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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

»Es könnte ja sein, dass ...«

Aliens und kleine grüne Männchen haben seit jeher die Phantasie von uns Irdischen angeregt. Insofern ist der Weltraum ein klassischer Tummelplatz für das, was man heute alternative Fakten nennt. Im unizeit-Interview äußert sich der Kieler Astrophysiker Professor Wolfgang Duschl über das Verhältnis von Wissenschaft und Wunschdenken.


Professor Wolfgang Duschl hat als Astrophysiker immer mal wieder seine liebe Not mit Fans von alternativen Fakten. Foto: Geist

unizeit: Ihre Disziplin, Herr Duschl, ist wahrscheinlich besonders anfällig für abenteuerliche Theorien, die rein gar nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Warum ist das so?
Wolfgang Duschl: Also die Vorstellung, dass wir paar Men­schen nicht die einzigen relativ intelligenten Lebewesen in diesem riesigen Universum sind, ist natürlich sehr reizvoll. Trotzdem eignen sich im Prinzip alle Fachbereiche für unplausible oder abstruse Gedankenkonstrukte. Wissen­schaft­licher Unfug wird gern für bare Münze genommen, ganz einfach weil es faszinierend ist.

Andererseits könnte ja die Wissenschaft sagen: Alles Quatsch, in Wahrheit verhält es sich so und so. Warum halten sich Phantasietheorien dennoch so hartnäckig?
Sie sagen es richtig, die Wissenschaft äußert sich ja entsprechend, aber sie steckt gewissermaßen in der Falle der Anhänger solcher Theorien. Vor ungefähr 30 Jahren kam zum Beispiel die Theorie vom Gesicht auf dem Mars auf. Tatsächlich gibt es Bilder, auf denen ein Bergmassiv zu erkennen ist, das von oben betrachtet einem Gesicht ähnelt. Wir wissen zwar längst, dass es sich dabei um den Schattenwurf einer Hügelkette handelt, und können das mit den heutigen hochauflösenden Kameras zweifelsfrei nachweisen, die andere Seite dreht das Argument aber einfach um. Dann heißt es, es handele sich ja um wissenschaftliche Aufnahmen, und ein solches Gesicht könne nicht ohne das Zutun intelligenter Wesen entstanden sein.

Gibt es ein durchgängiges Schema der Konstruktion alternativer Fakten?
Ein Stück weit schon. Im Prinzip handelt es sich ja immer um Verschwörungstheorien. Es wird behauptet, dass ein elitärer Kreis von Menschen, geleitet von speziellen Interessen dem Rest der Welt etwas vorenthalten möchte. Meistens lautet die Ausgangsüberlegung: »Es könnte ja sein, dass …« – etwa in der Art: »Wäre ja möglich, dass kluge Wesen auf einem fernen Planeten fliegen können und eines Tages uns Erdlinge besuchen werden.« Oft brauchen wir noch nicht einmal die Wissenschaft, um solche Theorien, gelinde gesagt, in Zweifel zu ziehen, sondern es genügt der gesunde Menschenverstand. Wenn diese Wesen wirklich so intelligent sind und durchs ganze All sausen, warum sind sie dann zu dusselig, um in New Mexiko zu landen?

Die angeblich gefakte Mondlandung ist auch eine dieser zeitlosen Verschwörungstheorien.
Ja, und das, obwohl praktisch alles an diesen Behauptungen widerlegt ist. Heute sind dank der neuen Kameras sogar die Fußabdrücke der Astronauten von damals zu sehen. Solche Argumente sind aber zweischneidig, denn jeder Versuch, eine Verschwörungstheorie zu entlarven, wird wieder als Teil dieser Verschwörung gedeutet. »Wenn wir nicht recht hätten, warum würde man sich dann solche Mühe geben, uns zu widerlegen?«, lautet dann die Argumentation.

Aber ganz im Ernst: Es könnte ja vielleicht wirklich Leben geben irgendwo ganz weit weg.
Das ist zumindest eine Überlegung, der wir an der Uni Kiel sehr ernsthaft nachgehen. Leben in dem Sinn, wie wir es verstehen, erfordert neben einigen anderen klimatischen Faktoren Temperaturen im Bereich zwischen null und hundert Grad. Und wir haben in der jüngeren Vergangenheit nachgewiesen, dass diese Bedingungen tatsächlich sehr viel häufiger erfüllt sind, als man das früher dachte. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis ist die Wissenschaft, wenn man so will, den Sternen gefolgt. Seit gut 20 Jahren wissen wir, dass die Sonne nicht der einzige Stern ist, um den Planeten kreisen, sondern solche Planeten auch außerhalb des Sonnensystems vorhanden sind. Wir reden dann von Exoplaneten, die insofern sehr spannend sind, als mit ihnen sehr oft Atmosphären verbunden sind. So wie die Sonne auf unserer Erde Leben möglich macht, könnte das also theoretisch auch anderswo sein.

Wie geht die Wissenschaft an dieses Phänomen heran?
Wenn es überhaupt solches Leben gibt, dann sollte das in sehr vielen Fällen auch in der Atmosphäre stecken. Es dauert vielleicht noch zehn Jahre, um entsprechende Nachweise optisch sichtbar zu machen. Konkret funktioniert das mit der Spektroskopie, also mit der Zerlegung des Lichts in seine Wellenlängen. In der Zwischenzeit beschäftigen wir an der Uni Kiel uns mit Modellrechnungen, die zeigen, was man dann sehen müsste. Dazu nehmen wir Daten von bekannten Exoplaneten oder von in ihrer Helligkeit bekannten Sternen, reichern sie mit Erkenntnissen der allgemeinen Physik an und füttern unsere Rechner. Sinn der Übung ist es, herauszufinden, wo es sich lohnt zu spektroskopieren, wenn in ein paar Jahren die Technik so weit ist.

Sieht ganz danach aus, als ob Sie damit einen wunderbaren Nährboden für viele neue merkwürdige Theorien bereiten.
Diese Befürchtung kann man haben. Aber das müssen wir in Kauf nehmen, wenn wir wissen wollen, was wirklich ist.

Das Interview führte Martin Geist
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