen, auf die siebte warten Fans gespannt. Die Geschichte basiert auf der Comicreihe von Robert Kirkman, der seit 2003 jeden Monat eine neue Geschichte veröffentlicht. Allerdings setzt die TVSerie den Comic nicht eins zu eins um. »Anfangs laufen die Handlungen relativ parallel, dann trennen sie sich gewaltig. Es gibt Figuren, die im Comic nicht mehr leben, aber in der Serie weiterhin existieren«, sagt Jürgens.

Eine Lieblingsfigur hat Jürgens nicht. Das ist auch besser so, denn: »Moderne Fernsehserien arbeiten nicht mit der Gewissheit klassischer Serien, bei der am Ende die Verhältnisse wieder hergestellt sind. Wie bei "Game of Thrones" müssen wir uns daran gewöhnen, dass unsere Lieblingsfigur weggepustet werden kann.« Die Zeichnungen sind ebenso düster wie die filmische Umsetzung.

Sie ergeben ein Horrorszenario, das mit den Alltagsproblemen aus anderen Comics wie zum Beispiel Donald Duck oder Mickey Mouse nur schwer vergleichbar ist. Für solche komplexen Werke wird häufig der Begriff »Graphic Novel« (Grafischer Roman) verwendet. Ihre Zielgruppe sind eher Erwachsene. »Ich halte "Graphic Novel" ehrlich gesagt für einen Marketing-Begriff«, meint Jürgens. »Schon in den 1970er und 1980er Jahren gab es Geschichten mit einem gewissen Anspruchsgrad und einer künstlerische Form. Irgendwann ist jemand auf den klugen Gedanken gekommen, da dieses Etikett "Graphic Novel" draufzukleben.« Damit sollen Seriosität, Anspruch und Ernsthaftigkeit suggeriert werden. Doch Jürgens hält nicht viel von der Unterscheidung: »Comic ist Comic, da habe ich keine Berührungsängste. Ich bin mit Comics aufgewachsen. Da ist also keine Hemmschwelle, wie bei früheren Generationen, wo Comics etwas Primitives, Einfaches und nicht Ernstzunehmendes waren.«

Über »The Walking Dead – Kultcomic und Fernseherfolg« hält Jürgens am Dienstag, 8. Novem­ber, einen Vortrag innerhalb der Ringvorlesung des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medien. Die Vortragsreihe mit dem Titel: »Graphic Novels und ihre Verfilmungen« nimmt sich auch andere beliebte Comics vor und zeigt ihre Vielseitigkeit. Auf dem Programm stehen unter anderem »Tim und Struppi«, Frank Millers »300« und »Sin City« oder »Captain America – The Winter Soldier«.

»Die Idee zu der Veranstaltung kam von Studierenden«, betont Jürgens. Diesen Vorschlag haben die Organisatoren der Ringvorlesung Professor Hans-Edwin Friedrich und Dr. Eckhard Pabst gern angenommen. Aktuelle Serieninfos müssen Besucherinnen und Besucher des Vortrags von Kai U. Jürgens nicht befürchten. Er konzentriert sich auf die erste Staffel. »Gewiss wird es auch ein paar Worte zu dem Ableger "Fear the Walking Dead" geben, die mir derzeit vielleicht sogar etwas besser gefällt als die Mutterserie«, verrät Jürgens.

Raissa Nickel

Ringvorlesung »Graphic Novels und ihre Verfilmungen«,
jeweils dienstags um 18:00 Uhr, Olshausenstraße 75, Hans-Heinrich-Driftmann-Hörsaal
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