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Nr. 94, 31.03.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Rollenklischees aus der Steinzeit

Waren die Rollen von Männern und Frauen bereits in der Steinzeit fest­gelegt? Zumindest für die Archäologen des 19. Jahrhunderts gab es keinen Zweifel daran. Und sie prägten lange Zeit die Sicht auf die Lebens­weise unserer Vorfahren.


Grafik: pur.pur

Die Frauen sitzen mit ihren Kindern vor der Höhle am Feuer, sorgen für Wärme und Geborgenheit, während die Männer auf der Jagd nach gefährlichen Tieren die Wildnis durchstreifen – so oder ähnlich stellen wir uns das steinzeitliche Familienleben vor. Und oft genug werden diese Stereotype als Tat­sachen ausgegeben und als Rechtfertigung für heutige Rollenmuster herangezogen. »Männer gingen auf die Jagd, Frauen sammelten. Männer beschützten, Frauen ernährten. Die Folge war, dass sich ihre Körper und Gehirne vollkommen anders entwickelt haben«, heißt es im Bestseller »Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken« von Allan und Barbara Pease.

Stimmt das? War das Geschlecht von jeher ausschlaggebend für die Rolle, die eine Person in der Gesellschaft einnahm und für die Tätigkeiten, die sie ausübte?

»Neuere Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass es in der Alt- wie auch in der Jungsteinzeit Zeiten im Leben eines Menschen gab, in denen das biologische und das soziale Geschlecht unwichtig waren. Für diese Zeiten gibt es keine typischen Grabbeigaben, die nur Frauen oder nur Männern bei der Bestattung mitgegeben wurden. In Europa scheinen sich die Rollenmuster erst ab der mittleren Bronzezeit, also ab dem zweiten Jahrtausend vor Christus, zu verfestigen«, sagt Archäologin Dr. Julia Katharina Koch.

Sie beschäftigt sich im Sonderforschungsbereich (SFB) 1266 TransfomationsDimensionen der Christian-Albrechts-Universität mit archäologischer Genderforschung, einer noch jungen Disziplin, die das Zusammenleben der Geschlechter in der Urzeit erforscht.

Dabei geht es vor allem um eine unvoreingenommene Analyse von Funden. »Unser Ansatz ist, als Forschende immer den eigenen Standpunkt zu überdenken und uns zu fragen: Welche eigenen Vorstellungen, Bilder und Vorurteile bringe ich mit und wie beeinflussen diese meine Interpretation?«, betont Koch.

Die archäologischen Wissenschaften sind ein Kind des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahr­hun­derts.Über lange Zeit prägten Männer die Archäologie und brachten ihre Vorstellungen vom patriar­chalisch geprägten Miteinander der Geschlechter in die Forschung ein. Dementsprechend schien es klar, dass Waffen die Grabbeigaben eines Mannes sein mussten, während Schmuck den Beleg für ein Frauengrab hergab. Häufig stimmt das auch.

Das vermeintlich Naheliegende kann aber auch in die Irre führen, wie der Fall des Kindes von Windeby zeigt. Die Moorleiche, die sich heute in der Dauerausstellung des Landesmuseums Schloss Gottorf befindet, wurde auf Grund ihres zarten Körperbaus und des Fundensembles lange Zeit für ein Mädchen gehalten. Erst 2008 bewiesen DNA-Analysen, dass es sich um einen Jungen handelt. Zuvor wurden Zweifel an der Geschlechtszuweisung von der Fachwelt ignoriert.

»Es ist nicht sicher, dass in der Altsteinzeit die Männer auf Großwildjagd gingen und die Frauen zuhause das Leder gerbten. Bei schriftlosen archäologischen Kulturgruppen müssen wir akzeptieren, dass wir manches nie mit Sicherheit wissen werden«, sagt Koch. Die Wissenschaftlerin organisierte für den SFB eine internationale Tagung, auf der diese Aspekte unserer Vergangenheit diskutiert wurden.

Fakt ist: Die Redefreudigkeit und das Einparkverhalten von Männern und Frauen sowie viele andere Rollenklischees lassen sich nicht zwingend aus steinzeitlichen Verhaltensweisen herleiten.

Angelika Hoffmann

Die Autorin ist Mitarbeiterin im Koordinationsbüro des SFB 1266.

www.sfb1266.uni-kiel.de
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