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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Glauben und glauben lassen

»Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« Diesen Absolutheitsanspruch erhe­ben fast alle großen Religionen, sodass der Offenheit Andersgläubigen gegenüber enge Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Trotzdem kann es eine aus der Religion selbst heraus begründete Toleranz geben.


Islam und Christentum: Die Symbole mögen verschieden sein, die Werte ähneln sich vielfach. Foto: iStock

Den Buddhismus setzt Professor Hartmut Rosenau in Klammern, sonst aber steht für ihn fest: »Alle Weltreligionen nehmen für sich in Anspruch, die Wahrheit und den richtigen Weg zu vertreten.« Gerade das Christentum liefert für den Mann, der an der Uni Kiel den Lehrstuhl für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik besetzt, »viele, viele traurige Beispiele« für die fatalen Folgen, die ein solcher Anspruch aufs Alleinseligmachende haben kann. Die Inquisition verbrannte im Namen des Herrn angebliche Hexen und Ketzer. In Amerika und anderswo wurde nach dem Motto »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein« rücksichtslos zwangsmissioniert. Für Rosenau sind das nur die schlimmsten von zahlreichen Auswüchsen unter der Flagge des Christentums.

»Ähnliches hat sich auch in anderen Religionen zugetragen«, sagt Rosenau zwar, doch für redlicher hält er es, sich erst einmal mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen. Mit einem Glauben, der sich eingebettet sieht in eine postmoderne Gesellschaft, in der keine Religion und keine Weltanschauung maßgeblich, sondern Pluralismus das oberste Gebot ist. Was nach Einschätzung des Theologen aber nichts daran ändert, dass sich viele religiös überzeugte Menschen schwer tun mit solcher Unverbindlichkeit.

»Genau da könnte ein religiös begründeter Toleranzgedanke hilfreich sein«, meint Hartmut Rosenau, der jedoch nicht als Erster auf diese Idee kam. Bekannt geworden ist der Tübinger Theologe Hans Küng mit seinem Projekt Weltethos, das hervorhebt: »Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden. Kein Religionsfrieden ohne Dialog der Religionen.« Ein Postulat, das nach Rosenaus Interpretation auf die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner für eine allen Religionen innewohnende Ethik und Moral hinausläuft. »Wenn die Bereitschaft da ist, sich darauf einzulassen, gibt es da tatsächlich eine ganze Menge Gemeinsamkeiten«, glaubt der Kieler Theologe.

Eine andere Möglichkeit ist die Ableitung des Toleranzgedankens aus der religiösen Innenperspektive. »Was können Christen aus ihrem eigenen Glauben heraus an Toleranzpotenzial entwickeln?«, lautet dabei die Gretchenfrage. Ganz einfach lässt sich eine solche Perspektive in dem von Rosenau angeführten Gebot der Feindesliebe erkennen, etwas abstrakter wird es, wenn er den Glauben an Jesus anführt. Denn es steht schon im Neuen Testament, dass Jesus von Nazareth durch Gott definiert wird oder andersherum Gott selbst durch Jesus spricht und sich offenbart. Diese Glaubensgewissheit entsteht nur durch das Wirken des göttlichen Geistes, nicht durch eigene Erkenntnis. Dann aber können Menschen, denen diese Glaubensgewissheit nicht zuteil wird, überhaupt nichts für ihren anderen Glauben oder Unglauben. Zu Ende gedacht heißt diese Argumentation für Rosenau: »Es gibt keinen Grund für Intoleranz gegen Andersgläubige«.

Genauso lautet das Fazit einer biblisch-theologischen Überlegung, die sich auf den sogenannten Heilsuniversalismus gründet. »Demnach werden am Ende aller Tage alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben gerettet, sodass beispielsweise keine Rechtfertigung für Zwangsmissionierung vorliegt«, sagt Rosenau. Auch das Verständnis, wonach sich Gott in der Geschichte offenbart und Geschichte immer insofern relativ ist, als sie von neuen Zeiten überlagert wird, führt für Hartmut Rosenau unmittelbar zur Toleranz. Dann nämlich werde ebenso der Glaube und erst recht das daraus abgeleitete Regelwerk zu einer relativen, weil historisch geprägten Größe. Durchweg haben solche aus der religiösen Innenperspektive gewonnenen Überlegungen aus Rosenaus Sicht den Vorteil, dass sie auch Menschen ansprechen, die sich in ihrer Religion ganz wohlfühlen und gar kein Bedürfnis nach Dialog haben.

Eine ganz andere Frage ist wiederum die nach den Grenzen der Toleranz. Auch darüber ließe sich aus Sicht der Theologie viel sagen, doch Hartmut Rosenau belässt es in diesem Kontext bei einen Satz: »Nicht tolerabel ist alles, was wechselseitiges Vertrauen grundsätzlich verletzt oder gefährdet.«

Martin Geist
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