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Nr. 91, 15.07.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Lernend die Welt verbessern

Raus aus dem Vorlesungsmarathon, rein in die Eigenverantwortung. Mit diesem Kon­zept hilft Professor Christoph Corves engagierten Menschen, unter­nehmerische Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu schaffen. Das Beste: Nicht nur Stu­dierende können seine Kurse nutzen.


Das soziale Unternehmen »Goldeimer« wurde in Kiel als Studienprojekt gegrün­det. Die Universität unterstützt nachhaltige Ideen mit Startkapital und bindet ihre Umsetzung in die Lehre ein. Foto: Maja Bathijahrevic

Stellen Sie sich vor, dass Sie vor einem Raum voller moti­vierter, engagierter Menschen stehen, die die Welt besser machen wollen, die die Umwelt retten, hungrigen Kindern helfen oder Geflüchteten die deutsche Sprache beibringen könnten, die aus verschiedensten Hintergründen stammen und individuelle Qualifikationen haben. Sollten Sie diesen Men­schen wirklich über mehrere Monate Theorien an den Kopf wer­fen und sie in PowerPoint-Präsentationen untergehen lassen? Wäre es nicht besser, deren Eifer zu nutzen und sie selbst Pro­blemlösungen entwickeln und ausprobieren zu lassen? Geographie-Professor Christoph Corves hat da eine Idee:

»Wäre der ARD-Tatort aufgebaut wie ein klassisches Studium, würde man dem Zuschauer erst 80 Minuten lang erklären, wie Schießpulver funktioniert, bis der erste Schuss fällt. Erst danach wird endlich ermittelt«, scherzt Corves. »Die Art, wie gelehrt wird, sollte verändert werden«, findet er. Man lerne durch Handeln, nicht nur durch Vorlesungen: »Schreiben lernt man ja auch nicht durchs Zeitunglesen.«

Seit Jahren arbeitet Corves daran, die Motivation der Studie­ren­den zu nutzen und zu befeuern. Der Ansatz, den er dafür nutzt, nennt sich »Teaching for Empowerment». Dabei bringt man Studierenden bei, wie man für Umwelt- oder gesellschaftliche Probleme unternehmerische Lösungen entwickelt. Beziehungs­weise, sie bringen es sich selbst bei.

Denn beim sogenannten Service Learning kommt klassischerweise ein Auftrag von außen: Etwa, wenn ein gemeinnütziger Verband eine neue Webseite braucht, bei einer Uni anfragt und ein Kurs voller Studierender diese dann programmiert.

Beim »Teaching for Empowerment« geht Corves ein paar Schritte weiter. In seinen Kursen geht es darum, dass Teilnehmende selbst gesellschaftliche Probleme entdecken und eine finanzierbare Lösung dafür entwickeln. Ein typisches Beispiel ist das Unternehmen »Goldeimer«, welches genau so an der Kieler Uni entstand. Aus der Kritik an ekligen und umweltbelastenden Festival-Toiletten entstand die Idee, eine komplett chemiefreie, nachhaltige und saubere Alternative anzubieten. Aus dem vor vier Jahren gegründeten studentischen Projekt ist inzwischen die Goldeimer GmbH mit mehreren Mitarbeitern geworden.

Dieses Konzept findet bundesweit Beachtung: Tausende Menschen nutzen jedes Jahr die Online-Kurse auf der »Zukunftsmacher-Lernplattform». Auch andere Universitäten verwenden die Lehrinhalte inzwischen in ihren Studiengängen. Insgesamt ein Jahr läuft ein Kurs, beginnend im Wintersemester. Teilnehmende lernen hier, wie man nachhaltige oder sozial innovative Projekte plant, eine Crowdfunding-Kampagne umsetzt, sein Projekt vermarktet oder Zeit- und Teampläne erstellt.

Besonders wird das Konzept, da über den yooweedoo Ideenwettbewerb mit einem jährlichen Budget von 60.000 Euro viele der erdachten Projekte auch finanziert werden können. Maximal 2.000 Euro werden dabei pro Projekt bereitgestellt. Studierende der Universität Kiel können an Corves' Kursen im Rahmen des Masterstudiengangs »Sustainability, Society and the Environment«, des Geographie-Bachelors oder des Zentrums für Schlüsselqualifikationen teilnehmen. Auch interessierte Bürgerinnen und Bürger können die kostenlosen Onlinelernangebote auf der Zukunftsmacher-Plattform nutzen.

Für die Teilnehmenden ist es mehr als ein Kurs, aber auch mehr als ein ehrenamtliches Projekt. Denn fast ein Drittel der Ideen reift über die Zeit zu richtigen Unternehmensgründungen oder Vereinen heran. Ganz nebenbei vermittelt diese Art der Lehre Kompetenzen zur Problemlösung, steigert die Kreativität und zwingt Menschen dazu, Verantwortung für sich selbst und etwas Größeres zu übernehmen.

Damit ist der Kurs auch für die Uni ein großer Gewinn. Der Master-Studiengang »Sustainability, Society and the Environment«, in dem das neuartige Konzept zum Lehrplan gehört, werde zum Beispiel mit extrem starken Bewerbungen aus der ganzen Welt belohnt, wie Professor Corves bestätigt: »Bestimmte Arten, frei und selbstbestimmt zu studieren, ziehen ganz besondere Menschen an.« Ab 2018 soll der Kurs auch für Lehramtsstudierende angeboten werden - damit diese in den Schulen die klugen und engagierten Köpfe von morgen unterstützen können.

Sebastian Maas

Mitmachen? Hier geht's lang: www.zukunftsmacher-plattform.org
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