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Nr. 91, 15.07.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Gift für die Gemeinschaft?

Ein Kieler Philosoph vergleicht Konzepte von Ungleichheit. Mit einem modernen Ansatz möchte er im archäologischen Kontext den Konsequenzen von Ungleichheit für frühe Gesellschaften nachspüren.


Villen und Schampus hier, Sozialwohnungen und Dosenbier dort – dass Güter und Wohlstand in Deutsch­land ungleich verteilt sind, ist offensichtlich. Noch greifbarer ist die Kluft zwischen Arm und Reich in anderen Ländern wie Südafrika oder Argentinien, wo sich die Wohlhabenden in sogenannten Gated Communities verschanzen, Luxuswohnanlagen hinter hohen Mauern mit eigenem Wachdienst. Und es ist ganz offenbar kein Phänomen der Neuzeit: Schon vor Tausenden von Jahren bestattete man einige Tote mit wertvollen Beigaben in aufwändigen Hügelgräbern, andere wurden, in profane Bastmatten gewickelt, neben ihrer Hütte verscharrt.

»Einer klassischen Definition zufolge haben wir es in diesen Fällen mit extremer Ungleichheit zu tun«, sagt Dr. Vesa Arponen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 1266 »Trans­forma­tionsDimensionen« und der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes». Er nähert sich dem Phänomen der Ungleichheit von philosophietheoretischer Seite.

»Es existieren verschiedene Ansätze dazu«, erläutert der Finne, »Das klassische Konzept misst Ungleichheit vor allem an der Fehlverteilung erstrebenswerter Dinge wie Einkommen oder Wohlstand, ist also letztendlich materialistisch ausgerichtet.« Wer das Geld hat, jeden Abend Champagner auf seiner Yacht in St. Tropez zu schlürfen, der steht nach dieser Definition ungleich besser da als der Bier trinkende Fabrikarbeiter in der norddeutschen Eckkneipe.

Vesa Arponen beschreibt neben diesem klassischen auch ein moderneres Konzept von Ungleichheit: Es geht zurück auf den indischen Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen, der 1998 den Nobelpreis erhielt, und wird auf Englisch als Capability Approach bezeichnet. Im deutschen Sprachraum nennt man es etwas sperrig Verwirklichungschancenansatz oder Befähigungsansatz. Arponen, ein ruhiger Mitt­dreißiger, versteht es, das komplex klingende Konzept in wenigen Worten zu erläutern: »Sen zufolge sind Geld und Besitz kein definitives Maß für Ungleichheit - seine 'Währung' sind die Möglichkeiten, die ein Individuum hat, sein Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten.«

Ein hohes Einkommen und ein prall gefüllter Tresor können dafür wichtige Voraussetzungen sein. Sie bie­ten ihrem Besitzer oder ihrer Besitzerin aber, wenn er oder sie beispielsweise in einem autoritären Regime mit geschlossenen Grenzen lebt, womöglich weit weniger Gelegenheiten zur freien Lebens­gestaltung, als der oben angeführte Fabrikarbeiter mit seinem schmaleren Monatslohn hat. Anders aus­gedrückt: Was nützen Reichtümer, wenn man sich nichts dafür kaufen kann und St. Tropez in unerreich­barer Ferne liegt?

Vergleichbare Spuren von materieller Ungleichheit sind auch in archäologischen Befunden seit der Jung­steinzeit nachweisbar. In Zusammenarbeit mit dem Archäologieprofessor Johannes Müller erprobt Vesa Arponen die Anwendbarkeit des über das rein Materielle hinausgehenden Sen'schen Verwirk­lichungs­chancenansatzes auf diese mehrere Jahrtausende zurückliegende Phase der Menschheitsgeschichte, die geprägt wurde durch den Übergang vom nomadischen Jäger-und-Sammler-Dasein zu sesshaften Gemeinschaften.

»Die Archäologie kann eine Langzeitperspektive auf die Entstehung und die Grundlagen von Ungleich­heit bieten. Die Herausforderung dabei ist, dass die Archive aus dieser Zeit ausschließlich materieller Natur sind ~ beispielsweise Siedlungsspuren und Grabbeigaben - während der von Amartya Sen geprägte Ansatz immaterielle Werte wie persönliche Perspektiven, Teilhabechancen, Freiheit und Sicherheit als Maßstab nimmt«, erklärt Arponen. »Ich denke, dass diese Werte uns mehr Einblicke in die Konsequenzen von Ungleichheit für frühe Gesellschaften bieten können als die bloße Feststellung materieller Ungleichverteilung.»

Daher sucht der Philosoph in archäologischen Befunden nach indirekten Anzeigern, sogenannten Proxys, für Verwirklichungschancen oder einen Mangel an ebendiesen. »Das könnten im positiven Sinne Zeichen gemeinschaftlichen Wohlergehens sein, beispielsweise Siedlungen, die über einen längeren Zeitraum gewachsen sind, oder Spuren von Handels- und Kommunikationsnetzwerken.«

Entsprechend lassen sich etwa Bernsteinfunde weit im Binnenland interpretieren. Als negative Proxys definiert Arponen aufgegebene Siedlungen und zusammengebrochene Netzwerke. »Ich denke, dass Ungleichheit zur Erosion von frühen sesshaften Gesellschaften und letztlich zu deren Zusammenbruch führen konnte«, sagt Vesa Arponen, »und ich fürchte, dies gilt auch für moderne Gesellschaften.»

Jirka Niklas Menke
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