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Nr. 88, 22.10.2016  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Auf den Spuren von Don Quijote

Raubkunst oder lupenreiner Besitz – auch in der Kunsthalle zu Kiel gibt es Werke, deren Herkunft zweifelhaft ist. Ihre Geheimnisse werden seit einem Jahr systematisch gelüftet.


Wie kam das Slevogt-Gemälde nach Kiel? Kai Hohenfeld und Annette Weisner sichten Archivmaterial der Kunsthalle zu Kiel. Foto: pur.pur

Dr. Kai Hohenfeld zeigt auf ein Ölgemälde im Videostudio der Kunsthalle zu Kiel: »Das ist Max Slevogts "Don Quijote und Dulcinea" aus dem Jahr 1923. Ein recht kapitales Werk in unserer Sammlung, bei dem die Provenienz lückenhaft war, sprich: In wessen Besitz sich das Kunstwerk seit seiner Entstehung befand, konnte bislang nicht vollständig geklärt werden.«

Auf einem Tisch vor dem Gemälde hat der wissenschaftliche Mitarbeiter für Provenienzforschung Schriftstücke, Ordner und Bücher ausgelegt: die Fundstücke einer intensiven Recherchearbeit. Seit Mai 2015 widmet sich die Kunsthalle zu Kiel der Herkunft von rund 100 Exponaten aus dem eigenen Bestand, darunter auch Slevogts Don Quijote. »Wir untersuchen diese Objekte, weil sie einen lückenhaften Herkunftsnachweis aufweisen«, so der Kunsthistoriker Hohenfeld. Bei den Gemälden und Skulpturen ist nicht komplett dokumentiert, wer sie wann, wo und unter welchen Umständen erworben hat. Diese Lücken sollen nun geschlossen werden.

»Ein Fokus liegt dabei auf der Zeit des Nationalsozialismus. Aber auch Ankäufe nach 1945, die zwischen 1933 und 1945 den Besitzer gewechselt haben, werden untersucht«, erklärt Dr. Annette Weisner, Leiterin der Graphischen Sammlung der Kunsthalle zu Kiel und Leiterin des Forschungsprojekts Provenienz­forschung. Zwischen 1933 und 1945 wurden im damaligen deutschen Reich und in von der Wehrmacht besetzten Gebieten zahlreiche Kulturgüter von zumeist jüdischen Eigentümern enteignet, geraubt oder zwangsverkauft – in der Provenienz­forschung wird dies mit dem Begriff »NS-verfolgungsbedingter Entzug« zusammengefasst. Sollte sich in der Sammlung der Kieler Kunsthalle Raubkunst finden, soll das offengelegt und die Werke ihren rechtmäßigen Besitzern zugeführt werden.

Dazu gibt es seit 1998 eine internationale Vereinbarung (die »Washingtoner Prinzipien«), an die sich – zusammen mit 44 anderen Staaten – auch Deutschland gebunden fühlt. Seither bemühen sich etliche Museen, Galerien und Inhaber privater Sammlungen mit Unterstützung der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste um die Erforschung der Herkunft ihrer Kunstwerke. Mit Mitteln dieser Stiftung wird auch die zunächst auf drei Jahre angelegte Stelle von Hohenfeld finanziert: »Anders wäre es auch gar nicht möglich«, sagt Weisner. Denn die Forschungsarbeit ist zeit- und reiseaufwendig. »Eine Vor-Ort-Recherche ist oft notwendig und wichtig«, erklärt Hohenfeld, der im Fall des Slevogt- Gemäldes nach Speyer zur Landesbibliothek und nach London zum Archiv der Tate Gallery gefahren ist, um den Weg von "Don Quijote und Dulcinea" seit 1923 nachzuvollziehen.

Das skizzenhafte Kunstwerk zeigt die erste Begegnung des selbsternannten Ritters Don Quijote mit seiner imaginierten Geliebten Dulcinea del Toboso. Es stammt aus der Werk gruppe »Improvisationen« von Max Slevogt (1868–1932), der zu den zentralen Vertretern des deutschen Impressionismus gehört. Wie Hohenfeld durch einen Blick ins Inventarbuch der Kunsthalle zu Kiel herausfand, kaufte die Kunsthalle das Gemälde im Dezember 1959 einem Düsseldorfer Galeristen ab. Der damalige Direktor der Kunsthalle zu Kiel, Hans Tintelnot, wollte mit diesem und einem weiteren Slevogt-Werk die Impressionismus- Sammlung des Hauses erweitern. Briefe zwischen Tintelnot und dem Galeristen Wilhelm Grosshennig dokumentieren den Erwerb.

Mithilfe der Internet-Datenbank »Lost Art«, die Angaben zu Kulturgütern und Personen zur Zeit des Nationalsozialismus bereithält, entdeckte Hohenfeld einen Eintrag zu Wilhelm Grosshennig: »Während des Zweiten Weltkrieges kaufte Grosshennig in Deutschland und Frankreich Kulturgüter für den "Sonderauftrag Linz", also für das von Adolf Hitler geplante Führermuseum in Öster reich.« Der Kunsthistoriker war alarmiert: Ist das Slevogt-Gemälde etwa unrechtmäßig in den Bestand des Galeristen gekommen?

In der Bildkartei des Museums stieß Hohenfeld dann auf einen weiteren Namen: »Otto Hermann Blumenfeld war ein jüdischer Sammler aus Hamburg, der deutsche und französische Kunst sammelte und während der NSZeit nach England emigrierte. Seine Sammlung soll er mitgenommen haben.« Durch Kontaktaufnahme mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Galeristen Grosshennig kam heraus, dass dieser das Gemälde 1959 bei einem Londoner Kunsthändler erworben hatte. Folglich musste Blumenfeld das Exponat in England verkauft haben. »Nun war die Frage: Verkaufte er es NSverfolgungsbedingt oder erst nach der NS-Zeit?« Im Archiv der Tate Gallery fand Hohenfeld dann den Beweis: Blumenfeld tauschte das Slevogt-Exponat und zwei weitere Gemälde im Juli 1959 gegen eine Bronze von Rodin. Ein Zwangsverkauf war nicht zu ersehen: »Blumenfeld wollte einfach nur seine Sammlung verändern.«

In Speyer schloss sich die letzte Lücke: Eine Korrespondenz zwischen dem Sammler und Slevogt bewies, dass Blumenfeld das Gemälde direkt vom Maler gekauft hatte: »Die Provenienzkette ist lückenlos und unbedenklich.« Die Akten des Slevogt-Gemäldes sowie von 20 weiteren Objekten kann Hohenfeld schließen. Es bleiben knapp 80 Exponate, deren Herkunft er klären möchte. »Und danach wollen wir die Graphische Sammlung bearbeiten. Der Antrag beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste wird Ende 2017 gestellt«, so Weisner.

Melanie Huber
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