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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Kindchenschema und Pädophilie

Katzenbabys, Kaninchenkinder und Lars, den Eisbären: Wer findet sie nicht süß? Pädophile Männer empfinden das genauso wie nicht pädophile Männer und über­haupt wohl so ziemlich alle Menschen. Jedoch reagiert ihr Gehirn auffallend anders auf den Anblick entsprechender Bilder als das von normal Veranlagten. Warum?


Dr. Jorge Ponseti hat einen neuen Erklärungsansatz zur Ursache von Pädophilie gefunden. Foto: Geist

Weshalb sich Erwachsene sexuell von Kindern angezogen fühlen, ist der Wissenschaft nach wie vor ein Rätsel. Gewiss ist nur, dass dieses Phänomen fast ausschließlich bei Männern auftritt. So wie die Paraphilie, die »Perversion« genannt wurde, ehe dieser an sich neutrale Begriff ins Negative gewendet wurde, überhaupt eine sehr männliche Erscheinung ist. »Eine ganz kleine Ausnahme gibt es nur beim Masochismus, wo vielleicht zwei Prozent der Betroffenen weiblich sind«, beschreibt Dr. Jorge Ponseti vom Institut für Sexual­medizin der Uni Kiel die Dimension.

Was die Pädophilie betrifft, zeigen Frauen in seltenen Fällen allen­falls als Mittäterinnen ihrer entsprechend veranlagten Männer ein solches Verhalten. Bekannt ist außerdem, dass von den Männern, die Kinder missbrauchen, knapp die Hälfte überhaupt kein pädo­phi­les Motiv hat, sondern die Tat in Ermangelung eines erwach­senen Gegenübers begeht. »Ein typischer Fall ist der eines Mannes, der sich an der 13-jährigen Tochter seiner gerade nicht anwesenden Lebensgefährtin vergreift und sich das Opfer dabei älter vorstellt«, erläutert Ponseti.

Die Rückfallgefahr derartiger Täter ist relativ gering, denn der unbedingte und entsprechend schwer beherrschbare Trieb, Sex mit noch nicht geschlechtsreifen Personen auszuüben, ist ihnen fremd. Anders sehe es bei den »echten« Pädophilen aus. »Wenn die nicht straffällig werden wollen, sind sie im Grunde gezwungen, wie ein Mönch zu leben«, beschreibt der Kieler Psychologe deren Dilemma.

Umso wichtiger wäre es gerade für diese im wörtlichen Sinn Getriebenen, mehr über die Ursachen der Pädophilie zu erfahren. Norddeutsche Einrichtungen der Sexualmedizin und Psychiatrie haben dazu einen Verbund zur Erforschung der Neurobiologie der Pädophilie und des Kindesmissbrauchs gegründet und sich dem Thema auf vielerlei Wegen genähert. Einen der interessantesten hat Ponseti eingeschlagen. Der Privatdozent löste sich von der sexuellen Dimension und hielt sich erst einmal an die wörtliche Bedeutung des Begriffs Pädophilie, die nichts anderes als die »Liebe zum Kinde« meint.

Der bekannte Verhaltensbiologe Konrad Lorenz erkannte einst, dass viele Tiere, und auch die Menschen, stark auf das sogenannte Kindchenschema reagieren. Erblicken sie ein Gesicht mit großen Augen, hoher Stirn und flacher Nase, zeigen sie, wenn nicht gleich verzückte, so doch fast immer äußerst warme Gefühle. Was in die nüchterne Verhaltensbiologie übersetzt bedeutet: Das Kindchenschema löst bei den Eltern den Brutpflegeinstinkt und bei sonst feindlich gesinnten Lebewesen oft eine Beißhemmung aus.

Als sich Jorge Ponseti dem Thema näherte, stieß er auf den Lorenz-Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der dokumentiert hatte, dass Erwachsene in Papua-Neuguinea ihre Kinder auf die gleiche Weise füttern, wie es viele Tiere tun: Sie reichen die Nahrung von Mund zu Mund. Dieses »Kiss-Feeding« kann als der phylogenetische Ursprung des Kusses bezeichnet werden, glaubt Ponseti. Und folgert daraus, dass möglicherweise eine funktionale Nähe zwischen Brutpflege- und Fortpflanzungsverhalten vorliegen könnte.

Vor diesem Hintergrund zeigte die Norddeutsche Forschungsgruppe mehr als 100 jeweils zur Hälfte pädophilen und gesunden Probanden Bilder von Jungtieren und von ausgewachsenen Tieren. Auf diese Weise konnte mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) die Kindchenschema-Reaktion getestet werden. Alle Versuchspersonen fanden die Bilder zwar süß, aber nicht sexy. In einem bestimmten Bereich des Gehirns zeigten die Pädophilen jedoch starke Reaktionen, während die Angehörigen der Kontrollgruppe dort überhaupt nicht reagierten.

Die Tragweite dieser Beobachtung ist womöglich enorm. »Vielleicht verschwinden beim Pädophilen schlichtweg die Grenzen zwischen Sexualinstinkt und Brutpflegeinstinkt«, vermutet Ponseti. Was aus Sicht des Wissenschaftlers schon insofern nicht abwegig ist, als laut diversen Studien beim männlichen Menschen der Brutpflegeinstinkt im Vergleich zu anderen männlichen Säugetieren auffällig stark ausgeprägt ist.

Trifft seine These zu, könnten sich erhebliche Verbesserungen für die Behandlung von Pädophilie ergeben. Das Mittel der Wahl ist bisher die Verhaltenstherapie, die darauf hinwirkt, dass Betroffene ihren Trieb unter Kontrolle halten können. In schweren Fällen werden auch Antidepressiva oder andere Medikamente zur Triebdämpfung eingesetzt, doch ist das mit teilweise erheblichen körperlichen Nebenwirkungen verbunden. Ist das Problem aber tatsächlich eng mit dem Brutpflegeinstinkt verbunden, würde womöglich die Blockade von Hormonen, die sich auch in der Menopause der Frau verändern, bessere Erfolge bei geringeren Nebenwirkungen bringen. Dr. Ponseti denkt zum Beispiel daran, die Östrogenrezeptoren gezielt auszuschalten.

Die Versuchsergebnisse der Kieler Sexualmedizin sind auf jeden Fall interessant, müssen aber noch durch weitere Studien abgesichert werden. Die mithilfe von MRT gewonnenen Daten sollen jetzt noch einmal per Elektroenzephalografie (EEG) geprüft werden. Sollte sich das Bild bestätigen, wäre es nach Ponsetis Einschätzung tatsächlich an der Zeit, über neue Formen der Therapie nachzudenken.

Martin Geist
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