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Nr. 95, 07.07.2018  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Blindheit im Alter

Blind zu sein, war schon immer schwierig. Wo die Probleme früher lagen und was Betroffene heute herausfordert, erklären zwei Wissenschaftlerinnen der Uni Kiel in einem neuen Buch. Dabei berücksichtigen sie nicht nur medizinische Aspekte.


Die Professorinnen Alexa Klettner und Gabriele Lingelbach zeigen in ihrem Buch, dass das Thema Blindheit viele Facetten hat. Sie appellieren an die Gesellschaft, die zunehmende Zahl an sehbehinderten und erblindeten Menschen teilhaben und Vorurteile beiseite zu lassen. Foto: Farah Claußen, CAU

Mit Brille oder Kontaktlinsen höchstens zwei Prozent Seh­kraft zu haben, das heißt blind zu sein. Mit weniger als 30 Pro­zent Sehschärfe gilt man als schwer sehbehindert. So definiert es der Deutsche Blinden- und Sehbehinder­ten­ver­band (DBSV). Und Blindheit ist wahrlich kein Rand­thema: Heute sind schätzungsweise 82.000 bis 150.000 Menschen in Deutschland erblindet und eine halbe bis eine Million schwer sehbehindert, Tendenz steigend. Dass so viele vom Verlust der Sehkraft betroffen sind, hängt vor allem mit der hohen Lebenserwartung zusammen. Noch vor knapp ein­hun­dert Jahren wurden bei der sogenannten Reichs­ge­brech­lichenzählung in Deutschland gerade einmal 40.000 Betrof­fene registriert.

Mit dem Thema haben auch die beiden Wissen­schaft­le­rin­nen Alexa Klett­ner und Gabriele Lingelbach zu tun. Klettner ist Professorin für experimentelle Augenheilkunde und Di­plom­biologin. Sie untersucht krankhafte Veränderungen bei altersabhängiger Erblindung des Auges, um neue Thera­pie­methoden zu entwickeln. Lingelbach erforscht als Profes­so­rin für Geschichte der Neuzeit unter anderem die histo­rische Dimension geistiger, körperlicher und psychischer Behin­derung ab dem 19. Jahrhundert.

Um sich dem Thema ganzheitlich zu nähern, haben sie das fachübergreifende Buch »Blindheit in der Gesellschaft« herausgegeben. Es enthält ein Einführungs­kapitel der Herausgeberinnen sowie sieben Artikel weiterer Autorinnen und Autoren, die das Thema aus medizinischer, soziologischer, psychologischer sowie historischer Perspektive beschreiben. »Der Umgang mit Blindheit ist nicht nur auf einen körperlichen Defekt begrenzt, für den die Medizin Lösungen sucht, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft: direkt, indirekt durch die Pflege erblindeter Angehöriger, aber auch gesamtgesellschaftlich, wenn auf politischer oder administrativer Ebene Entscheidungen für barrierefreie Zugänge im öffentlichen Raum getroffen werden«, sagen die Herausgeberinnen. Da sich unsere Gesellschaft in Zukunft auf eine zunehmende Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern einstellen muss, die an altersbedingten Sehbehinderungen erkranken, thematisiert das Buch vor allem die damit verbundenen Herausforderungen aller.

Im 18. Jahrhundert hatten Erblindete und schwer Sehbehinderte einen schweren Stand in der Gesellschaft. Blinden Bettlern wurde nachgesagt, sie würden sich durch Vortäuschen ihrer Blindheit Almosen erschleichen, was die allgemeine Angst vor erblindeten Menschen in der Gesellschaft schürte. Ferner waren Betroffene oft auf Hilfe angewiesen, zum Beispiel in Bezug auf ihre Mobilität. »Bis in die unmittelbare Vergangenheit waren die Menschen noch nicht so mobil, wie sie es heute sind. Es gab keine barrierefreien Busse. Der Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Markt oder zur Kirche musste zu Fuß bewältigt werden. Das war für erblindete oder schwer sehbehinderte Menschen ohne Hilfe kaum möglich«, erklärt Lingelbach.

