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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Alles auf Anfang

Zweifel gehören zur wissenschaftlichen Grundhaltung. Manchmal jedoch beziehen sich die Zweifel auch auf das Studium an sich. Für Studierende, die sich nicht sicher sind, ob das, was sie tun, das Richtige für sie ist, bietet die Uni Kiel zusammen mit der Handwerkskammer Lübeck seit Jahren Beratung an. Und die mündet zuweilen in ganz anderen Karrieren.


Handwerk statt Hörsaal: Leif Rogge will eine Ausbildung als Zimmermann machen. Foto: Geist

Anette Schmitz von der Zentralen Studienberatung (ZSB) im Anbau des Uni-Hochhauses kennt es genau. Wenige Wochen nach Semesterbeginn kommen die ersten jungen Leute und offenbaren: »Es ist doch ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe.« Die Alarmglocken schrillen bei der erfahrenen Beraterin in diesen Fällen noch lange nicht. »Meistens sind das einfach Anpassungsschwierigkeiten, die sich schnell legen«, berichtet Anette Schmitz von zahlreichen erst einmal Unsicheren, die später ein glückliches Leben auf dem Campus führten.

Verfestigt sich allerdings das Unbehagen an der Uni, sieht die Sache anders aus. Dann stellt sich die Frage nach Alternativen zur akademischen Laufbahn - und oft rückt dann eine duale Berufsausbildung in den Fokus. Entsprechende Kompetenz steuert seit 2015 die Handwerkskammer Lübeck bei. In dem zunächst dreijährigen Projekt, das jetzt um weitere drei Jahre verlängert wurde, geht es vor allem darum, den am Studium Zweifelnden andere Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten aufzuzeigen. »Wer sich für ein Studium entscheidet, denkt oft gar nicht darüber nach, vielleicht mal ein Praktikum zu machen und in andere berufliche Bereiche hineinzuschnuppern«, berichtet Nadine Grün, die für die Handwerkskammer Lübeck regelmäßig Sprechstunden in der ZSB anbietet. Wobei sie versichert, dass es keineswegs das Ziel sei, dem Handwerk um jeden Preis Nachwuchs zuzuführen.

Nadine Grün kooperiert eng mit Anette Schmitz und ihrem Team in der ZSB und rückt dabei stets die einzelne Person in den Fokus. Ausgelotet werden muss dann immer, wie der jeweilige Stand im Studium ist. Befindet sich jemand im sechsten Semester und hängt schon zwei oder drei hinterher, könnte den beiden Beraterinnen zufolge ein vertieftes Nachdenken über ein grundlegendes Umsteuern sehr angebracht sein. Wäre andererseits binnen eines Jahres ein Abschluss realistisch in Sicht, lautet die Empfehlung stets, diese letzte Etappe auch in Angriff zu nehmen.

Ergebnisoffenheit heißt das Stichwort, das schon insofern entscheidend ist, als andernfalls das Beratungsangebot überhaupt nicht ernst genommen würde. Läuft es am Ende - was keinesfalls immer der Fall ist - doch auf einen Abbruch des Studiums hinaus, hilft eine Beratung dabei, die Situation zu meistern. Hier geht es insbesondere darum, die angestrebte Richtung zu definieren und daraus einen in überschaubare Etappen gegliederten Fahrplan zu entwerfen. Für die Betroffenen kommt dadurch eine Struktur in die verworren erscheinende Lage.

Und was die Richtung betrifft, so versucht Nadine Grün, in jedem einzelnen Fall die persönlichen Interessen und Neigungen herauszukitzeln. Häufig folgt auf das Beratungsgespräch ein Praktikum, sehr häufig dabei zu einer Zeit, in der die Zweifelnden immer noch an der Uni eingeschrieben sind. »Es passiert auch immer wieder, dass jemand nach dem Praktikum zu der Überzeugung kommt, an der Uni doch besser aufgehoben zu sein«, berichtet Nadine Grün.

Allerdings bekommen solche Praktikantinnen oder Praktikanten oft sehr schnell Angebote für einen Ausbildungsplatz. Entscheidend ist laut Nadine Grün der persönliche und fachliche Eindruck, Vorbehalte gegen »studierte« Azubis gibt es nach ihrem Eindruck im Handwerk kaum noch.

So hat es auch Leif Rogge erlebt, der mit seinem Anglistik- und Skandinavistik-Studium nicht so recht glücklich wurde. »Die Perspektiven sahen nicht gut aus und überhaupt fühlte ich mich nicht so wohl«, beschreibt er seine Situation, die sich besserte, nachdem er vor etwa einem Jahr bei einer Informationsveranstaltung mit Nadine Grün ins Gespräch kam. »Sie hat mir Hoffnung gemacht«, erzählt Rogge, der nach eigenen Worten »schon immer handwerklich interessiert war« und sich dann entsprechend ausprobierte. Ein Praktikum als Segelmacher verlief bestens und wäre wohl auch in einen Ausbildungsvertrag gemündet. Doch der Student sah sich weiter um und gelangte an eine angesehene Kieler Zimmerei. Dort stellte sich nach 14 Tagen Zufriedenheit auf beiden Seiten ein, sodass Rogge im Alter von 30 Jahren einen Ausbildungsvertrag unterschrieb, um in ein neues Leben zu starten.

Zwölf Semester hat es in diesem Fall gedauert. Doch der angehende Handwerker ist sich sicher: »Das ist zwar spät, aber man kann immer auch einen anderen Weg einschlagen.«

Beratung für Studienzweifelnde in der Zentralen Studienberatung der Uni Kiel, Christian-Albrechts-Platz 5, Raum 08, dienstags 10 bis 13 Uhr.

Kontakt:
Nadine Grün, Tel. 0451/1506-135, E-Mail: ngruen@hwk-luebeck.de
www.zsb.uni-kiel.de

Martin Geist
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