CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 93Seite 12
Nr. 93, 27.01.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Geschäftstüchtig, aber nicht rechtsfähig

Frauen waren in der Hansezeit weit mehr als schmückendes Beiwerk ihrer Männer: In einigen Fällen waren es weibliche Kaufleute, die ihrem Unternehmen zu wirt­schaftlichem Erfolg im Fernhandel verhalfen, wie Professor Harm von Seggern bei seiner Forschung über die Hanse feststellte.


Auch Frauen waren zur Hansezeit aktiv am Handel betätigt, wie der Maler Marinus van Reymerswaele in seinem Werk »Der Geldwechsler und seine Frau« (vermutlich entstanden vor 1533) zeigt. Foto: Wikipedia

In gängigen Standardwerken zur Geschichte Schleswig-Holsteins werden Frauen kaum erwähnt. Und schon gar nicht werden sie als handelnde Akteurinnen thematisiert. Dabei gab es sie schon im Mittelalter: erfolgreiche Frauen, in akademischer, politischer, kultureller, gesellschaftlicher und vor allem wirtschaftlicher Position.

Diese »Frauen im Fokus der Regionalgeschichte. Schleswig-Holstein vom Mittelalter bis heute« waren nicht nur Thema einer Ringvorlesung an der Kieler Uni, sondern sind unter anderem auch ein Forschungsfeld von Harm von Seggern. »An der Rolle der Frauen in der Gesellschaft kommt man in der Forschung nicht vorbei«, erklärt der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der die Hansegeschichte untersucht. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind die süddeutschen Kaufleute, die im 14. und 15. Jahrhundert in der Hansestadt Lübeck als Geschäftsleute Fernhandel getrieben haben.

»Bei der Sichtung von Quellen und Aufsätzen fällt auf, dass auch Frauen in Schriftstücken wie Zollurkunden, Gästesteuerlisten und Ähnlichem als Handel Treibende erwähnt werden. Und sie waren durchaus erfolgreich«, erklärt der Dozent. Die Position der Frauen in der Geschichte zu erforschen ist für von Seggern wichtig, denn durch die Betrachtung auch der Genderaspekte des Themas ergebe sich ein vollständigeres Bild vergangener Zeiten. Zudem seien die weiblichen Kaufleute ein eigenständiges Phänomen und daher von besonderem Interesse für die Forschung.

Die Hanse hingegen war eine reine Männerdomäne. In dem Verbund waren Geschäfts- und Kaufleute zusammengeschlossen, um von den Herrschern anderer Länder Privilegien zu erhalten, auf deren Grundlage erst Handel getrieben werden konnte. Frauen spielten dabei keine Rolle, denn sie waren im Mittelalter in der Regel nicht rechtsfähig. Der Mann hatte die Vormundschaft über die Frau, diese war ihm von ihrer gesellschaftlichen Stellung her untergeordnet

»Im Alltag jedoch hatten die Frauen eine andere, deutlich selbstständigere Rolle. In der Kaufmannschaft leitete die Ehefrau den Haushalt mitsamt Personal, führte Buch über Ausgaben, die den Haushalt betrafen, und hatte Geld zur eigenen Verfügung«, berichtet von Seggern. Die Geschäftstüchtigkeit von Frauen erstreckte sich mitunter auch auf den Betrieb: Verstarb der Gatte, führte die Witwe das Geschäft weiter. »Handel durfte sie treiben, wollte sie das Geschäft jedoch verkaufen, musste sie sich durch einen Vormund vertreten lassen.«

In anderen Fällen leiteten die Ehefrauen das hiesige Geschäft, weil ihre Männer in einem neuen Land eine weitere Dependance eröffneten. Ein Beispiel dafür ist Margarete Veckinchusen. Ihr Ehemann Hildebrand und sein Bruder Sivert gehörten Anfang des 15. Jahrhunderts zu den angesehensten Hansekaufleuten ihrer Zeit. Waren wurden von Lübeck nach Brügge verschifft, wo Hildebrand eine Filiale der Handelsgesellschaft leitete. Die Leitung der Filiale in Lübeck übertrug er seiner Frau.

»Sie organsierte ganz erfolgreich die Transporte von Holz, Fisch, Tuch, Kupfer und anderem über die Ostsee und weiter durch das Land, während Hildebrand in Brügge im Schuldturm landete.« Das gesamte Unternehmen ging schließlich in Konkurs, wie sich in mehr als 500 überlieferten Briefen und zehn Handelsbüchern nachlesen lässt.

Margarete Veckinchusen ist jedoch nur eine von vielen Kauffrauen. Wie viele Geschäftsfrauen es insgesamt gegeben haben mag, ist nicht bekannt. »Eine solche Statistik gibt es nicht«, sagt von Seggern. In allen überlieferten Rechtstexten wird der Mann als Haushalts- und Geschäftsvorstand aufgeführt, auch wenn die Frau oder die Witwe die Geschäfte führte. Doch auch ohne genaue Zahlen ist es eindeutig, dass es gebildete, geschäftstüchtige Kauffrauen gegeben haben muss – und das nicht nur in Lübeck. »Das Phänomen ist auch aus anderen Hansestädten bekannt. Händlerinnen begegnet man – wenn man danach forscht – in ganz Europa, im Süden wie im Norden.« Nur in den Geschichtsbüchern muss man sie noch suchen.

Jennifer Ruske
Stichwort Hanse
Die Hanse war ein Verband von Kaufleuten, vornehmlich aus Küstenländern, und existierte zwischen Mitte des 12. bis Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Verband sorgte zum einen für die Sicherheit der Kaufleute und der Ware auf den Schiffstouren, zum anderen diente der Zusammenschluss wirt­schaftlichen Interessen im Ausland. Als sogenannte Rechtsgruppe konnte die Hanse bei auslän­dischen Fürsten das Privileg erwerben, in deren Reichen Handel treiben zu dürfen. In den Hochzeiten der Hanse gehörten rund 300 See- und Binnenstädte des nördlichen Europas zum Verbund. (JR)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de