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Nr. 94, 31.03.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

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Fast 24 Jahre hat die gebürtige Ostholsteinerin den Lehrstuhl am Institut für Euro­päische Ethnologie/Volkskunde an der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel inne­gehabt. Nun wird Professorin Silke Göttsch-Elten emeritiert. Kein Grund, mit der Forschung aufzuhören.


Foto: pur.pur

Widerständigkeit und Konflikt: So richtig losgelassen hat das Begriffspaar Silke Göttsch-Elten in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn nicht. Ihre frühen Arbeiten zu Themen wie Leibeigenschaft und Widerständige in Schleswig-Holstein im 18. Jahrhundert oder Arbeiterbewegungen vor 1933 und ihre Beteiligung am Widerstand während des Nationalsozialismus zeigen: Die Volkskundlerin hat sich schon immer mit Menschen auseinandergesetzt, die nicht an Herrschaft beteiligt waren.

»Das bringt das Fach mit sich«, erklärt Göttsch-Elten. »Wir bewegen uns nicht in der Hoch-, sondern in der Alltagskultur. Wir fragen uns: Was machen Menschen, die nicht unbedingt die Deutungsmacht in der Gesellschaft haben.« Auch ihr aktuelles Forschungsprojekt hat mit Konfliktsituationen zu tun: Anhand von Bürgerinitiativen in Schleswig-Holstein, die sich gegen geplante Windkraft- und Photovoltaikanlagen aussprechen, möchte sie abweichende Vorstellungen von Ländlichkeit aufzeigen. »Es gibt in unserer Gesellschaft sehr klare Vorstellungen von Landschaft und Natur, die auch historisch geprägt sind. Doch seit ein paar Jahren ist dort ein Industrialisierungsprozess im Gang, der dem entgegensteht.«

Göttsch-Elten interessiert dabei die Argumentationslogik der Konfliktparteien: »Welche Interpretationen haben Menschen von der Welt und wie legen sie ihr eigenes In-der-Welt-Sein aus? Das muss man begreifen, um verstehen zu können, wie derartige Konflikte entstehen.«

Dass ihre Emeritierung kurz bevorsteht, ist der 65-jährigen Professorin nicht anzumerken. Souverän sitzt sie am Besprechungstisch in ihrem Büro am Institut für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Uni Kiel. Hier ist sie zu Hause, hier ist sie in ihrem Element. Auf dem Schreibtisch hinter ihr stapeln sich Bücher, Hefte, Papier. An der Innenseite der Bürotür hängt ein altes Ausstellungsplakat, auf dem eine schreibende Frau zu sehen ist. »Schleswig-Holsteinische Schriftstellerinnen im 19. Jahrhundert« ist darauf zu lesen. Auf der Fensterbank steht ein Dalapferd, eine aus Holz gefertigte und verzierte Figur, die man typischerweise mit Schweden verbindet. Nur einige Stellvertreter ihrer Forschungsinteressen: Swedishness und Geschlechterforschung. Feldforschung hat sie schon lange nicht mehr betrieben, ihre bevorzugte Forschungsmethode ist Archivarbeit.

Fast 24 Jahre hat Göttsch-Elten als Professorin in Kiel gelehrt. Zuvor hatte sie mit gerade einmal 39 Jahren ihre erste Professur für Volkskunde an der Universität Freiburg inne, den Ruf an die Universität Bamberg vier Jahre später lehnte sie ab. Stattdessen übernahm sie den Lehrstuhl in Kiel. Hier konnte sie ihre »hoch innovative Forscherpersönlichkeit« entfalten – so ihr Kollege Professor Andreas Schmidt Anfang Februar während der Feierstunde zu ihren Ehren. In Kiel baute sie nicht nur die Europäische Ethnologie/Volkskunde aus und setzte sich mit großem Engagement für die Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, sie war unter anderem auch die erste Dekanin der Philosophischen Fakultät und Prorektorin der Universität. Nebenbei bekleidete sie zahlreiche Ämter, etwa bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde oder im Wissenschaftlichen Beirat des Freilichtmuseums Molfsee.

Forschung, Lehre, Wissenschaftsmanagement und Engagement für Museen: Silke Göttsch-Elten scheint in allem Antrieb zu finden, das mit ihrem Fach einhergeht. Vielleicht macht das auch ihre Jugendlichkeit aus, der neugierige Enthusiasmus, der ihr in den Augen liegt und in der Stimme. Ihr Kollege von der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde Professor Johannes Moser bezeichnete sie während der Feierstunde als eine »Ermöglicherin«, und man glaubt es sofort, wenn man sich mit ihr unterhält. Ob Kochen als Medienereignis oder Heimatfeste als Form regionaler Identitätsbildung: In allem sieht Göttsch-Elten Forschungspotenzial, ganz ihrer Disziplin verschrieben. »In unserem Fach hinterfragen wir die Selbstverständlichkeiten des Alltags«, erklärt sie. »Und das ist auch das Schöne daran: Man muss genau hinschauen und sich ein Stück weit fremd machen, um Strukturen sehen und einordnen zu können.«

Für Göttsch-Elten ist zwar die Zeit als Professorin vorbei, ihre Arbeit jedoch hört nicht auf. An der Universität Zürich hat sie einen Gastaufenthalt eingeplant, und auf die Archivarbeit freut sie sich schon. »Oder auch darauf, wieder ein Buch am Stück lesen zu können.« Für ihr aktuelles Forschungsprojekt kann sie sich durchaus vorstellen, wieder Interviews zu führen: »im Feld«, bei den Widerständigen.
Melanie Huber
Vita Silke Göttsch-Elten
1952 in Ostholstein geboren, studierte Silke Göttsch-Elten von 1971 bis 1977 Volkskunde, Mittel­alterliche und Neuere Geschichte sowie Nordistik an der Universität Kiel. Nach Magister­abschluss (Beiträge zum Gesindewesen in Schleswig-Holstein 1740 bis 1840) und Promotion (Stapelholmer Volks­kultur – Aufschlüsse aus historischen Quellen) arbeitete sie unter anderem am Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart.
1989 habilitierte sie sich mit einer Arbeit über Leibeigene und Widerständigkeit in Schleswig-Holstein im 18. Jahrhundert, 1991 erhielt sie einen Ruf an die Universität Freiburg als Professorin für Volks­kunde. 1995 übernahm sie den Lehrstuhl für Volkskunde in Kiel. Als Dekanin der Philosophischen Fakultät war sie von 1998 bis 2000 tätig, danach als Prorektorin im Rektorat der Universität Kiel (2002 bis 2005). Sie war Fachgutachterin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ist unter anderem Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. (hub)
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