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Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Der digitale Fall

Wie unterstützt man Studierende beim Lernen? Indem sie zum Beispiel Lösungen für juristische Fälle selbst erarbeiten, findet Dr. Janique Brüning. Die Jura-Pro­fessorin setzt dafür den digitalen Fall ein, bei dem Studierende mit Tipps und Fragen durch den Gesetzesdschungel geführt werden.


Der Laptop oder das Tablet sind im Studium fast immer dabei und das Internet ist allgegenwärtig. Das nutzt Jura-Professorin Janique Brüning für ihr neustes E-Learning-Projekt »Der Digitale Fall«. Foto: Thinkstock

A will in ein Haus einbrechen. Als er das fremde Grundstück betritt, tritt Anwohner B auf den Plan. Weil es viele Einbrüche im Viertel gegeben hat, läuft B Patrouille, erwischt A und schlägt ihn mit einem Baseballschläger nieder. Haben sich A und/oder B strafbar gemacht?

Hochkomplex sind die Fälle, die angehende Juristinnen und Juristen während ihres gesamten Studiums an der Kieler Uni bearbeiten. Bereits ab dem ersten Semester befassen sich die Studierenden in Vorlesungen und Übungen, in Klausuren und Hausarbeiten mit der praktischen Anwendung von Gesetzen und ihrem Wissen darüber, bezogen auf reale und konstruierte Fälle. Ziel ist es dabei, die materielle Rechtslage zu erkennen. Bezogen auf den Beispielsfall wäre zu untersuchen, ob und wie A und B sich strafbar gemacht haben oder gerechtfertigt sein könnten.

Doch genau das fällt Studierenden häufig nicht leicht. Die Anwendung einer abstrakten Rechtsnorm auf einen konkreten Lebenssachverhalt – von Juristinnen und Juristen als »Subsumtion« bezeichnet – bereitet Schwierigkeiten und erfordert genaueste Arbeit mit dem Gesetz und dessen methodisch korrekte Auslegung. Ist es schon ein strafbares Einbrechen, wenn A nur das fremde Grundstück betritt? Wann genau ist die Schwelle zum schon strafbaren Versuch eines Diebstahls überschritten und wann liegt eine noch straflose Vorbereitungshandlung vor? Wann ist demgegenüber ein Diebstahl vollendet und wann erst spricht man von dessen Beendigung?

»Jura ist und bleibt eine Text- und Buchwissenschaft. Ohne das (Er-)Lesen des abstrakten Stoffes mithilfe von Urteilen, Kommentaren, Lehrbüchern und Aufsätzen kommt man nicht weit«, sagt Brüning. Um ihnen bei der konkreten Lösung eines Falles Hilfestellung zu geben, setzt die Direktorin des Insti­tuts für Kriminalwissenschaften und Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschafts­strafrecht und Sanktionen­recht der Kieler Uni darüber hinaus auch auf E-Learning. »Der digitale Fall« lautet der Titel ihres neuesten Web-Projekts, das durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation 2018 vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) gefördert wird.

Hilft ihren Studierenden mit einem neuen Projekt bei der Lösung komplizierter Fälle: Jura-Professorin Janique Brüning, Direktorin des Instituts für Kriminal wissenschaften. Foto: Jürgen Haacks

»Die Idee ist, verschiedene Beispielfälle aus dem Strafrecht ins Internet zu stellen«, sagt Brüning. Doch anstatt gleich die komplette Lösung des Problems mitzuliefern, wie man es häufiger im Web findet, sollen Studierende anhand von Fragen und Tipps durch den Fall geführt werden, um sich selbst die Lösung zu erarbeiten. Abschnitt für Abschnitt liefert die mit PowerPoint aufbereitete Falldarstellung weiterführende Anre­gungen.

So erscheinen zum Beispiel Fragen wie »Welche Form der Tatbeteiligung kennen Sie?« oder wichtige Paragrafen am Bildschirmrand. »Damit soll den Lernenden der Einstieg in die Lösung komplexer Fälle erleichtert werden«, erläutert die Professorin das für die Kieler Uni neue Projekt. Der Vorteil dieser »geführten Lösung« ist zudem ein größerer Lerneffekt, als wenn die Studierenden das Ergebnis einfach nur lesen würden.

Die Idee zum digitalen Fall stammt aus Brünings Zeiten an der Bucerius Law School in Hamburg. Dort war die Juristin ab 2007 tätig, bis sie im Juli 2016 den Ruf als Professorin an die Uni Kiel erhielt. »In Hamburg wird der digitale Fall im Bereich des Zivilrechts umgesetzt«, berichtet sie. In Kiel wird sie ab Januar 2018 erste Fälle im Strafrecht einstellen. Insgesamt sollen es später 30 verschiedene Beispielfälle mit geführter Lösung werden, die im OpenOLAT – der Internet-Plattform für E-Learning der Uni Kiel – für Studierende aller Fachrichtungen abrufbar und anwendbar sein sollen.

Seit dem Projektbeginn im Oktober ist Brüning dabei, die Fälle aufzubereiten und einzustellen. »Die Förderung läuft über ein Jahr«, erklärt sie. Gern würde sie im Anschluss noch eine App für den digitalen Fall entwickeln, die »bedienerfreundlicher und niederschwelliger ist« als die jetzige Präsentation. »Wenn Studierende ihre Fälle auch in einer guten, größenangepassten Darstellung auf dem Tablet oder Handy lesen und lernen können, wird sich die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer noch erweitern«, ist sie sich sicher.

Für Brüning ist es wichtig, den Studierenden mit innovativen Ideen neue Lernanreize zu geben, damit sie »nicht einfach für die Prüfungen und im Übrigen auf Lücke lernen«, sondern bereits ab dem ersten Semester die Grundlagen verinnerlichen. »Das große Ganze verstehen«, nennt sie es. Dafür setzt sie nicht nur auf den digitalen Fall, sondern auch auf den »Inverted Classroom«, ihr vorheriges PerLe-gefördertes Projekt: Mittels Kurzlernvideos bietet sie Studierenden die Möglichkeit, sich im OpenOLAT auf den Stoff vorzubereiten. In den Vorlesungen bleibt dann mehr Zeit für die aktive Anwendung des juristischen Lernstoffs und um Verständnisfragen zu beantworten.

»Seit es die Videos gibt, kommen 60 Prozent meiner Teilnehmenden besser vorbereitet in die Vorlesungen und nehmen dadurch aus den Kursen viel mehr mit. Durch diese Form aktiven Lernens rückt das passive Konsumieren des Stoffes in den Hintergrund. Die Beteiligung in den Präsenzveranstaltungen ist viel reger.« Genau das ist es, was die Professorin erreichen will: »Ich möchte, dass meine Studentinnen und Studenten später bestens vorbereitet in die externen Prüfungen für das Staatsexamen gehen und mit Bestnoten bestehen.« So gerüstet, können sie danach den Justizvorbereitungsdienst antreten, um nach dem zweiten Staatsexamen als Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte oder als Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte tätig zu sein.

Jennifer Ruske
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