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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Was geht App?

Wie verändern sich unsere Ausdrucks- und Interaktionsformen. Wie verändern sich unsere ästhetische Wahrnehmung und kulturellen Vorstellungen durch die Nutzung von sozialen Medien? Diesen Fragen geht das Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung gemeinsam mit Jugendlichen und Erwachsenen nach.


Spaghetti, Pizza, Sushi, belegte Bagels und Nachtisch aller Art: Instagram ist voll von Bildern diverser Gerichte. Der eine macht's, der andere macht's nach. Inzwischen wird rund um den Globus Essen gepostet. Diese und andere Nutzungspraktiken in verschiedenen sozialen Medien zu sammeln und – wertungsfrei – zu dokumentieren, das ist ein Ziel des Projekts »Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung«. Dabei setzt das Team um Medienpädagogin und Bildungsinformatikerin Professorin Heidrun Allert vom Institut für Pädagogik auf die Mitwirkung von Menschen jeden Alters. Online und in Workshops und Seminaren – sogenannten Forschungswerkstätten – dürfen sich Bürgerinnen und Bürger an diesem »Citizen Science Project« beteiligen, mitdiskutieren und Erfahrungen teilen.

»Wir wollen Einblicke bekommen, inwieweit sich die klassischen Formen kultureller Bildung durch die Digitalisierung, das heißt durch das Nutzen von sozialen Medien, ändern«, erklärt Christoph Richter, der das Projekt im Institut für Pädagogik betreut und koordiniert. Fotos, Videos, SMS-Nachrichten, WhatsApp-Gespräche, Twitter-Mitteilungen, Hashtags, Chats und mehr stehen im Fokus der Betrachtung. In Phase eins, die bis Mitte 2019 läuft, führt das Projekt in Kooperation mit Schulen, Volkshochschulen, dem Offenen Kanal Schleswig Holstein sowie dem Kontaktstudium an der Universität regionale Forschungswerkstätten durch. In Phase zwei, ab Mitte 2019, werden die Forschungswerkstätten in ein überregionales Onlineangebot überführt. Die Ergebnisse werden zudem in einem offenen Archiv für alle zugänglich gemacht.

Im Rahmen der bisherigen Forschungswerkstätten haben sich die Teilnehme­rinnen und Teilnehmer zum Beispiel mit Fragen der Veränderung ihrer Schreib­gewohnheiten, ihres Like-Verhaltens, aber auch dem Einfluss von Algorithmen auf ihr Nutzungsverhalten auseinandergesetzt. »In den bisher zusammen­getragenen Beispielen werden bereits jetzt erste interessante Muster sichtbar«, sagt Richter. So scheint die korrekte Rechtschreibung beim Schreiben von WhatsApp- oder SMS-Nachrichten für viele Teilnehmende von geringerer Bedeu­tung zu sein. Ein Grund: Diese Art der digitalen Kommunikation sei vergleichbar mit einem Gespräch. Oder wie es eine Teilnehmerin formulierte: »Man schreibt halt so, wie man spricht.« Muster gibt es auch in puncto Fotos und Videos. Essen zu fotografieren ist da nur ein Beispiel von vielen. Doch das ist längst nicht alles. »Ebenso interessant wie die Muster sind für uns auch die Unterschiede in den Nutzungspraktiken. Und die wollen wir erkunden«, so Allert.

Die vielfältigen Formen des Umgangs mit sozialen Medien zeigen sich etwa in den unterschiedlichen Bedeutungen, die mit einem Like assoziiert werden, oder auch im Umgang mit eigenen Beiträgen. »Die einen fangen an, sich selbst zu kuratieren«, nennt es Allert. »Sie gehen ihre Likes, Kommentare und geposteten Fotos durch und löschen, was ihnen als nicht mehr passend erscheint. Andere wiederum betrachten die Beiträge als Teil ihrer persönlichen Geschichte und nutzen die Chronik als Erinnerung und moderne Form des Fotoalbums.«

Beide Verhaltensweisen setzen jedoch ein Nachdenken voraus, über die eigene Nutzung von sozialen Medien und darüber, welches Bild man anderen von sich vermittelt. Genau das ist es, was das Projekt Onlinelabor langfristig erreichen will. »Die Bürger zu ermutigen, über ihre eigenen Praktiken bei Facebook, Instagram und Co nachzudenken«, sagt Allert. »Und ihnen aufzuzeigen, wie wir durch unsere Interaktions- und Nutzungsweisen digitale Kultur produktiv mitgestalten.« Ebenso wichtig wie die Antworten, die das Onlinelabor liefert, sind deshalb auch die Fragen, die in den Forschungswerkstätten aufgeworfen werden: Wie wirkt sich die Nutzung von sozialen Medien auf die eigene Identität aus? Welche neuen kulturellen Formen entstehen? Welche Rolle spielt die Technik mit ihren Algorithmen dabei? Denen wird das Projekt weiterhin nachgehen.

Jennifer Ruske

Das Projekt »Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung« ist am 1. Oktober 2017 gestartet und wird in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut durchgeführt. Gefördert wird es für vier Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Onlinelabor findet sich im Internet unter
digitalekultur.medienpaedagogik.uni-kiel.de.
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