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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Heilsame Reize fürs Hirn

Digitale Medizin und Hirnstimulation: An der CAU wird seit 2017 ein EU-weites Groß­projekt koordiniert, in dem eine neue Behandlungsmethode für Kinder mit ADHS und Autismus entwickelt wird.


Entwickeln derzeit eine alternative Behandlungsmethode für Kinder mit ADHS und Autismus: Dr. Vera Moliadze (links) und Maike Splittgerber. Foto: pur.pur

Es ist Montagmorgen, gleich geht es zur Schule. Gefrühstückt wurde schon, jetzt folgt das tägliche Gehirntraining. Die Haube kommt auf den Kopf, das Tablet gibt die Aufgaben vor. Die Ergebnisse werden in einer Cloud gespeichert, es gibt ein Symptomtagebuch und der Arzt oder die Ärztin ist via Video­sprechstunde zu erreichen.

Noch ist es ein Zukunftsszenario, doch geht es nach Professor Michael Siniatchkin, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Soziologie, und seinem Team, ist diese Zukunft nicht mehr fern. Seit rund einem Jahr koordiniert Siniatchkin zusammen mit der Leiterin des Neurophysiologischen Labors des Instituts für Medizinische Psychologie, Dr. Vera Moliadze, die EU-geförderte Studie STIPED (Stimulation in Pediatrics). Ziel der Studie ist es, eine nichtmedikamentöse Behandlungsmethode für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus diagnostiziert wurde. Das Besondere an der Behandlung, die vielleicht bald zu Hause durchgeführt werden kann: Das Gehirn wird durch schwache Stromstöße stimuliert.

»Die Spannung ist dabei nicht höher, als bei einer elektrischen Spielzeugeisenbahn«, erklärt Siniatchkin. Nicht einmal ein Milliampere sei notwendig, um dem Gehirn beim Arbeiten zu helfen. »Lange Zeit hat sich niemand im neurowissenschaftlichen Bereich mit Hirnstimulation beschäftigt«, so Siniatchkin. »Seit den 2000ern wird es aber immer mehr zum Thema.« Bei Erwachsenen mit Depressionen, chronischen Schmerzen oder Bewegungs- und Denkproblemen nach einem Schlaganfall wird Hirnstimulation bereits erfolgreich angewendet. Eine Eins-zu-eins-Übertragung auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sei aber nicht möglich. »Kinder befinden sich ja noch in der Entwicklung«, erklärt Vera Moliadze. »Da müssen die Parameter der Behandlung individuell angepasst werden.« Auch solle die Hirnstimulation die konventionelle Behandlung nicht komplett ersetzen, sie sei als unterstützender Teil gedacht.

Um herauszufinden, welche Parameter für welches Kind geeignet sind, arbeitet das Kieler Team derzeit mit einer Kontrollgruppe zusammen, die aus gesunden Kindern und Jugendlichen besteht. In sechs Terminen inklusive Voruntersuchung, möglichst mit Kernspintomographie, wird die Kontrollgruppe getestet, zwei Mal mit schwachem Strom und zwei Mal ohne. Die Jugendlichen tragen Hauben, über die der Schwachstrom in spezielle Gehirnbereiche fließt. Dabei lösen sie am Computer Aufgaben, die das Arbeitsgedächtnis sowie die Impulskontrolle beanspruchen.

»Die Kinder und Jugendlichen wissen nicht, wann sie stimuliert werden und wann nicht«, erklärt Maike Splittgerber, eine an dem Projekt tätige Diplom-Psychologin, den Untersuchungsaufbau. »Nach den Sitzungen stellen wir ihnen Fragen: Habt ihr was gemerkt? Wie fühlte es sich an?« Meistens spüren die Kinder und Jugendlichen gar nichts. Die Daten werden in Kiel, Barcelona und Kopenhagen ausgewertet. In zwei Jahren wollen Splittgerber und Moliadze die Kinder noch einmal einladen und die Untersuchung wiederholen. Geplant ist, dass aus Laboren in Barcelona und Kopenhagen Informationen kommen, die dazu notwendig sind, individuelle Behandlungsparameter anzuwenden.

Zehn wissenschaftliche Institutionen und Industriepartner sind Teil des europäischen Zusammen­schlus­ses um STIPED. »In Barcelona entwickeln unsere Kolleginnen und Kollegen gerade einen Prototypen für die häusliche Anwendung«, sagt Siniatchkin und resümiert das erste Jahr: »Die Zeit war mit sehr intensiver Arbeit verbunden. Da wir mit einem neuen Medizinprodukt arbeiten, mussten wir spezielle Genehmigungen einholen und Vorstudien betreiben. Jetzt aber können wir richtig starten.«

Melanie Huber


Für das Projekt werden noch Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer Alter von 10 bis 18 Jahren ge­sucht, bei denen ADHS oder Autismus diagnostiziert wurde, sowie gesunde Personen für die Kontrollgruppe.

Kontakt und Information:
studienimps@med-psych.uni-kiel.de.
Kontrollgruppe: Tel. 0431/500-30835
ADHS: Tel. 0431/ 500-98341
Autismus: Tel. 0431/ 500-30813

www.stiped.eu
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