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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Der außereuropäische Blick

Lassen sich Steinmonumente in Indien mit Großsteingräbern in Norddeutschland vergleichen? Europäische und indische Forscherinnen und Forscher trafen sich zum Wissensaustausch.


Ein Monument aus mehreren aufrecht stehenden Steinen erinnert an die Festaktivitäten ihres Erbauers aus dem Dorf Wuilong im indischen Bundesstaat Manipur. Foto: Gangotri Bhuyan

»Es gibt nur wenige Gebiete auf der Welt, wo Monumente aus großen Steinen errichtet werden«, sagt Professor Johannes Müller vom Institut für Ur- und Frühgeschichte. Dazu gehörten Madagaskar, die indonesische Insel Sumba sowie die indischen Bundesstaaten Nagaland und Manipur. »Seit drei Jahren kooperieren wir mit der Universität in Kohima, der Hauptstadt von Nagaland.« Das geschieht im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1400 »Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung« an der Uni Kiel. 2016 wurden Monumente in Nagaland bei einer gemeinsamen Feldkampagne vermessen, 2017 kamen indische Delegierte zu einer Konferenz nach Kiel. In diesem Jahr folgten ein Kurs für Dokto­ran­den in Kohima sowie ein Workshop mit Exkursionen, zusätzlich unterstützt mit Mitteln aus einem Son­der­forschungsbereich an der Johanna-Mestorf-Akademie der Uni Kiel und der Graduiertenschule »Dia­logues with the past« in Oslo.

Doktorandin Maria Wunderlich von der Kieler Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« ist eine der ersten, die Ergebnisse aus Deutschland, Indien und Indonesien miteinander vergleicht. »In meiner Dissertation geht es um die Sozialstrukturen und sozialen Aspekte von Megalithbauten.« Deren Funktion sei in den verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich: Die Großsteingräber in Norddeutschland stammen aus der Trichterbecherzeit (4100–2800 v. Chr.), bis zu 100 Personen wurden darin bestattet. Auf Sumba werden noch heute Megalithgräber für bis zu zehn Personen errichtet. Im Nordosten Indiens dienen Megalithe dagegen als Gedenksteine.

»Nagaland und Manipur liegen etwas abgeschieden an der Grenze zu Myanmar«, ordnet Maria Wun­der­lich ein. Die dort lebenden Gemeinschaften haben andere Traditionen als das restliche Indien. Beispiels­weise stellte man zur Erinnerung an besondere Ereignisse oder an verstorbene Persön­lichkeiten große Steine – Menhire – aufrecht in die Landschaft. Bei Konflikten mit anderen Dörfern durften diese Steine nicht zerstört werden. »Diese Tradition wurde bis ins 20. Jahrhundert gepflegt«, erklärt Wunderlich. Weil die heute 80-Jährigen das noch miterlebt haben, kann die Forschung auf ihre Erzählungen zurückgreifen. »Die indische Archäologie verwendet deshalb auch Methoden der Anthropologie.« Ein interdisziplinärer Ansatz, der auch zum Konzept der Kieler Graduiertenschule passt.

Dennoch unterscheidet sich die Herangehensweise in Nordostindien wesentlich von der Erforschung der hiesigen Großsteingräber. »Die Gesellschaften, über die wir arbeiten, existieren nicht mehr«, sagt Maria Wunderlich. »Unsere Interpretation ist daher geprägt vom heutigen Blick auf Gesellschaft.« Davon könne man sich frei machen, wenn man außereuropäische Sichtweisen einbeziehe. »In Nagaland sind die einzelnen Dörfer sehr autark und haben eine flache Hierarchie«, nennt sie als Beispiel. »Wer dort Menhire errichtet, gewinnt damit gesellschaftlichen Einfluss. Diese Interpretation hätte für mich nicht nahe gelegen.«

Erst mit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 entwickelte sich dort eine eigene Forschungstradition. Heute sei die Archäologie in Indien jedoch sehr vielfältig, mit einer großen Zahl an Fallstudien, sagt Wunderlich. »Leider wird das hier viel zu wenig wahrgenommen.« Umgekehrt hätten auch die indischen Forscherinnen und Forscher Wissenslücken, wenn es um europäische Beispiele gehe. So war der Workshop für beide Seiten eine willkommene Gelegenheit, sich auszutauschen. Im Doktoranden-Kurs wurden zudem gezielt europäisch-indische Paare gebildet, die ihre Forschung miteinander diskutierten. »Ich habe extrem viel gelernt«, so das Fazit von Maria Wunderlich.

»Dass wir direkt in Indien ein Seminar abhalten, ist etwas vollkommen Neues«, betont Professor Johannes Müller. »Das Ausbildungsniveau in Indien entspricht dem unseren, aber die Infrastruktur ist anders – es fehlt an Technik, Räumen und Geld.« In der Archäologie habe es mit Techniken wie Foto-Drohnen und 3-D-Fotografie einen »Quantensprung« gegeben, Objekte können schneller und genauer erfasst werden als noch vor zehn Jahren. Davon profitierte auch der Workshop in Kohima. Im kommenden Jahr sollen die Ergebnisse mit einer gemeinsamen Publikation dokumentiert werden. Johannes Müller: »Wir sind erst am Beginn einer intensiven Zusammenarbeit.«

Eva-Maria Karpf
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