CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 95Seite 2
Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Oma schreibt ...

Unser Alltagsleben wird digitaler. Doch was ist mit denjenigen, die nicht daran teilhaben? Die Kieler Soziologin Claudia Obermeier untersucht in ihrer Doktorarbeit die Internetnutzung von Seniorinnen und Senioren, um herauszufinden, wie sie ihr Leben mit und ohne digitale Angebote bewerten.


Über 50-Jährige sind der Gesellschaftsstudie »D21-Digital-Index« zufolge bei der Internetnutzung auf dem Vormarsch. Doch einigen älteren Menschen sind die technischen Hürden zu groß – oder sie haben schlicht kein Interesse an WhatsApp und Co. Foto: Thinkstock

Für Busfahrpläne gibt es Apps, Geldüberweisungen und Arzttermine können online gemacht werden und neue Schuhe landen vom Bett aus im Warenkorb. Das klingt einfach und bequem. Trotzdem erschließen sich diese Möglichkeiten nicht allen Menschen. Wie die Deutschen mit dem digitalen Wandel Schritt halten, misst der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte D21-Digital-Index. Für die Gesellschaftsstudie werden jährlich knapp 20.500 Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren zu ihrer Mediennutzung befragt. Vier von fünf Teilnehmenden sind demnach mindestens ab und zu online, zunehmend auch ältere Menschen.

Doch noch sind 94 Prozent der Offliner 50 Jahre oder älter. Während der Anteil der Offliner bei den 50- bis 64-Jährigen 15 Prozent beträgt, ist über die Hälfte der Befragten ab 65 Jahren nie online. »Je älter die Leute sind, desto seltener nutzen sie das Internet«, sagt Claudia Obermeier, die am Institut für Sozialwissenschaften der CAU Mediensoziologie lehrt.

Die Gründe dafür, die digitalen Angebote nicht wahrzunehmen, sind vielfältig. Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen zeigen sich offener für digitale Angebote, belegt der D21-Digital-Index. Zudem spielt der berufliche Hintergrund eine erhebliche Rolle, weiß Obermeier: »Wer das Internet in seinem Job nicht genutzt hat, wird es im Ruhestand nur ganz schwer erlernen.«

Sowohl bei Frauen als auch Männern können Berührungsängste mit den Geräten auftreten. »Viele scheuen sich vor der Technik. Sie wollen nichts kaputt machen und sorgen sich vor Datenklau.« Auch an motorischen Fähigkeiten hapert es manchmal. Männer beklagen vor allem die filigranen Tasten bei Smartphones und Tablets. »Ein Mann sagte, gucken Sie sich doch meine Maurerpranken an, da drücke ich einmal drauf und das ganze Teil blinkt«, erzählt Obermeier von ihren Interviews.

Seit 2013 ist Claudia Ober­meier Dozentin am Institut für Sozialwis­senschaften. Foto: Jantz

Wie geht es Menschen mit und ohne Internet? Wie klappt die Kom­munikation mit der Familie und dem sozialen Umfeld? Wel­chen Platz nimmt die Digitalisierung in ihrem Leben ein? Diesen und weiteren Fragen ging Obermeier in ihrer Promo­tionsarbeit nach. Dafür sprach die Soziologin 2016 mit 22 Per­sonen in Schleswig-Holstein, die meisten im Alter von 65 bis 78 Jahren. Auch ein 55-Jähriger sowie acht 30- bis 48-jährige Töchter und Söhne gehörten zu den Befragten. Sie alle sind analog aufgewachsen. Doch ihre Aussagen lassen vermuten, dass sich ein Graben zwischen Onlinern und Offlinern auftut.

»Wenn du das Internet nicht nutzt, bist du abgehängt. Du hast keine Chance, mitzuhalten, du wirst vergessen«, so beurteilten Onliner die Offliner, berichtet Obermeier. Umgekehrt gaben Offliner an, nichts zu vermissen und im Gegenteil ihre Kontakte sogar intensiver zu pflegen. Sie fühlten sich weniger zerstreut und näher am Geschehen. Obermeier: »Eine Frau meinte, ich will ja wirklich leben und nicht nur so tun als ob.«

Zwar könnten sie über das Internet mehr Informationen bekommen, aber das sei zeitraubend und viele Quellen nehmen Internet-Abstinente im Gegensatz zu einer Zeitung oder einem Lexikon als unseriös wahr. Den klassischen Weg bewertete ein älterer Herr als gehaltvoller und selbstbestimmter.

Seniorinnen und Senioren zeichnen von sich selbst häufig ein anderes Bild, als andere Gesell­schafts­gruppen ihnen zuschreiben. Das Klischee der langsamen, in Stuben hockenden Omas und Opas ist längst überholt. »Seniorinnen und Senioren waren noch nie so aktiv wie heute. Gerade in den ersten zehn Jahren nach der Pensionierung ist der Drang nach Aktivitäten groß«, sagt Obermeier. Onlinern bieten sich dabei neue Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Manche tauschten sich per Mail oder in Foren beispielsweise über das Ehrenamt oder den Sportverein aus. Eine befragte Person, die nicht mehr gut zu Fuß war, konnte Wanderrouten online verfolgen und wurde so weiter in die Gruppe integriert. Im Vordergrund stehe aber die Familie, erklärt Obermeier. »Per Videotelefonie oder WhatsApp in Echtzeit mit Kindern und Enkelkindern verbunden zu sein, ist ein großer Gewinn für die Onliner.«

Gegenüber ihren internetaffinen Eltern zeigten sich die Angehörigen »super stolz«. Doch mit einem Laptop oder Handy zum Geburtstag konnten Ältere erst einmal wenig anfangen. Kinder und Enkelkinder sollten deshalb geduldig sein und sich nicht bloß auf Ratgeberliteratur verlassen. Mit einem guten Beispiel ging eine der befragten Töchter voran. Sie schenkte ihrer Mutter Gutscheine für wöchentliche Übungsstunden am Computer – und löste das Versprechen tatsächlich gemeinsam mit ihr ein. Doch selbst wenn die Scheu vor der Technik bleibt: Die Mitarbeitenden von Fahrgastcentern, Banken, Arztpraxen und Schuhgeschäften helfen gewiss auch vor Ort oder telefonisch weiter.

Raissa Maas

www.initiatived21.de/publikationen/d21-digital-index-2017-2018
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de