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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Arzneimittel nach Maß

Jeder Patient und jede Patientin ist anders. Wie sich passgenaue Medikamente herstellen lassen, erforscht die Abteilung für pharmazeutische Technologie und Biopharmazie. Eine Kooperation mit Oslo soll das Forschungs- und Lehrangebot weiter ausbauen.


Wie gut der Körper einen Arzneistoff aufnimmt, hängt nicht zuletzt von der Form seiner Verpackung ab. Foto: Thinkstock

»Die Ära, dass wir mit einem einzigen Arzneimittel eine Krankheit behandeln, ist vorbei. Wir brauchen individualisierte, personalisierte Therapien«, sagt Regina Scherließ, Professorin für pharmazeutische Technologie. Einer der Gründe, warum sie Ingunn Tho als Gastprofessorin für dieses Sommersemester nach Kiel holte. Tho forscht an der Universität Oslo zu maßgeschneiderten Arzneimitteln und ist Expertin, wenn es darum geht, Wirkstoffe so zu »verpacken«, dass sie für jede Patientin und jeden Patienten optimal wirken. Ihr geht es nicht um die Entwicklung von neuen Arzneistoffen, sondern um die passende Darreichungsform, also die Dosis und Form eines Medikaments. So existiert beispielsweise der vor allem gegen Fieber und Kopfschmerzen eingesetzte Wirkstoff Acetylsalicylsäure – auch bekannt als ASS – als herkömmliche Tablette sowie als Granulat, Kau- oder Brausetablette. In welcher Form ein Arzneistoff verabreicht wird, beeinflusst die an Grenzflächen stattfindenden Prozesse und damit zum Beispiel, wie schnell der Körper ein Medikament aufnimmt.

»Früher hat man Arzneimittel als 'one size fits all' entwickelt«, so Tho. »Aber Menschen reagieren unterschiedlich. Zum Beispiel, wenn mehrere Krankheiten gleichzeitig auftreten oder weil Kinder eine ganz andere Dosis benötigen.« Die Bedarfe von Kindern sind einer der Schwerpunkte ihrer Forschung in Oslo. Dort fertigt sie unter anderem Medikamentenfilme an, die sich ohne Runterschlucken im Mund auflösen.

Tho untersucht außerdem neue Technologien und Herstellverfahren, wie beispielsweise 3D-Druck. Sie erforscht, inwieweit es damit möglich ist, Arzneimittel individuell herzustellen und damit auch flexibler und günstiger. »Für meine Forschung gibt es in Kiel viele Methoden und Geräte, die wir so in Oslo nicht haben.« Langfristig kann so auch die Herstellung kleiner Stückzahlen von Medikamenten für seltene Erkrankungen rentabel werden. »Erste Tabletten aus dem 3-D-Drucker gibt es zwar bereits in den USA, doch sind noch viele Herausforderungen zu meistern«, sagt Scherließ.

Auf Einladung von Professorin Regina Scherließ (links) verbringt Professorin Inguun Tho von der Universität Oslo ein Semester in Kiel, um auf der Skandinavischen Gastprofessur zu lehren und zu forschen. Foto: Siekmann

Für Tho ist die Gastprofessur nicht die erste Begegnung mit Kiel: Bereits für die Abschlussarbeit ihres Pharmazie­stu­diums arbeitete sie an der Uni Kiel und entdeckte hier ihre Begeisterung für die Forschung. Eine internationale Austauschkooperation von Scherließ’ Vorgänger, Professor Bernd Müller, brachte sie damals vom Oslofjord in die Stadt an der Förde. Mehr als zwanzig Jahre später kehrte sie für das Programm der skandinavischen Gastprofessur zurück. Neben dem wissenschaftlichen Austausch hat Tho auch einige Lehr­veranstaltungen übernommen und neue Formate des Austauschs mitentwickelt. »Ich habe mich gefreut, dass mich sogar einige von damals wiedererkannt haben – ein bisschen wie nach Hause kommen.«

Die Vorteile der Gastprofessur liegen auf beiden Seiten, wie Scherließ betont. »Das ist eine tolle Möglichkeit, sich auch über strategische Fragen auszutauschen. Und unsere Studierenden und Promovierenden schätzen es, neue Perspektiven kennenzulernen.« Thos Aufenthalt soll den Grundstein legen für wissenschaftliche Kooperationen zwischen Kiel und Oslo und das studentische Austauschprogramm wiederbeleben. Wenn sie nach diesem Semester nach Oslo zurückkehrt, hat sie neben neuen Erinnerungen auch viele Ideen im Gepäck.

Julia Siekmann
Skandinavische Gastprofessur
Die seit 1964 bestehende dänische Gastprofessur wurde 2010 auf den gesamten skandinavischen Raum ausgeweitet. Ein Ziel des Programms des International Office ist, das wissenschaftliche Angebot der CAU in Forschung und Lehre mit internationalen Dozentinnen und Dozenten zu bereichern und den deutsch-skandinavischen Wissenschaftsaustausch zu fördern. Ein Semester lang forschen und unterrichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und halten öffentliche Vorträge. (jus)

www.international.uni-kiel.de/de/forschen-und-lehren-in-kiel/gastdozenturen
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