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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Herrschaft über das Meer

Wer entscheidet darüber, wo in der Tiefsee Rohstoffe abgebaut werden dürfen und unter welchen Bedingungen? Politische Fragen wie diese rund ums Meer sind das Forschungsgebiet von Aletta Mondré. Sie leitet den einzigartigen Lehrstuhl für internationale Meerespolitik.


Foto: IISG/ENB

Im Meeresboden lagern begehrte Rohstoffe. Hierzu zählen neben Öl und Gas auch die ebenfalls wirtschaftlich interessanten marinen Gashydrate und Erze (Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfide). Bisher ist weder das genaue Ausmaß der Lagerstätten bekannt, noch gibt es Maschinen oder Techniken zur Förderung der Bodenschätze. Trotzdem stehen etliche Staaten und Unternehmen in den Startlöchern, um sich ein Stück vom Kuchen zu sichern.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass durch den Meeresbergbau viele Hundert Quadratkilometer Meeresboden unwiederbringlich geschädigt werden. Um Vorhaben im Tiefseebergbau zu regeln, wurde 1994 die Internationale Meeresbodenbehörde ISA (International Seabed Authority) durch das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) gegründet. Die UN-Behörde mit Sitz in Kingston, Jamaika, verwaltet die Bodenschätze des Meeresbodens unter internationalen Gewässern, vergibt Lizenzgebiete an interessierte Staaten und wacht darüber, dass die Umwelt geschützt wird und auch Entwicklungsländer an den Gewinnen beteiligt werden.

Professorin Aletta Mondré, die an der Universität Kiel den Arbeitsbereich Internationale Meerespolitik vertritt, nahm im März an der Ratssitzung der Meersbodenbehörde in Jamaika teil. »Als Politikwissenschaftlerin finde ich es spannend, dass wir uns eine internationale Organisation leisten, die Regeln aufstellt, obwohl es derzeit noch gar nicht möglich ist, die Ressourcen des Meeresbodens in der Tiefsee zu fördern.« Im Rat der UN-Behörde sind 37 Staaten vertreten. Diese werden nach einem komplexen Wahlsystem ermittelt, um sicherzustellen, dass sowohl Industriestaaten als auch Nicht-Industriestaaten und alle geografischen Regionen vertreten sind. Bei der jährlichen Versammlung der Behörde sind neben den Mitgliedern auch sogenannte Observer (Beobachter) beteiligt. Das können andere Staaten, internationale Organisationen sowie Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) sein.

Alettea Mondré. Foto: privat

Mondré nahm als Delegierte des seit 2017 als Beobachter akkre­ditierten Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), Potsdam, an der Versammlung teil. Der Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« hat eine lang bestehende Kooperation mit der Ocean Governance Gruppe des IASS, die in einem Projekt den Regulierungsrahmen für mögliche Tiefseebergbau-Aktivitäten analy­siert und im Dialog mit Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft eigenständige Beiträge und Impulse für den internationalen Verhandlungsprozess entwickelt. »Ich war im Beob­achterstatus dabei. Das heißt genau das. Man sitzt in der letzten Reihe, darf an dem offiziellen Teil der Verhandlungen teil­nehmen und hat auch ein Rederecht.«

Ein Thema bei der diesjährigen Tagung waren Verteilungsfragen, die sich aus dem »Common Heritage of Mankind«, also dem »Gemeinsamen Erbe der Menschheit« ergeben. Unter dieses völkerrechtliche Prinzip fällt der Tiefseeboden. Das heißt, kein Staat, kein Individuum oder Unternehmen hat exklusive Ansprüche. »Wenn nun ein Staat, der technologisch dazu in der Lage ist, Tiefseebergbau betreibt und Gewinne macht, muss er diesen mit den anderen teilen. Auf der Sitzung in diesem Jahr wurden wirtschaftliche Modelle hierzu vorgestellt und diskutiert. Da ging es zum Beispiel darum, in welchem Umfang alle Staaten am Gewinn beteiligt werden«, erklärt die Wissenschaftlerin. Die Frage ist, wer letztlich die Entscheidung trifft. »Wenn wir auf nationaler Ebene zum Beispiel eine Rentenreform machen, ist das eine politische Entscheidung. Da können wir als Gesellschaft nur hoffen, dass vorher möglichst viel Fachwissen eingebracht wird. Aber auch auf internationaler Ebene muss am Ende jemand die Verantwortung für die Entscheidung übernehmen.«

Die Politikwissenschaftlerin interessiert sich grundsätzlich für den Prozess, der zu den Entscheidungen, Leitlinien und Regularien führt. Dabei untersucht sie: Wer sind die Akteure? Wer ist besonders einflussreich und an welchen Kriterien lässt sich das festmachen? Offen ist auch, ob die ausgehandelten Regeln greifen. »Wenn in einem guten demokratischen Prozess verbindliche Regeln zustande gekommen sind, würden wir uns natürlich wünschen, dass die auch besonders gut und effektiv funktionieren. Aber das ist eine offene Forschungsfrage.« Dies gilt ebenso für politische Regulierungen bezüglich der Ausbeutung von Offshore-Öl- und Gasvorkommen, die im Zentrum der Forschung von Mondrés Mitarbeiterin Dr. Annegret Kuhn stehen.

Seit März 2017 verstärkt Mondrés Arbeitsgruppe den Forschungsschwerpunkt Kiel Marine Science (KMS) an der Universität Kiel. Die Wissenschaftlerin ist über die ganz großen Fragen von Krieg und Frieden zum Politikfeld Meer gekommen. Typisch sind etwa Grenzkonflikte, wenn Staaten sich nicht einigen können, wo die Seegrenzen zwischen ihnen verlaufen. Seit einigen Jahrzehnten lassen sich weltweit deutlich zunehmende politische Herrschaftsansprüche über Meeresgebiete sowie die Erschließung von marinen Ressourcen in immer weiteren Meeresregionen beobachten

»Dies führt zu neuen vielschichtigen Herausforderungen und Konfliktpotenzialen und verdeutlicht damit die verstärkte Relevanz einer internationalen Governance der Meere, die im Zentrum unserer Forschung und Lehre steht.« Mit einem eigenen Lehrstuhl für internationale Meerespolitik ist die Uni Kiel nach Auskunft von Mondré einzigartig. »Ich besuche viele politikwissenschaftliche Tagungen und habe bisher noch keinen Counterpart getroffen.«

Kerstin Nees
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