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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Macht der Worte

In unserem Alltagsdeutsch steckt mehr Nazisprache, als den meisten Menschen bewusst ist. Der Germanist Professor Jörg Kilian setzt sich deshalb dafür ein, in der Forschung und Lehre wie auch im Deutschunterricht auf dieses sprach­geschicht­liche Erbe aufmerksam zu machen. Besonders dann, wenn Nazisprache im poli­tischen Kontext laut wird.


Auch das Wort »Lügenpresse« hat eine unselige Tradition. Foto: Picture Alliance

Mädel, abholen, betreuen. Alle drei Wörter klingen harmlos, standen aber bei den Nationalsozialisten hoch im Kurs. Abholen, das war ein beschönigender Ausdruck für Deportation. Betreuen hieß es, wenn Menschen ins KZ verschleppt und ermordet wurden. Und der »Bund deutscher Mädel« hat die verniedlichende Bezeichnung für das weibliche Geschlecht nachhaltig in Verruf gebracht.

Jörg Kilian beschreibt mit diesen Beispielen die Tücken im Umgang mit der Sprache der Nazis: »Müssen wir bestimmte Wörter wieder freigeben, weil sich die Gesellschaft nicht mehr an ihre frühere Bedeutung erinnert und wir sie im Alltag ganz selbstverständlich benutzen?« Die Frage ist für Kilian in den meisten Fällen rhetorisch, denn selbstverständlich sollten aus seiner Sicht Wörter, die im Nationalsozialismus in eindeutiger ideologischer Absicht benutzt wurden, dann aber wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen, nach angemessener Zeit wieder respektiert werden.

Ein linguistischer Blick auf Wörter der Gegenwartssprache, die durch den NS-Sprachgebrauch ihre Unschuld verloren haben und historisch belastet sind, ist nach Kilians Überzeugung gleichwohl und gerade in diesen Zeiten wichtig: »In der AfD gibt es zum Beispiel die Forderung, das Wort völkisch wieder in den Sprachgebrauch einzuführen, Demonstranten empören sich über die vermeintliche Lügenpresse und angebliche Volksverräter.« All das klingt für Kilian verdächtig nach Versuchen, einer überwunden geglaubten Zeit wieder Zugang zu den Köpfen der Menschen zu verschaffen – und genau aus diesem Grund will er bei seinen Studierenden, die später im Deutschunterricht in den Klassenzimmern stehen, Sensibilität wecken. »Wenn man zudem beobachtet, dass das Wort Jude auf Schulhöfen wieder zum Schimpfwort wird, dann wird offenkundig, dass der Lauf der Geschichte des Sprachgebrauchs bisweilen auch auf Hindernisse stoßen muss«, fügt er hinzu.

Professor Jörg Kilian will für einen achtsamen Umgang mit der Sprache sensibilisieren. Foto: Geist

»Sprache und Sprachgebrauch im Nationalsozialismus« heißt ein Seminar, das Kilian dieses Wintersemester anbietet und das auf sehr großes Interesse bei den angehenden Lehrkräften stößt. Einerseits entspannt (»Ich will nicht Sprachpolizei spielen«) und andererseits mit der gebotenen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit will er die Antennen der Studierenden aktivieren, gerade auch für Formulierungen, die erst einmal kaum auffallen. Spricht beispiels­weise jemand von Blut und Boden, »dann zuckt jeder durch­schnittlich gebildete Mensch zusammen«, erläutert Kilian. Wenn auf den Fluren der Universitätsgebäude aber allerorten die Abkür­zung SS für Sommersemester zu lesen ist, denke kaum jemand an die ehemalige innenpolitische Kampftruppe der Nazis. Kilian plädiert deshalb nicht für ein Verbot des Kürzels, will aber darauf hinwirken, dass sich die künftigen Deutsch-Lehrkräfte solcher Sachverhalte bewusst sind.

Vielleicht, so gibt der Kieler Germanist zu, sei er in dieser Hinsicht ein bisschen idealistisch. Doch er glaubt eben daran, dass sich der Nationalsozialismus wahrscheinlich nicht völlig, aber womöglich doch in seinen schlimmsten Auswüchsen hätte eindämmen lassen, wenn ihm nicht vorab sprachlich der Weg geebnet worden wäre, wenn sich ihm größere Teile der damaligen Sprachgesellschaft durch bewusste Verweigerung des Nach- und Mit-Sprechens in den Weg gestellt hätten. Kilian denkt an die 1920er-Jahre, als eine ganze Generation damit aufwuchs, dass Menschen als Parasiten und Schädlinge bezeichnet wurden, die nichts anderes täten, als auf Kosten der deutschen Allgemeinheit zu leben. »Das Weltbild wurde auf diese Weise so weit verschoben, dass es zur Ermordung kein großer Schritt mehr war«, betont er.

Wissenschaftlich kann dieses Phänomen als Veränderung des Sprachspiels beschrieben werden. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) thematisierte erstmals das Konzept vom »Sprachspiel«, das beschreibt, in welchen konkreten Verwendungssituationen Begriffe auftauchen und zu Teilen einer »Lebensform« werden. Genau diese Herangehensweise kann auch heute aufschlussreich sein, versichert Kilian. So ist ihm aufgefallen, dass das Wort wuchern, das einst unrühmliche Verdienste an der Verbreitung des Judenhasses hatte, neuerdings wieder Konjunktur bekommt. Und wenn ein Politiker wie AfD-Mann Gauland sagt, »Wir werden uns unser Land wieder zurückholen«, dann stecke darin »die Behauptung, dass ‚uns‘ jemand etwas weggenommen hat, der nicht zu ‚uns‘ gehört«.

Den sprachlichen Anfängen zu wehren, Kindern und Jugendlichen dabei nicht moralisierend, sondern sachlich die mitunter unheilvolle Macht der Worte zu verdeutlichen, das ist für Professor Kilian allemal der Mühen wert. Zugleich ist die Wissenschaft ebenso wie die Schule nach seiner Überzeugung gut beraten, »die Kirche im Dorf zu lassen« und nicht jedes Wort auf die Goldwaage der politischen Korrektheit zu legen.

Martin Geist
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