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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

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Wenn technologieorientierte Unternehmen mit Universitäten zusammenarbeiten, befördert das die Entwicklung neuartiger und innovativer Technologien. Und auch die Universitäten profitieren von den Kooperationen.


Alexander Wirsich (links, Foto Nees) und Carsten Schultz (Foto Betti Bogya)

Die Zusammenarbeit mit externen Partnern, insbesondere Universitäten, gilt für Unternehmen als starker Motor der technologischen Entwicklung. Verschiedene Einzelfallstudien deuten darauf hin, dass Firmen, die mit Universitäten kooperieren, mehr Innovationen hervorbringen und technische Neuentwicklungen schneller auf den Markt bringen. Die Frage ist, lassen sich diese Befunde auch verallgemeinern? Ist es für Unternehmen grundsätzlich vorteilhaft, auf Kooperationen mit Universitäten zu setzen? Und in welcher Intensität sollten sie das tun? Diesen Fragen ging Dr. Alexander Wirsich vom Institut für Innovationsforschung in seiner Dissertation nach. »Um die Effekte klar darstellen zu können, muss man viele unterschiedliche Unternehmen langfristig beobachten«, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Technologiemanagement unter Leitung von Professor Carsten Schultz.

Für die Studie suchte der Volkswirt technologieorientierte Unternehmen aus, die über einen Zeitraum von 25 Jahren in dem Aktienindex Standard & Poor’s 500 (S&P 500) gelistet waren. Der Index umfasst die 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen. »Bei technologieorientierten Unternehmen war anzunehmen, dass sie mit Unis kooperieren sollten«, erklärt Wirsich. Insgesamt 318 Unternehmen erfüllten die Kriterien. In einer Längsschnittanalyse untersuchte er gemeinsame Publikationen der Unternehmen mit Universitäten sowie als Erfolgsmaß die Patente der Unternehmen und ihrer Tochterunternehmen in den Jahren 1985 bis 2007. Dabei kamen fast 170.000 Kooperationspublikationen und 650.000 Patente zusammen.

Diese wurden automatisiert ausgewertet. Bei den Publikationen wurden zum Beispiel wissenschaftliche Bereiche und Qualitätsmaße der Zeitschriften erfasst, bei den Patenten interessierte vor allem die Zuordnung innerhalb der internationalen Patentklassifikation (IPC). Wirsich: »Wir haben analysiert, ob die Kooperation das Patentverhalten über die Jahre verändert, ob das Unternehmen es schafft, neue Technologien auch jenseits der eigenen Kernkompetenz zu entwickeln. Denn das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen, nicht in eine Pfadabhängigkeit zu geraten.« Als klassisches Negativbeispiel führt er das Traditionsunternehmen Kodak an, das lange Zeit den Markt der Fotografie dominierte, sich aber beim Übergang von der analogen zur digitalen Fotografie nicht rechtzeitig neu aufgestellt hat.

Als technologische Neuheit galt in der Studie, wenn neue Technologiefelder entweder durch die Erforschung völlig neuer Technologien oder durch die neuartige Kombination bestehender Technologiefelder erschlossen werden. Und genau das wird durch Universitäts-Industrie-Kooperationen gefördert, wie die Ergebnisse der Studie zeigen. »Das heißt, die Unternehmen nutzen das Grundlagenwissen von Universitäten, entwickeln sich weiter und steigern ihre Innovationsleistung. Wir konnten aber auch zeigen, dass das nicht linear ansteigt, also dass mehr Kooperationen nicht unbedingt besser sind.« So kann es zum Beispiel sinnvoll für Unternehmen sein, die sehr intensiv mit Universitäten kooperieren, die Zusammenarbeit auf bestimmte Forschungsbereiche zu konzentrieren, um gegenseitiges Lernen und den Aufbau von Vertrauen zu ermöglichen.

»Die Studie hat sehr deutlich gezeigt, dass mit einer hohen Komplexität von Kooperationen tatsächlich auch negative Effekte einhergehen«, ergänzt Schultz. »Wenn ich in zu vielen inhaltlichen Bereichen parallel aktiv bin, sinkt die technologische Leistungsfähigkeit. Oder anders gesagt, bei hochkomplexen Projekten muss der Technologietransfer zwischen Unis und Unternehmen systematisch unterstützt werden.« In einer Folgestudie konnten auch positive Effekte auf den Unternehmenserfolg gezeigt werden, denn Kooperationen mit Unis signalisieren Investoren zukünftige Innovationen und daraus resultierende Gewinne.

Vorteilhaft sind diese Kooperationen aber nicht nur für den Industriepartner. Auch die Unis profitieren. »Eine gute Kooperation ist eine Kooperation mit Geben und Nehmen, auch inhaltlich«, betont Schultz. »Unternehmen liefern inhaltlichen Input, nicht nur bezüglich einer konkreten Fragestellung, die erforscht wird, sondern auch weil sie in einem fokussierten Bereich Kompetenzen haben, die an der Uni in dieser Tiefe nicht vorhanden sind.« Ebenfalls ein Argument für die Kooperationen: Drittmittel zum Beispiel von der Europäischen Union oder dem Bundesforschungsministerium gibt es insbesondere für universitäre Arbeitsgruppen, die mit der Industrie kooperieren. Die Studierenden und Promovierenden gewinnen durch die Zusammenarbeit Perspektiven für ihre weitere berufliche Laufbahn.

»Das Beste für uns ist, wenn die guten Absolventinnen und Absolventen in der Region bleiben, gute Entwicklerinnen oder Ingenieure werden, weiterhin den Kontakt zur Uni halten und in den Unternehmen oder ihren eigenen Start-ups das machen, was wir für richtig halten, in der Art und Weise, wie wir arbeiten – transparent, offen und ethisch.« Abgesehen davon sind diese Kooperationen politisch gewollt. »Das ist unser Auftrag. Universitäten müssen ihre Verantwortung für die Region wahrnehmen und auch für die wirtschaftliche Verwertung der Forschungsergebnisse sorgen.«

Kerstin Nees
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