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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Fisch aus dem Garten

Platz ist auf dem kleinsten Fleckchen Erde. Nach diesem Prinzip funktioniert das »Urban Gardening« genannte städtische Gärtnern. Genauso funktioniert auch eine vom Startup AquaCubes entwickelte nachhaltige Fischfarm für den eigenen Garten.


Tobias Möckel, Leonie Hock und Dr. Biniam Samuel habendas Startup AquaCubes gegründet. Foto: AquaCubes

Leonie Hock, Tobias Möckel und Dr. Biniam Samuel bringen ein breites Kompetenzspektrum von Raumplanung über Informatik bis zu Aquakultur zusammen. Genau diese Kompetenzen finden sich im Projekt AquaCubes wieder. Dessen Grundidee: Unabhängig von Vorkenntnissen sollen alle, die gern gesunden Fisch essen, im eigenen Garten eine Mini-Fischfarm betreiben können. »Ab zwei mal zwei Metern geht es los«, erläutert Tobias Möckel. Herzstück der Anlage ist in der Basisversion ein würfelförmiger Behälter, der einen Kubikmeter Wasser fasst und es ermöglicht, in einer Zuchtperiode 20 bis 25 Kilogramm Fisch aufzuziehen. Weil der im Prototyp bereits vorhandene Behälter sehr gut isoliert ist und sich die Wassertemperatur steuern lässt, sind bis zu vier Durchgänge im Jahr möglich, sodass schon die kleinste Fischfarm einen Jahresertrag von 80 bis 100 Kilo abwirft.

Damit das klappt, bedarf es allerdings einiger Finesse seitens des Teams von AquaCubes. »Fischzucht ist nicht ganz einfach«, betont Leonie Hock, die am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin schon einige Erfahrung mit Nachbarschaftsgärten und anderen Projekten rund um das Thema »Produktive Stadt« gesammelt und ehrenamtlich einen interkulturellen Nachbarschaftsgarten gegründet hat. Damit es doch einfach wird mit der Züchterei, setzt die Gruppe auf digitale Unterstützung. Eine App sammelt die Daten zur Wasserqualität, steuert Temperatur, Sauerstoffgehalt und andere wesentliche Dinge, und sie ist ebenso für die automatisierte Fütterung zuständig.

Während dieses Thema hauptsächlich Tobias Möckel bearbeitet, kümmert sich Biniam Samuel um einen weiteren wichtigen Teil des angestrebten Rundumsorglospakets: Er identifiziert geeignete Arten wie Forellen oder Tilapia und kümmert sich um die bestmöglichen Bedingungen für die entsprechenden Arten. »So kann eine optimale Fischhygiene und Gesundheit garantiert werden«, erläutert er. Zudem kennt sich Samuel als langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für Marine Aquakultur in Büsum hervorragend mit den idealen Lebensbedingungen für Fische in Zuchtanlagen aus.

Der Prototyp für die Mini-Fischfarm funktioniert schon, wird aber laufend optimiert. Foto: Claudia Eulitz

Zusätzlichen Charme gewinnt die Idee des Trios durch ihren nachhaltigen Ansatz. Die Anlage arbeitet im Kreislaufsystem, sodass sehr selten Wasser ausgetauscht werden muss. Und wenn doch, dann kann das abgelassene Wasser samt der darin enthaltenen Nährstoffe bequem zum Gießen genutzt werden. »Das ist wesentlich ökologischer als in den normalen Zuchtanlagen«, versichert Tobias Möckel und verweist obendrein auf das bei AquaCubes gar nicht erst anfallende Transportproblem: »Der größte Fischereihafen in Deutschland ist der Frankfurter Flughafen, bei uns wachsen die Fische vor der Haustür.«

Zu vielen Gelegenheiten, unter anderem auf der diesjährigen Hannover-Messe, hat das Startup sein Projekt bereits präsentiert. Und damit laut Leonie Hock »wahnsinnig viel positives Interesse« hervorgerufen. Und nicht nur das. Seit April erhalten die drei von AquaCubes über das Programm EXIST ein vom Bundeswirtschaftsministerium und aus dem Europäischen Sozialfonds finanziertes Gründungsstipendium. Der Lebensunterhalt und in einem gewissen Umfang auch Sachmittel sind damit für ein Jahr gesichert.

Gleichwohl tickt die Uhr, und die junge Firma setzt alles daran, um ihr Produkt spätestens bis Ende 2019 zur Marktreife zu entwickeln. Der Prototyp wird ständig verbessert, es laufen jede Menge Gespräche wegen Kooperationen mit der Industrie, Finanzierung und Marketing sind ebenfalls große Themen. Mehr als dankbar sind Hock, Möckel und Samuel dabei über die Unterstützung des Zentrums für Entrepreneurship der Uni Kiel. Das vermittelte dem Startup in Person von Hauke Fuß zudem einen führungserfahrenen Coach, der schon manche Klippe zu umschiffen half. Ebenso hilfreich ist der Umstand, dass das junge Unternehmen seinen Sitz im Wirtschafts- und Wissenschaftspark mariCUBE in Büsum hat und damit bei Bedarf einfach auf Expertise um die Ecke zugreifen kann.

Wie viel die Fischfarm für zu Hause einmal kosten wird, hängt stark davon ab, welche Konditionen in den Gesprächen mit Zulieferunternehmen herauskommen. Vierstellig dürfte der Einstiegspreis auf jeden Fall ausfallen, was angesichts der zu erwartenden Ernte und der auf mindestens zehn Jahre veranschlagten Lebensdauer der Anlage jedoch keine Summe jenseits von Gut und Böse darstellt. Potenzielle Kundschaft erhofft sich AquaCubes jedenfalls in mehreren Bereichen: Unter Privatpersonen, in der Gastronomie, in Bildungseinrichtungen und ebenso in der Landwirtschaft. Schließlich kann die künftig auch mit 2,5 Kubikmeter Volumen lieferbare Büsumer Fischfarm beliebig erweitert werden und somit einen netten Nebenerwerb für Agrarbetriebe liefern.

Martin Geist
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