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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Eine Orchidee als Kronzeugin

Die Lehmkuhlener Stauung ist das artenreichste Niedermoor in Schleswig-Holstein. Wie es ursprünglich ausgesehen hat und welche Folgerungen daraus für den Naturschutz zu ziehen sind, darauf gibt die Paläobotanik entscheidende Antworten.


Das Sumpf-Herzblatt (links) und die ­Orchidee Sumpf-Stendelwurz gehören zu den seltenen und besonders schönen Pflanzenarten in der Lehm­kuhlener Stauuung. Foto: CAU

Nur 2,1 Hektar – etwas mehr als vier Fußballfelder – misst die Lehm­kuhlener Stauung zwischen Preetz und Plön. Und doch be­schäftigt sich die Abteilung Angewandte Ökologie und Paläo­botanik am Institut für Ökosystemforschung seit Jahren intensiv mit diesem Gebiet. Aus gutem Grund: 250 Pflanzen­arten, darunter 50 verschiedene Moose, wurden in diesem basischen Niedermoor nachgewiesen, 60 dort vorkommende Pflanzen stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben be­droh­ten Arten. Darunter befinden sich unscheinbar anmutende Arten wie die zweihäusige Segge, die in Schleswig-Holstein nur an wenigen weiteren Standorten wächst. Wohl fühlen sich dort aber auch richtige kleine Schönheiten wie das Sumpf-Herzblatt und Orchideen wie die Sumpf-Stendelwurz.

An der von Professor Joachim Schrautzer geleiteten Abteilung Angewandte Ökologie und Paläobotanik sind schon etliche wis­senschaftliche Arbeiten zur Hydrologie und aktuellen Vege­tation dieses Niedermoors entstanden, das neueste Werk hat vor wenigen Wochen Annika Lange vorgelegt. Es nimmt eine wesentliche Frage zum ökologisch korrekten Umgang mit der Lehmkuhlener Stauung ins Visier: Welche Vegetation gab es dort ursprünglich?

Leicht zu beantworten ist das keineswegs. »Es gibt in Schleswig-Holstein keine Reste einer natürlichen Vegetation«, sagt Professor Schrautzer, der damit nicht nur die Moorgebiete meint, sondern beispielsweise auch die Wälder. Konkret für das Moor bei Lehmkuhlen bedeutet das: Niemand kann eine Referenz definieren, an der sich die Renaturierung dieses Gebiets ausrichten sollte.

Biologin Lange begab sich deshalb in ihrer mit Bestnote bewerteten Masterarbeit auf fachlich eher unbekanntes Terrain. Nicht zuletzt dank der Unterstützung von Dr. Björn Rickert, der ebenfalls am Institut für Ökosystemforschung zeitweilig mitarbeitet, fuchste sie sich in die Paläobotanik ein, eine Disziplin, die so etwas wie die Archäologie der Biologie ist und sich mit der Analyse von Pollen und abgestorbenen Pflanzenresten befasst. Konkret widmete sich die 26-Jährige der Untersuchung von im Torf archivierten Pollenresten – und entdeckte dabei Bemerkenswertes. In 1,5 Metern Tiefe fanden sich abgestorbene Pollen einer Orchidee, die dort 900 Jahre zuvor geblüht haben muss.

Das wiederum erlaubt wichtige Rückschlüsse auf die damalige Vegetation. »An dieser Stelle kann sich kein Wald befunden haben, weil die sehr lichtbedürftige Orchidee sonst gar nicht gewachsen wäre«, erläutert Annika Lange. Auch die übrigen Pflanzenreste im Torf untermauern diese Schlussfolgerung.

Weil die Paläobotanik nicht nur Pflanzenreste auswertet, sondern auch historische Karten und andere Schriftstücke, sind in Kombination mit naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen noch weiter zurückreichende Aussagen zur Lehmkuhlener Stauung möglich: Die Nutzungsgeschichte dieses Gebiets begann schon im Neolithikum, also vor ungefähr 7.000 Jahren. Unter anderem diente die Landschaft um den See, der heute zu einem Moor geworden ist, dem Anbau von Hopfen und Getreide. Erst vor etwa 900 Jahren, zu der Zeit also, aus der die von der Kieler Nachwuchswissenschaftlerin gefundene Orchidee stammt, entwick­elte sich dann das Moorgebiet.

Annika Lange, Clemens von Scheffer, Alexander Suhm und Professor Ingmar Unkel (von links) bei Kern­bohrungen in der Lehmkuhlener Stauung. Foto: CAU

Dieses Moor hielt sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein ziemlich konstant. Danach wurde am westlichen Rand die landwirtschaftliche Nutzung aufgegeben, so dass sich folgerichtig ein Erlen- und Weidenbewuchs entwickelte. Folgerichtig ist das allerdings nur dann, wenn die Einwirkungen des Menschen berücksichtigt werden. Zwar mögen Erlen und Weiden feuchten Untergrund, gedeihen konnten sie an dieser Stelle aber nur, weil die Flächen früher zumindest schwach entwässert wurden und der Nährstoff­eintrag durch die Bewirtschaftung in der Umgebung gestiegen war.

Freude dürften diese detaillierten Erkenntnisse bei den Verantwortlichen der Stiftung Naturschutz und des Kuratoriums für Naturschutz e. V. auslösen. Die beiden Organisationen kauften im Jahr 1988 die Lehmkuhlener Stauung und bemühen sich seither, die Ökologie dieses Gebietes möglichst dicht zurück an das ursprüngliche Moor zu führen. Die Entwässerungsgräben im Moor wurden stillgelegt, einmal im Jahr muss außerdem gemäht werden, weil sonst die eingetragenen Stickstoffmengen nicht kompensiert werden können und sich nährstoffliebende Arten ausbreiten würden. Auch gelingt es dadurch laut Schrautzer, eine weitere Ausbreitung des Erlenwaldes zu verhindern.

Eine spannende Erkenntnis oder zumindest eine fundierte These ermöglicht die Arbeit von Annika Lange außerdem zu den Ursprüngen der einzigartigen Vegetation in der Lehmkuhlener Stauung. Höchst­wahrscheinlich begann alles an einem Quellmoor-Hang, aus dem ganzjährig acht bis neun Grad kühles Wasser tritt und durch Verduns­tung Kalktuff hinterlässt. »Hydrologisch ist dieser Hang nahezu wie vor 10.000 Jahren beschaffen, nur, dass es heute mehr Nährstoffe in der Landschaft gibt«, erklärt Professor Schrautzer den besonderen Charakter dieses Hanges.

Die Lehmkuhlener Stauung wird unterdessen auch in Zukunft viel Stoff für die Wissenschaft bieten. Innerhalb eines europaweiten Forschungsprojekts wird derzeit untersucht, ob sich das Moor soweit regeneriert hat, dass wieder Torfbildung einsetzt.

Martin Geist
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