CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 92Seite 8
Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Momentaufnahme des 6. Jahrhunderts

Die guten Erhaltungsbedingungen eines byzantinischen Fundplatzes in Südserbien helfen einer Kieler Archäobotanikerin zu verstehen, welche Pflanzen man einst im Oströmischen Reich nutzte.


»Caričin Grad ist ein Traum für mich als Archäobotanikerin«, schwärmt Anna Elena Reuter. Die Stadt, deren Name sich »Zaritschin Grad« ausspricht, wurde um 530 unserer Zeit im damaligen byzantinischen Niemandsland des Balkans errich­tet. Zu Ehren des Kaisers Justinian (etwa 482–565) mit dem lateinischen Namen Iustiniana Prima versehen, sollte sie als neues Verwaltungszentrum für die Provinz Illyrien und als Bischofssitz dienen.

Doch schon weniger als einhundert Jahre später gab man die Stadt wieder auf. »Da die Lage fernab aller bedeutenden Ver­kehrswege in einem von Barbaren-Einfällen bedrohten Land­strich wenig attraktiv war, wurden die Siedlungsreste von Cari­čin Grad nach der Zeit um 615 auch nicht mehr überbaut«, sagt Anna Elena Reuter erfreut. Denn diese Tatsache ist die Voraussetzung für ihre Forschung. »So sind viele Pflanzen­reste in den eingestürzten Gebäuden bis heute in einem tollen Zustand erhalten geblieben.«

Zwar sind sämtliche botanischen Überbleibsel durch Miss­ge­schicke bei der Zubereitung oder durch Gebäudebrände verkohlt, doch nur so konnten sie über 1.500 Jahre erhalten bleiben. Trotz der Hitzeeinwirkung lassen sich manche Funde sogar mit bloßem Auge beispielsweise als Walnuss oder Wildbirne identifizieren. Das Binokular gibt Reuters Kennerblick auch den Unterschied zwischen Saatweizen und Roggen preis. »In Zweifelsfällen ist außerdem die große Sammlung von Vergleichsproben im Institut für Ur- und Frühgeschichte sehr hilfreich«, erklärt sie. Regalmeterweise reihen sich dort Samen und Früchte heimischer und exotischer Flora in kleinen Glaskolben aneinander.

Nachdem sie zahlreiche botanische Überbleibsel analysiert hat, kann Anna Elena Reuter ziemlich präzise rekonstruieren, welche Pflanzen die Menschen in Caricin Grad verwendeten: »Das waren kaum Wild-, sondern vor allem Nutzpflanzen – hauptsächlich Getreidearten wie Roggen, Saatweizen, Gerste und Rispenhirse. Außerdem ernährten sich die Menschen von Hülsenfrüchten, am häufigsten fanden wir Ackerbohne und Futterwicke.« Ölfrüchte fehlen im Spektrum der Pflanzenfunde dagegen, Oliven und deren Öl seien vermutlich aus den mediterranen Regionen des byzantinischen Reichs importiert worden, vermutet die Archäobotanikerin. »Auch Weinbeeren haben wir gefunden. Ob sie zu alkoholischen Getränken weiterverarbeitet wurden, ist noch nicht ganz sicher, ich gehe aber davon aus«, sagt Reuter.

Da sich die pflanzlichen Überbleibsel nicht nur in gutem Zustand befinden, sondern auch nie umgelagert wurden, erlaubt ihre Fundsituation auch Rückschlüsse auf verschiedene Aktivitätszonen in Caric?in Grad. »Beispielsweise können wir nachweisen, dass Getreide in vielen Privathäusern, also dezentral, gelagert und verarbeitet wurde. Vermutlich war der bevorzugte Ort dafür das kühle unterste Geschoss der mehrstöckigen Gebäude«, erklärt Anna Elena Reuter. »Es gab aber auch einen zentralen Getreidespeicher in der Stadt, den möchte ich im nächsten Forschungsschritt genauer unter die Lupe nehmen.«

Federführend bei den Ausgrabungen in Caric?in Grad ist ein serbisch-französisches Forschungsteam, seit einigen Jahren ist auch das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz (RGZM) beteiligt. »Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich archäobotanische Expertise in die Untersuchung eingebracht, dafür ist Kiel ein sehr guter Standort«, erläutert Reuter ihre Einbindung in das Projekt. Finanziert wird ihre Promotion vom RGZM, ihre Betreuerin ist Professorin Wiebke Kirleis vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU. »Außerdem bin ich assoziiertes Mitglied der Graduiertenschule Human Development in Landscapes, was mir beispielsweise die Möglichkeit eröffnet, an Schulungen und Konferenzen teilzunehmen«, sagt Reuter.

Und wie kommt sie an die winzigen Pflanzenreste? »Wenn die Archäologen in Caričin Grad ein Gebäude ausgraben, bekomme ich eimerweise Erdaushub mit genauer Ortsangabe. Mit viel Was­ser schlämme ich die Bodenproben durch immer feinere Siebe, in denen sich die verkohlten Pflanzenreste sammeln.« Das kann im serbischen Sommer, wenn die Feldkampagnen stattfinden, eine schweißtreibende Angelegenheit sein: Das Thermometer klettert dort oft auf über 40 Grad. »Deshalb beginnen wir schon um fünf Uhr morgens mit den Außenarbeiten, ab mittags ist es einfach zu heiß dafür. Aber Abkühlung bekomme ich dann ja im Kieler Herbst reichlich«, sagt Anna Elena Reuter lachend.

Jirka Niklas Menke
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de