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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

In der Supermarkt-Ödnis

Immer mehr Dörfer und Gemeinden im Land verlieren ihre Supermärkte. Professor Ulrich Jürgens vom Geographischen Institut hat mit den Menschen vor Ort gesprochen und untersucht, wie man ihnen helfen kann.


Immer mehr Supermärkte kämpfen im ländlichen Raum ums Überleben. Ihnen gehen die Kunden aus. Doch wie kann für die verbliebenen die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt werden, wenn die Märkte verschwinden?

Food Deserts sind Lebensmittelwüsten. Der Begriff bezeichnet nicht nur die Abwesenheit von Super­märkten, er transportiert auch eine Angst des Abgeschnittenseins. Auch die dazugehörigen Zahlen sorgen für Kopfzerbrechen: Von 1.100 Gemeinden im sehr kleinteilig organisierten Schleswig-Holstein hatten 800 im Jahr 2015 keinen einzigen Supermarkt. Besonders die kleinen, ländlichen Bereiche sind hiervon betroffen, etwa jeder fünfte Mensch in Schleswig-Holstein wohnt in einer Gemeinde ohne Supermarkt. Die geringe Bevölkerungsdichte und die niedrige Kaufkraft erzeugen zusammen unattrak­tive Standorte für neue Lebensmittelgeschäfte.

In Medien und Politik läuten bereits die Alarmglocken. Denn wo können Menschen in diesen Gegenden ihren Bedarf stillen – vor allem jene, die zum Beispiel wegen ihres Alters weniger mobil sind? Das Land reagiert darauf seit einigen Jahren mit dem Konzept »Markttreff«. Kleine Lebensmittelläden mit begrenztem Angebot als Treffpunkt zum Einkaufen und Schnacken. Auch regionale Bio- oder Hofläden sind als Alternative im Gespräch. Schließlich braucht jeder Mensch einen Supermarkt um die Ecke – oder?

Professor Ulrich Jürgens vom Geographischen Institut arbeitet seit 2015 in einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft und versucht, diese Bedarfsfrage zu klären. Bisher begründete man Planungen für neue Märkte vor allem nach den Faktoren: Alter, Bevölkerungsdichte und Kaufkraft. Was die Menschen vor Ort wirklich benötigen, schien nebensächlich. »Die Bedarfe von Kunden erkennt man nicht auf einer Landkarte«, erklärt er. Um die Bedarfe herauszufinden, reist er in Gemeinden in Schleswig-Holstein und spricht mit den Menschen vor Ort. Darunter sind Orte, die bald ihren Supermarkt verlieren, andere sind bereits lange ohne direkte Versorgung. Jürgens fragt in den Haushalten: »Macht Ihnen die Situation Angst, glauben Sie, es fehlt Ihnen etwas? Wie kaufen Sie ein, wonach treffen Sie Entscheidungen?«

Nach Hunderten Interviews, Umfragen und Diskussionsrunden kann Jürgens heute ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen. In seiner Untersuchung kam nämlich heraus, dass man die Kundinnen und Kunden in drei Kategorien einteilen kann – die alle komplett unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Die erste Gruppe stellen die »Bedarfs­decker« dar. Diese Kundengruppe versorgt sich selbst mit dem eigenen PKW und hat kein Interesse an besonders ausgefallenen Produkten. Spontaneität spielt bei ihnen keine Rolle, ebenso wenig der Spaß am Einkaufen. Die zweite Gruppe sind die »Smartkäufer«. Auch sie sind mobil, achten aber auf Angebote und legen gern längere Wege zurück, um ein bestimmtes Objekt aus der Werbung oder Prospekten zu kaufen. Die dritte und letzte Kundengruppe sind die »alternativen Einkäufer«. Sie legen Wert auf Nähe und hochwertige Produkte, Bio- und Hofläden werden von ihnen auch bei höheren Preisen gern aufgesucht.

Interessant ist hierbei: Vor allem über 50-Jährige (also jene, denen vermehrt das Bedürfnis nach einem Dorfladen nachgesagt wird) haben wenig Interesse an kleinen Geschäften. Sie sind ihnen »zu schräg, zu klein und nicht anonym genug«, sagt Professor Jürgens. Stattdessen würden sie lieber weite Wege zu Discountern auf sich nehmen. Auch eine Dominanz weniger Supermarktketten mit ähnlichen Produkten wird von vielen Kundinnen und Kunden als Versorgungslücke empfunden. Trotz Versorgung vor Ort sind viele bereit, Wege in größere Städte zurückzulegen, wo das Angebot größer ist. Professor Jürgens sagt: »Man sollte sich von der Idee verabschieden, dass Dorfläden noch als vollwertige Supermärkte funktionieren und sich dem direkten Wettbewerb mit den bekannten Ladenketten stellen können.«

Statt einer Planung auf der Landkarte empfiehlt er daher, die Versorgung durch Lebensmittelmärkte an den Bedürfnissen der unterschiedlichen Kundinnen und Kunden zu orientieren. Auch ohne nahegelegenen Markt fühlen sich die Menschen vor Ort nicht zwangsläufig unterversorgt. Und nur, weil ein neuer Markt öffnet, bedeutet das noch lange nicht, dass die Menschen ihn nutzen. Erst wenn der richtige Anbieter mit dem passenden Nischenangebot von der Kundschaft besucht wird, profitieren am Ende beide Seiten.

Sebastian Maas
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