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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Irgendwann knallt es!

Schon vor über hundert Jahren warnten die ersten Fachleute vor dem menschen­gemachten Klimawandel. Trotzdem sind wir kaum bereit, unseren Lebensstil zu ändern, und Skeptiker erhalten Zulauf. Mojib Latif und Konrad Ott beziehen Stellung zu gesellschaftlicher Verunsicherung und Verantwortung in postfaktischen Zeiten.


Ist das die Welt, wie sie uns gefällt? Animation: Holly McKelley

Wir machen es unserem Weltklima nicht leicht. Natürlich hat es sich geändert. Zwischen Eis- und Warmzeiten gab es globale Temperaturunterschiede von ungefähr fünf Grad Celsius. Das dauerte aber viele Tausend Jahre. Dann fanden wir Gefallen an Maschinen, und im 19. Jahrhundert kam die Industrialisierung in Schwung. Gut 150 Jahre später steht uns erneut eine radikale Temperaturänderung bevor.

»Die Geschwindigkeit ist besonders. Wir sprechen beim Klimawandel im schlimmsten Fall von fünf Grad seit der Industrialisierung bis zum Ende dieses Jahrhunderts«, warnt Mojib Latif. Er ist seit 2003 Professor an der Uni Kiel und leitet seit 2004 den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Seine Forschung zeigt: »Die Meeresspiegel steigen, das Eis der Erde schmilzt und Wetterextreme nehmen zu. Vor diesen Fakten können wir nicht mehr die Augen verschließen.«

Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählte »postfaktisch« zum Wort des Jahres 2016. Das Kunstwort verweise darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zunehmend um Emotionen und weniger um Fakten gehe, begründete die Jury ihre Entscheidung. Das spüren auch Forschende. Wer Interviews des vielfach ausgezeichneten Wissenschaftlers Latif bei YouTube sucht, findet in den Kommentaren Lügen- und Propagandavorwürfe.

Sie glauben gar nicht, wie viele Mails ich bekomme, wenn mal Schnee oder Eis liegt. Viele verstehen nicht, dass wir es mit einem chaotischen System zu tun haben, das sich langfristig ändert. Kurzfristig gibt es eben unberechenbares Wetter.« Schwankungen in der Klimaentwicklung sind also normal. Latif gibt zu, dass das komplexe Erdsystem nicht in allen Details vorhersagbar und verständlich ist. Gerade bei regionalen Änderungen, Wolken- und Meeresströmungen gebe es Unsicherheiten.

Statement von Prof. Mojib Latif
Foto: pur.pur

Statement von Prof. Konrad Ott
Foto: privat



Auch der Kieler Umweltethiker und Philosoph Professor Konrad Ott betont: »Die wissenschaftliche Haltung der Skepsis ist erst einmal lobenswert. Doch die Modelle und Daten sind so überwältigend eindeutig, dass an der Tatsächlichkeit des Klimawandels kein Zweifel bestehen kann. Die sogenannten Klimaskeptiker missbrauchen die Tugend wissenschaftlicher Skepsis.« Er setzt auf Sachlichkeit und auf den Diskurs: »Die Klimaethik trägt mit den Mitteln der Argumentation dazu bei, dass ein politischer Wille entstehen könnte, ein globales Ziel auf gerechte Weise in die Tat umzusetzen.«

Auf der Pariser Klimaschutzkonferenz im Dezember 2015 einigten sich erstmals 195 Länder auf ein völkerrechtliches weltweites Klimaschutzübereinkommen. Emissionen sollen gesenkt und die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Temperaturen begrenzt werden. Dann aber kam US-Präsident Donald Trump und verkündete im Juni 2016 den Ausstieg seines Landes aus dem Abkommen.

Konrad Ott hat dazu eine klare Haltung: »Wer das Pariser Abkommen sabotiert, handelt aus klimaethischer Sicht definitiv unverantwortlich.« Seiner Ansicht nach müsse gerade versucht werden, die Ziele von Paris konsequent umzusetzen. Es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, die Risiken des Klimawandels abzufedern. »Vor allem die Industrienationen müssen ihren Beitrag leisten«, meint Ott. Denn sie verfügen über Kapital, Wissen und Technologien. Und weiter: »Ohne China und die USA wird Klimapolitik zum Scheitern verurteilt sein, weil sie zusammen etwa 50 Prozent aller globalen Emissionen verursachen. Nicht zu vergessen sind Staaten mit einem raschen Anstieg an Emissionen wie Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, aber auch einige afrikanische Staaten wie Nigeria und Südafrika.«

Aber wie geht Klimaschutz konkret? Hier ist nicht nur politisches Handeln, sondern auch der persönliche Lebensstil gefragt. Liebgewonnene Hobbys wie Fernreisen oder Fahrzeuge mit hohen CO2-Emissionen wie Geländewagen sollten überdacht werden, sagen die Experten. Doch auch unverdächtigere Beispiele wie Single-Haushalte oder Fernbeziehungen können die eigene CO2-Bilanz negativ beeinflussen. »Viele Leute haben Interessen, die mit einem hohen Energiekonsum einhergehen«, sagt Ott. Und es werden immer mehr. Die Auswirkungen des Klimawandels treffen nicht nur viele Menschen vornehmlich in tropischen Ländern, sondern werden zum Verlust der globalen Biodiversität beitragen.

»Irgendwann knallt es«, ist sich auch Latif sicher. Von der neuen Bundesregierung erwarten die Wissenschaftler deshalb Investitionen in die Forschung und ein couragiertes Klimaprogramm. »Umweltpolitische Erfolge sind möglich. Es braucht dafür nur Mut für entsprechende Gesetze wie eine Kohlendioxid-Steuer oder einen globalen Emissionshandel mit strengen Zielen. Letztlich liegt aber die Lösung auch bei uns selbst«, appelliert Ott. Fakten und Lebensstil in Einklang zu bringen, fange bei uns selbst an. In Deutschland sind die Emissionen sogar wieder leicht gestiegen. Worauf warten wir noch?

Raissa Maas
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