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Nr. 91, 15.07.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Wohnungslos, aber nicht hilflos

Mit Vorurteilen über Obdachlose räumt die Historikerin Britta-Marie Schenk auf. In ihrem Habilitationsprojekt »Ohne Unterkunft?« (so der Arbeitstitel) erzählt sie die Geschichte der Obdachlosigkeit im 19. und 20. Jahrhundert.


Der Holzstich von Georg Koch (um 1872) zeigt obdachlose Menschen in Berlin beim Bau von Baracken. In der Zeit zog es viele Menschen der Arbeit wegen in die Großstädte. Weil es dort zu wenige Wohnungen gab, wuchs die Zahl der Wohnungslosen. Auch Frauen und Kinder waren von Obdachlosigkeit betroffen. Foto: akg-images

Den Anstoß zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Obdachlosigkeit gab eine Begegnung mit einer obdachlosen Frau in der Hamburger Universität. »Die öffentlichen Gebäude der Uni stehen jedem Besucher offen. Diese Frau war häufig im Studierendencafé und hat dort teilweise sogar übernachtet«, erzählt die gebürtige Hamburgerin Dr. Britta-Marie Schenk und erklärt weiter: »Obdachlose Frauen sind oft weniger sichtbar als obdachlose Männer. Nicht nur, weil es mehr obdachlose Männer als Frauen gibt, sondern weil ein Teil der wohnungslosen Frauen Strategien gewählt hat, die den Alltag ihrer Wohnungslosigkeit eher verdecken.«

Aus der Begegnung mit der Frau erwuchs die Idee, die »Geschichte der Obdachlosen zu erzählen, die nicht in das übliche Bild passen. Ich möchte ihren Alltag erschließen und ihre Handlungsmöglichkeiten gegenüber den Fürsorgeinstitutionen im 19. und 20. Jahrhundert erforschen«. Seit April 2015 recherchiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Historischen Seminar der Universität Kiel über ihr umfangreiches Thema. Gefördert wird das Projekt von der Gerda-Henkel-Stiftung.

Am Beispiel von zwei Großstädten (Berlin, München), zwei mittelgroßen Städten (Kiel, Worms) und zwei ländlichen Regionen (Nordfriesland und Karlsruhe Land), die den Norden und den Süden abdecken, will die Historikerin den Alltag der Obdachlosen einerseits und die Praxis der Obdachlosenfürsorge andererseits beleuchten. Geschildert werden sollen die jeweiligen Situationen aus der Sicht des Staa­tes, der privaten Wohltätigkeit und der Obdachlosen.

»Im Gegensatz zu bisherigen Studien beziehe ich die Perspektive der Obdachlosen mit ein und frage danach, welche Möglichkeiten sie hatten, nach ihrem eigenen Willen zu handeln«, sagt Britta-Marie Schenk. Damit wendet sie sich gegen das Bild von Obdachlosen als »willenlose Opfer«, das die Forschung bislang dominiert.

Dr. Britta-Marie Schenk
Foto: Nils Kühne

Das Besondere an ihrer Arbeit ist zudem der lange Unter­such­ungszeitraum, der von 1860/70 bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts reichen soll. »Eine solche übergreifende Studie gibt es noch nicht«, erklärt die Historikerin, die anhand ihrer Arbeit auch große Gesellschaftsentwicklungen dokumentieren möchte. »Wie eine Gesellschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht, sagt viel über diese Gesellschaft aus. Ich möchte Gesellschaftsgeschichte von ihren Rändern her schreiben.«

In insgesamt drei Zeitabschnitte gliedert sich ihre Arbeit: vom Kai­ser­reich bis zur Weimarer Republik, von da an bis in die 1960er Jahre und von da an bis in die Gegenwart. Bei ihrer Recherche hat die Historikerin schon einige Fakten zusammengetragen, die die Vorurteile vom »überwiegend männlichen Obdachlosen«, der durchs System gefallen und von der Fürsorge abhängig ist, wiederlegen: »Die Situation in der Stadt Kiel im 19. Jahrhundert ist ein gutes Beispiel«, erklärt sie. Als Kiel 1871 zum Reichskriegshafen ernannt wurde, zogen sehr viele Menschen zum Arbeiten an die Förde. Doch für diese gab es in der noch kleinen Stadt nicht genug Wohnraum. Auch Familien oder Frauen wurden daher wohnungslos.

Auch anderenorts führte die beginnende Industrialisierung zu solchen Massenumzügen. So ist es nicht verwunderlich, dass im späten 19. Jahrhundert viele Asyle für Obdachlose, auch speziell für Frauen entstanden. »Doch trotz ihrer durchaus schwierigen Situation waren die Obdachlosen dem System nicht hilflos ausgeliefert und wussten sich zu wehren.« In der Kaiserzeit gingen die Wohnungslosen unter anderem gegen den geplanten Abriss einer Barackensiedlung auf die Barrikaden, wie die Historikerin aus Dokumentationen von Einrichtungen oder Bittbriefen von Obdachlosen weiß.

»Noch ist die Archivrecherche nicht abgeschlossen«, erklärt Britta-Marie Schenk, die »immer noch begeistert« ist von der Vielfalt des Themas. »Es ist wie ein Puzzle, das in Einzelteilen vor mir liegt und für das noch Stücke fehlen. So langsam kann ich aber schon Teile zusammenfügen und ein erstes Bild zusammensetzen.« In drei Jahren wird sie ihre Untersuchungen beendet und die Arbeit geschrieben haben.

Jennifer Ruske
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