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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Wohin mit den Quallen?

Quallen treten immer häufiger massenweise auf – zum Schaden von Tourismus, Fisch­wirtschaft und anderen Industrien. Den Umgang mit dieser Plage und mögliche Lösungen soll ein Planspiel vermitteln.


Schön anzuschauen und trotzdem ausgesprochen unbeliebt. Ein Forschungsprojekt sucht nach Lösungen für Quallenplagen. Foto: Thinkstock

Quallen sind alles andere als Sympathieträger. Fotografisch in Szene gesetzt, mögen sie ästhetisch sein, aber wenn sie die Bahnen von Badegästen im Meer kreuzen, sind sie oft nur noch unerwünscht, auch weil die Begegnung mit ihnen schmerzhaft und sogar tödlich sein kann. Für einige Industriezweige sind die Tiere, die zu den ältesten Tierarten der Welt gehören, geschäftschädigend, mitunter sogar existenzbedrohend. Eine Quallenblüte in der Aquakultur kann den ganzen Bestand auf einen Schlag vernichten und im Netz von Fischerbooten ist sie wertlos. Zunehmend dringen Quallen in die Kühl­wasser­zuflüsse von Kraftwerken ein, verstopfen diese und setzen damit das Kraftwerk außer Betrieb. Auch Meerwasserentsalzungsanlagen streiken nach Belagerung durch Quallenblüten.

Das Problem wird zunehmen, sagen die Prognosen. Quallen scheinen Nutznießer von Überfischung und steigenden Wassertemperaturen infolge des Klimawandels zu sein. Sie vermehren sich prächtig und werden zunehmend mehr Küstengebiete dominieren. Darauf verweist Dr. Jörn Schmidt vom Institut für Volkswirtschaft der Universität Kiel.

Der Fischereiökologe aus der Arbeitsgruppe Umwelt-, Ressourcen- und Ökologische Ökonomik (Lei­tung: Professor Martin Quaas) ist beim europäischen Forschungsprojekt »GoJelly« beteiligt, das vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert wird. Statt die Quallenblüten zu beklagen, sucht das Projekt nach Möglichkeiten, diese abzufischen und gewinnbringend zu nutzen. Eine Idee ist, aus dem Schleim von abgefischten Quallen ein Mikroplastik-Filtersystem zu bauen. Schmidt: »Viele Quallenarten produzieren einen Mukus, um Nahrung zu bekommen oder sich gegen Feinde zu wehren. Sie legen quasi Schleimfächer aus, auf denen Plankton hängen bleibt, und dann fressen sie das. «

Erste Studien haben gezeigt, dass dieser Schleim Nanopartikel und damit möglicherweise auch Mikro­plastik binden kann. Das Projekt, an dem auch Forschende der Uni Kiel beteiligt sind, geht jetzt der Frage nach, ob man Biofilter für Mikroplastik auf einem industriellen Level herstellen kann. Die ließen sich dann dort einsetzen, wo das Abwasser von Klärwerken oder Fabriken ankommt, das Mikroplastik enthält. Auch Fischfutter, Pflanzendünger oder Kosmetik sind mögliche Produkte auf Basis von Quallen-Biomasse.

Die Arbeitsgruppe aus der Volkswirtschaft befasst sich zusammen mit dem norwegischen Forschungsinstitut SINTEF Ocean AS, Trond­heim, mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Aspek­ten dieser Thematik. Durch Befragungen von Bevölkerung und Interes­sengruppen (Tourismus, Fischerei, Aquakultur, Industrie) wollen sie die Wahrnehmung der Problematik erfassen. »Wir wollen herausfinden, wie stark die Interessengruppen tatsächlich betroffen sind und wie relevant das Thema für sie ist«, erklärt Schmidt. Ergänzend dazu soll auch die Öffentlichkeit befragt werden, wie sie Quallen in unterschiedlichen Gebieten wahrnimmt und ob es einen Gewöhnungseffekt gibt.

Die Hauptaufgabe von Jörn Schmidt in dem Projekt wird sein, ein Videospiel zur Problematik von Quallenblüten und möglichen Lösungsansätzen zu entwickeln. Schmidt, der auch Mitglied im Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« ist, hat bereits Erfahrung als Spieleerfinder. Für den Cluster entwickelte er das Spiel EcoOcean, eine Simulation zur Problematik der Überfischung.

So ähnlich stellt er sich auch das neue Spiel vor. »Die Idee ist, ein Planungsspiel zu entwerfen, wo ver­schiedene Akteure wie Fischerei, Industrie, Öffentlichkeit/Tourismus überlegen müssen, wie sie mit einer Quallenblüte umgehen. Sie können dann unmittelbar sehen, welche Folgen die jeweiligen Hand­lungen nach sich ziehen.«

Ziel ist, mit einem solchen Spiel ein Verständnis dafür zu vermitteln, wie Quallenblüten zustande­kommen und welche Wechselwirkungen es gibt. »Spiele eignen sich sehr gut für die Vermittlung von Wissen in die Öffentlichkeit hinein sowie als Werkzeug für Diskussionen mit Interessenvertretern«, so Schmidt. Konkret könnte den Spielerinnen und Spielern so die Problematik aufgezeigt werden. Zudem hätten sie die Möglichkeit, Lösungsansätze aus verschiedenen Blickwickeln, beispielsweise aus Sicht der Fischereiindustrie, von Aquakulturbetrieben oder des Tourismusmanagements, zu erforschen.

Kerstin Nees
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