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Nr. 89, 28.01.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Weniger Meerwert

Müssen Badestrände immer frei von Algen sein? Und welcher Strandanwurf stört Badegäste am ehesten? Diesen Fragen ging ein Forschungsprojekt des Exzellenzclusters »Ozean der Zukunft« nach.


Anspülungen von Algen und Seegras gehören zum Strand wie Sand und Wellen. Am Strand von Eckernförde häuft sich vor allem Seegras an, das in der Saison täglich mit großen Maschinen entfernt wird. Anders als so manche Alge riecht es aber nicht unangenehm und stört die Badegäste auch nicht weiter. Foto:  weinberger/GEOMAR

Damit Badegäste einen sauberen Strand vorfinden und nicht über odrige Algen laufen müssen, greifen die Küstengemeinden in Schleswig- Holstein tief in die Tasche. An Stränden, wo besonders viele Algen angespült werden, zum Beispiel in Eckernförde, wird der Strand in der Saison nahezu täglich gereinigt. »Dazu fahren in der Regel große Maschinen über den Sand und harken den Strandanwurf weg«, sagt Dr. Florian weinberger vom Forschungsbereich Marine Ökologie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Eine aufwändige Prozedur und zudem aus Umweltgründen nachteilig. »Das Abharken fördert auch die Erosion.« Weil sich der Sand nicht so verfestigt, kann er leichter abgetragen werden.

Hinzu kommt: »Die Algen können nicht einfach als Biomasse weiterverwertet werden. Die Entsorgung kostet viel Geld«, sagt Professorin Katrin Rehdanz vom Institut für Volkswirtschaft der CAU. Gemeinsam mit weinberger hat die Umweltökonomin den Strandanwurf ins Visier genommen. In dem vom Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft geförderten interdisziplinären Projekt erforschten sie, inwieweit sich die Strandgäste tatsächlich von den Algen gestört fühlen und ob sie den Strand auch aufsuchen würden, wenn mehr Algen liegen blieben.

Um das Störpotenzial beziehungsweise die Akzeptanz von Algen, Seegras und Co. zu eruieren, haben Florian weinberger und Katrin Rehdanz eine Befragung durchgeführt und dabei auch Bilder von Stränden mit und ohne Anspülungen sowie Geruchsproben von Algen eingesetzt.

»Wir haben uns in dem Projekt die Frage gestellt, warum sich Leute in zunehmendem Maße über Strandanwurf beschweren«, sagt weinberger. Zwar hätten sich auch die Mengen der angespülten Algen erhöht. Aber die Beschwerden bei den Gemeinden haben laut weinberger stärker zugenommen. Ein Grund dafür könnte die veränderte Zusammensetzung der Algen am Strand sein. Durch Überdüngung (Eutrophierung) der Ostsee hätten sich opportunistische Arten durchgesetzt, also solche, die schnell wachsen und schnell verwesen. Möglicherweise haben sie ein größeres Störpotenzial. Die Annahme der Forschenden war, dass diese Algenarten vor allem durch ihren Geruch stören.

Um dieser Frage nachzugehen, wurden aus sechs Algenarten, jeweils eine opportunistische und eine nichtopportunistische Braun-, Grün- und Rotalge, mittels Oberflächenextraktion die Geruchsstoffe entzogen. Das »Algenparfüm« wurde dann zu Versuchszwecken in sogenannte Sniffin’ Sticks gefüllt. Bei Befragungen während der Kieler Woche sowie an den Stränden von Eckernförde und Schönberg kamen diese zusammen mit Bildern von einem gereinigten bzw. ungereinigten Strand zum Einsatz. Florian weinberger: »Wir haben den Leuten jeweils zwei Sniffin’ Sticks unter die Nase gehalten, eins mit dem Geruch einer opportunistischen Alge, eins mit einer anderen Art. Weil wir außerdem wissen wollten, welchen Einfluss der Geruch und welchen die Optik hat, haben wir ihnen auch noch Bilder gezeigt.« Bilder und Gerüche wurde in diversen Kombinationen präsentiert und die Bewertung dazu in einem Fragebogen erfasst.

Mehr als 2.000 Befragungen kamen zusammen. Dabei wurde deutlich, dass die Algen tatsächlich unterschiedlich intensiv riechen. »Der Geruch von Opportunisten wird deutlich als unangenehmer wahrgenommen als der von Nicht-Opportunisten«, sagt weinberger. Seegrasduft wirkte hingegen neutral. Aber auch die Optik der Algen am Strand störte. »Tendenziell würden die Leute lieber einen Strand aufsuchen, an dem keine Algen sind. Aber der Einfluss des Geruchs ist stärker.«

Katrin Rehdanz interessierte darüber hinaus auch der ökonomische Aspekt, das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Strandreinigung. »Dazu haben wir Badegäste gefragt, was sie bezahlen würden, damit der Strand weiter gereinigt wird wie bisher, und was sie für einen weniger gereinigten Strand noch ausgeben würden.« Die Befragung wurde ebenfalls durch Geruch und Bilder illustriert. Die Auswertung der Antworten ist noch nicht abgeschlossen, aber klar ist: »Die Zahlungsbereitschaft geht runter, wenn nicht mehr das geboten wird, was man vorher hatte. Aber es gibt auch Badegäste, die stören Algen überhaupt nicht. Die sagen, das ist Natur, das gehört dahin, dagegen sollte man gar nichts unternehmen.«

Ergänzend zu den Befragungen wurden außerdem die Badegäste vor Ort beobachtet, nachdem ein Strand in Eckernförde mit Zustimmung der Gemeinde eine Woche lang nicht gereinigt wurde, sowie nachdem die Algen umsortiert wurden, so dass es unterschiedlich stark »belastete« Abschnitte gab. weinberger: »Unsere Erwartungen waren: Je mehr Strandanwurf, desto weniger Leute. Das hat sich nicht bestätigt. Letztlich haben die Leute alle Strandabschnitte gleich stark angenommen.« Obwohl es auch Ausweichmöglichkeiten gegeben hätte.

Kerstin Nees
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