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Nr. 91, 15.07.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Lust unter Druck

Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder die Unsicherheit, beim Sex nicht zu genügen – viele Menschen suchen Rat bei der Kieler Sexualmedizinerin und Therapeutin Professorin Aglaja Stirn.


Über Sexualität zu sprechen, fällt vielen Menschen nicht leicht. Doch die Sprachlosigkeit kann dem eigenen Glück im Wege stehen. Foto: Toa Heftiba/Unsplash.com

Es könnte alles so einfach sein: Zwei (oder mehr) Menschen haben Lust aufeinander und vergnügen sich. Könnte, denn oftmals stehen persönliche oder körperliche Probleme dem Genuss im Weg. Professorin Aglaja Stirn, Direktorin des Kieler Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie (ISFP), spricht offen aus: »Sex ist nicht immer gut. Alle Männer bekommen mal keinen hoch oder kommen zu früh.« Das sei ebenso normal wie Phasen, in denen die weibliche Erregung nachlässt.

Die Medien vermitteln allerdings ein anderes Bild. Texte und Bilder schreiben vor, wie wir denken, fühlen und funktionieren müssen – leistungsstark in jeder Hinsicht. In sozialen Netzwerken wie Instagram oder auch in Zeitungen und Fernsehen dominiert getrimmte Perfektion. »Viele denken, sie müssen da mithalten und ständig wollen und können. Aber es gibt immer weniger Menschen, die Lust haben«, beobachtet Stirn bei ihrer Forschung. Frauen und auch zunehmend Männer fühlen sich unter Druck gesetzt von vermeintlichen »Idealkörpern« mit vollem Busen oder Sixpack.

Als Stiftungs-Professorin für Psychosomatische Akutmedizin ist Stirn Anlaufstelle für Sorgen unter­schiedlichster Art. In ihrem Büro bietet sie den Ratsuchenden eine vorurteilsfreie Umgebung. Therapien können je nach Fall wenige Stunden oder viele Jahre dauern. Wer zu der Expertin kommt, berichtet unter anderem von Ängsten, den eigenen Körper in Zweisamkeit zu zeigen. Einige Frauen überlegten, die ihrer Meinung nach »zu großen« Schamlippen verkleinern zu lassen. Die im Trend liegende Intim­rasur entblößt die Vulva, weshalb Unsicherheiten entstehen können: »Jeder Körper ist anders und anders schön. Doch es gelingt nicht immer, den Körper so anzunehmen, wie er ist.»

Wird Sexualität in einer Partnerschaft völlig vermieden, ist Kommunikation unerlässlich. »Lasst uns über Sex sprechen«, fordert Stirn, »sonst lernen wir nicht dazu und werden nicht informiert. Auch die eigenen Wünsche kennenzulernen ist wichtig.« Auf welche Art und Weise dies geschieht, sei individuell unterschiedlich. In sich hineinspüren könne Anreize liefern. Aber auch Pornos könnten der Inspiration und Stimulation dienen. Sadomasochistische Praktiken würden heutzutage weniger tabuisiert, auch seit der Buchreihe »Fifty Shades of Grey«. Deshalb müssten aber nicht alle an Fesselspielen Gefallen finden, meint Stirn: »Entscheidend ist, was das Paar bespricht und will. Das sind die einzigen Regeln.« Auch hier seien ehrliche Gespräche der Schlüssel zu einem vertrauten Umgang, denn Gelüste könnten sich im Laufe der Zeit ändern.

Wenn Menschen zu Aglaja Stirn in die Sprechstunde kommen, treiben sie häufig Fragen um wie: »Sind meine Fantasien normal? Darf ich sie haben und warum habe ich sie überhaupt?« Doch Scham bedeutet für Stirn Zensur. Derzeit wertet ihr Team eine Online-Befragung über Fantasien von 700 Teilnehmerinnen aus. Frauen, die sich vorstellen, wie sie überwältigt und genommen werden, wollen natürlich keine Vergewaltigung, stellt Stirn klar. Innerhalb eines kontrollierten Umfelds sei es beispielsweise möglich, solche Szenen auszuleben, sofern dies überhaupt gewünscht wird.

Bei der Diagnose einer sexuellen »Funktionsstörung« ist Stirn vorsichtig: »Der Spielraum ist sehr groß.« Sie plädiert für mehr Achtsamkeit und Gelassenheit. Erst wenn die betreffende Person oder das Paar unter der Situation leiden, sollten sie sich Hilfe suchen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn exzes­sives Masturbieren dem Beruf im Weg steht oder eine Sexsucht Freundschaften und Beziehun­gen zerbrechen lässt. Auch Stress, hormonelle Schwankungen oder körperliche und psychische Erkran­kungen können die Libido negativ beeinflussen.

Ambulante Gespräche, psychotherapeutische Verfahren oder auch medikamentöse Behandlungen sind mögliche Herangehensweisen des ISFP. Für eine Behandlung können sich Interessierte selbst anmel­den oder von einem Haus- oder Facharzt überweisen lassen. Die Kosten der Behandlung werden üblicher­weise von der Krankenkasse übernommen. Gegenseitiges Streicheln kann dann zur Hausauf­gabe werden.

Das Spiel aus Nähe und Distanz müssen Paare miteinander ausloten, bis beide einen für sie gesunden Zugang zur Sexualität gefunden haben und wortwörtlich mit dem Ergebnis befriedigt sind. Bei aller Offenheit rät Stirn in manchen Momenten doch zum Innehalten. Wer in einer jahrelangen Partnerschaft frustriert einen Seitensprung wagt, muss nicht gleich alles erzählen und damit eine Krise auslösen. Es ist ein Balanceakt, bei dem man in sich hineinhören sollte, denn: »Manche Seitensprünge haben weniger mit der Partnerschaft und mehr mit einem selbst zu tun.»

Raissa Nickel

www.zip-kiel.de/sexualmedizin
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