Heute gibt es neben barrierefreien Bussen Mobilitätsassistenzen wie den weißen Langstock, den Führhund oder die sehende menschliche Assistenz. Diese können zwar den Aktionsradius und die gesellschaftliche Teilhabe von blinden Menschen deutlich erhöhen, aber nicht sämtliche Mobilitätsbarrieren beseitigen.

Hinzu kommt, dass gerade ältere, sehbehinderte Menschen im Vergleich zu Sehenden mit vielen psychischen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben. Dazu zählen etwa ein verringertes seelisches Wohlbefinden, eine stark beeinträchtigte Alltagskompetenz (zum Beispiel bei der Ausführung von Freizeitaktivitäten) und ein erhöhtes Risiko, kognitive Fähigkeiten zu verlieren. Sie erschweren ebenfalls die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und müssen aufgefangen werden.

Blindheit unterliegt nicht nur einem gesellschaftlichen Wandel. Auch Krankheitsursachen haben sich im Lauf der Zeit geändert. Früher erblindeten erwachsene Menschen meist durch Verletzungen am Auge bei Arbeitsunfällen oder durch Infektionskrankheiten wie Pocken. Säuglinge konnten durch schlechte hygienische Bedingungen bereits bei der Geburt erblinden. »Heute gelten Pocken als ausgerottet und Arbeitssicherheit sowie hohe hygienische Standards in Krankenhäusern sind selbstverständlich«, so Klettner. »Es haben sich nicht nur die Ursachen für Blindheit im Zeitverlauf gewandelt, sondern auch die Lebenslagen von blinden Menschen beziehungsweise der gesellschaftliche Umgang mit Blindheit«, ergänzt Lingelbach.

Die Hauptursache für eine Erblindung oder eine schwere Sehschwäche ist heutzutage das Alter. »Wir werden immer älter, und die Zellen - zum Beispiel im Linsenkern oder in der Retina – altern mit, verändern sich und können ihre Funktionsfähigkeit verlieren. Leider können sich die Zellen dort nicht regenerieren, sodass sich der Funktionsverlust direkt auf unsere Sehfähigkeit auswirken kann«, weiß Klettner. »Je älter wir werden, desto höher ist das Risiko, zu erblinden.« Seit dem 20. Jahrhundert sind die häufigsten Augenerkrankungen der Grüne Star (Glaukom), der Graue Star (Katarakt) und die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD). AMD führt zur allmählichen Erblindung und ist bislang nicht heilbar. Es wird davon ausgegangen, dass es im Jahr 2020 etwa eine Million AMD-Betroffene in Deutschland geben wird. Derartige Augenerkrankungen thematisiert das Buch gleich in mehreren Kapiteln.

»Unsere medialisierte Gesellschaft setzt mehr und mehr auf visuelle Reize«, stellt Lingelbach fest. Somit nimmt das Thema Barrierefreiheit auch auf medialer Ebene zu. Jüngste Entwicklungen, die Mediennutzung und das Internet für Menschen mit Sehbehinderung barrierefreier zu machen, werden von der »Blind Community« positiv aufgenommen. Diese Gemeinschaft von blinden und sehbehinderten Menschen ist gerade dabei zu wachsen. Betroffene tauschen sich in Foren und Chatrooms über die Definition ihrer kulturellen Identität aus.

Die Autorinnen sehen ihr Buch nicht nur als gelungenes fachübergreifendes Forschungsergebnis, sondern auch als einen Appell an Politik und Gesellschaft: »Gerade in Anbetracht der steigenden Zahl sehbehinderter Menschen ist es wichtig, dass sich unsere Gesellschaft darauf einstellt und diesen Menschen eine Teilhabe ermöglicht. Der Schlüssel dazu ist der Ausbau der Barrierefreiheit.«

Farah Claußen
Zum Weiterlesen:
Alexa Klettner und Gabriele Lingelbach (Hrsg.):
Blindheit in der Gesellschaft. Historischer Wandel und interdisziplinäre Zugänge. Frankfurt/New York 2018.

(fcl)
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