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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Drehverte Telw – Verdrehte Welt

Der kreative Umgang mit der Sprache und ihren Regeln ist in Frankreich sehr be­liebt. Wortspielereien sind in unserem westlichen Nachbarland selbst­verständ­licher Teil der Alltagssprache.


Foto: pur.pur

Keuf, meuf, keum: Was sich für Französisch-Lernende wie Nonsens anhört, ist für Mutter­sprach­lerinnen und Muttersprachler gebräuchliche Alltagsrede – Wörter mit verdrehten Silben. »Die Franzosen lieben Sprachspiele wie diese«, weiß Professor Elmar Eggert. Der Romanist hat sich mit Jugend- und Umgangssprache in Frankreich befasst. Besonders angetan hat es dem Direktor des Romanischen Seminars der Kieler Uni das Verlan, eine Spielsprache, in der Sprachgrenzen aufgebrochen und neue Wörter künstlich geschaffen werden.

»Dies ist bei der Jugend in Frankreich weit verbreitet. Dabei werden die Silben bekannter Wörter umgekehrt und – teilweise – mit Vokalen ergänzt«, erklärt Eggert. Aus le flic (der Polizist) wird so le keuf, aus la femme (die Frau) la meuf und aus le mec (der Typ) wird le keum. Selbst die Bezeichnung Verlan ist in Verlan verfasst: Sie kommt aus dem französischen à 'lenvers (umgekehrt).

Elmar Eggert. Foto: Ruske

Die Form der Wortverdrehungen gibt es seit Jahrzehnten. Früher wurde das Verlan von Gaunern ge­nutzt, um die Polizei zu verwirren. Ab Ende der 1970er Jahre entdeckte die Jugend in den Pariser Vor­orten diese Form des Wortspiels für sich und nutzte sie, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Das funktioniert jedoch nur eine Zeit lang: Etliche der Begriffe sind inzwischen in der Umgangssprache angekommen und werden von vielen Menschen verwendet, von Musikerinnen und Musikern wie dem belgischen Rapper Stromae (Alors on danse), dessen Namen das Verlan-Wort für Maestro ist, bis hin zu höheren Schichten.

Die Jugend treibt derweil das Spiel mit der Abgrenzung kon­tinu­ierlich weiter: Inzwischen werden bereits bestehende, um­gangs­sprachlich genutzte Verlan-Wörter weiter verdreht und verkürzt – so wird aus dem beur (aus arabe, arabischstämmiger Franzose) einfach ein reubeu. »Das macht das Verstehen von mündlicher Rede für Nicht-Muttersprachler umso schwieriger«, weiß Eggert.

Ein Grund für die Lust an Wort- und Sprachspielereien in allen Kreisen sei, so Eggert, das ausgeprägte Sprachbewusstsein der Französinnen und Franzosen sowie die Lust, kreativ mit der Sprache und ihren Regeln umzugehen. Wortspielereien macht sich die Werbung zunutze, diese halten Einzug in die Literatur und werden in der Alltagssprache verwendet.

»Für Französinnen und Franzosen zeigt sich der Esprit eines Menschen und seine Bildung in der Art des Sprechens«, sagt der Sprachwissenschaftler. »Wer etwas auf sich hält, wird in Gesprächen nicht vulgär, sondern verwendet Sprachspiele wie Sätze mit mehreren Bedeutungsebenen. In der Annahme, dass das Gegenüber die eigentliche Aussage versteht.« Unterstützt wird das dadurch, dass sich gesprochene und geschriebene Sprache sehr unterscheiden. Eine Form der Jeux de mots ist zum Beispiel das Vertauschen von Buchstaben oder Silben. Statt eines uneleganten Ausdrucks wie le trou de mon cul (»Du kannst mich mal«) würden sprachbewusste Franzosen das »r« an eine andere Stelle setzen und die ähnlich klingende, aber sinnfreie Äußerung le tout de mon cru verwenden.

Sprachspiele solcher Art finden sich viele in den bekannten Satire-Zeitschriften wie Charlie Hebdo oder Le Canard enchaîné. Daher verwundert es nicht, dass nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 der Satz Je suis Charlie als kreativer Ausdruck von großer, gemeinsamer Betroffenheit geprägt wurde. »Der Satz ging um die Welt«, sagt Eggert.

Auch wenn die Stellung und Bedeutung von Sprach- und Wortspielen in Frankreich besonders groß ist, gibt es sie auch in anderen Ländern. »So wird in Buenos Aires – und dort nur in bestimmten Bereichen – die Jugendsprache Vesre (aus revés, rückwärts) genutzt«, sagt Romanist Eggert. Diese ähnelt dem Verlan, ist jedoch, anders als in Frankreich, noch nicht umfassend untersucht worden.

»Komplett erforschen lässt sich lebendige Sprache eh nicht«, weiß der Professor. Denn die Jugend erfindet ihre Sprache permanent neu. In Frankreich halten Anglizismen und Arabismen immer öfter Einzug in die Jugendsprache, die sich kontinuierlich weiterentwickelt – bis über die Grenzen der Sprachregelungen hinaus.

Jennifer Ruske
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